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Ameisenbläuling hat einen neuen Lebensraum

Konsequenter Schutz vorhandener Biotope und die sorgfältige Pflege solcher Rückzugsräume für Pflanzen und Tiere bringt Erfolge. Dies zeigt der jetzt gelungene Nachweis eines besonderen Schmetterlings mit einer fünf Millionen Jahre alten Evolutionsgeschichte. Der Ameisenbläuling (Maculinea nausithos) mit seiner besonderen Symbiose zwischen dem Großen Wiesenknopf und Ameisen hat einen Lebensraum bei Weißenbrüchen gefunden.
Ameisenbläuling hat einen neuen Lebensraum
Weißenbrüchen. Wir sind im Tal zwischen Weißenbrüchen und Kratzhahn in der Verbandsgemeinde Hamm. Ein herrlicher Sommertag mit strahlend blauem Himmel. In einigen Biotopflächen gibt es Pflanzen und Lebewesen, die äußerst selten im Land Rheinland-Pfalz und in Deutschland vorkommen. Wir suchen den Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Maculinea nauthisos), ein Schmetterling mit besonderer Lebensform. Vor zwei Jahren gab es erste Hinweise auf ein solches Vorkommen, aber der Nachweis gelang damals nicht.
"Das hier ist eindeutig ein Ameisenbläuling", sagt Dr. rer. nat. Ralph Schöpwinkel plötzlich. Der Experte für ökologische Fachgutachten und Schmetterlingskundler, der Biologe Hubert Sumser und der Vorsitzende des Vereins für Naturschutz Sieg/Westerwald, Erich Betker, freuen sich. Das Gelände wird sorgfältig untersucht und das Vorkommen dieser sehr seltenen und außergewöhnlichen Schmetterlingsart bestätigt sich. Während Schöpwinkel die Schmetterlinge beobachtet, untersuchen Sumser und Betker den Wiesenboden. Die wichtigen Ameisenhügel sind da, einer wird vorsichtig angekratzt. Sumser entnimmt ein paar Ameisen, gibt sie in ein Probenglas. "Sie werden jetzt noch untersucht, wir müssen sicher sein, dass es sich um die richtige Formica rubra handelt", erklärt der Biologe. Es gibt auch Raubameisen, die wiederum die Larven des Schmetterlings fressen und nicht aufziehen.
Der Ameisenbläuling steht in Europa auf der Roten Liste. Auch in der Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Richtlinie (Anhang 4) ist diese Spezies als besonders schützenswert eingetragen.
Der Ameisenbläuling zählt zu den hoch spezialisierten Schmetterlingen, seine bizarre Lebensweise ist für Forscher weltweit höchst interessant. Der kleine filigrane Falter fällt dem ungeübten Auge kaum auf. Sitzt er auf seiner Wirtspflanze, dem Großen Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis), muss man oft zweimal hinschauen, um ihn zu erkennen. Der Ameisenbläuling braucht zwei Dinge zum Leben: den Großen Wiesenknopf und die rote Wiesenameise (Formica rubra). Der Wiesenknopf ist Futterpflanze, aber auch Brutablageplatz für die Nachkommen. In der Blütezeit des Wiesenknopfes, der auf feuchten ungedüngten Wiesen wächst, werden die Eier abgelegt und die kleinen Larven ernähren sich vom Inneren der Blüte. Nach der dritten Häutung beginnt der brutale Adoptionsprozess. Die Larven duften nach Honig, das wiederum gefällt den Wiesenameisen. Die Larven lassen sich auf den Wiesengrund fallen und werden von den Ameisen in den Bau getragen. Um gut durch den Winter zu kommen, fressen die Schmetterlingsraupen die Ameisenlarven. Die Wirtsameisen lassen sich von dem Honigduft der Larve täuschen. Bis zur Verpuppung im Juni kann so eine kleine Maculinea-Raupe bis zu 600 Ameisenlarven verspeisen. Das Puppenstadium dauert rund vier Wochen, dann schlüpft ein neuer Ameisenbläuling. Diese Lebensweise ist sehr komplex, wird auch nur ein Faktor gestört, stirbt eine solche Population aus.
Forscher haben weltweit die genetische Vielfalt der Maculinea-Arten untersucht, eine Evolutionsgeschichte, die vor mehr als fünf Millionen Jahren begann. Diese parasitäre Lebensform mit ihren höchst spezialisierten Anforderungen ist anfällig für jede Störung des Gleichgewichtes der Natur. Mit ein Grund, dass der Ameisenbläuling fast ausgestorben ist. Es gibt kaum Feuchtwiesen, wo der Wiesenknopf ungestört wachsen und blühen kann. Die Ameisen sind durch zu starke Beweidung und zu tiefes Mähen gefährdet.
Betker nimmt die Anregungen der Experten für die Pflege des Areals gerne an. Ein Teil des schützenswerten Gebietes gehört dem Land Rheinland-Pfalz und hier gibt es noch mehr zu entdecken. So findet man den Teufelsabbiss (Succisa pratensis), eine Wiesenstaude, die ebenfalls in der Roten Liste der gefährdeten Arten steht. Der Teufelsabbiss zählt zur Familie der Kardengewächse, er wächst auf Magerwiesen in feuchten Regionen. Die besondere Form der Wurzel gab der Staude ihren Namen. Die Blüte liefert Nahrung für viele Schmetterlingsarten, auch für das Große Ochsenauge oder das Blutströpfchen. Auch der Blutweiderich (Lythrum salicaria) hat sich hier angesiedelt und bildet einen reizvollen Anblick. Die schöne Staude ist heute in Sümpfen und an Bachläufen zu finden. Sie ist Futterpflanze für zahlreiche Insektenarten. Die Raupen des Nachtpfauenauges brauchen den Blutweiderich als Futterpflanze.
Im Laufe der Exkursion werden zahlreiche Schmetterlinge entdeckt und bestimmt. So gibt es den Edelfalter "Landkärtchen" (Araschnia levana) recht häufig. Der Name kommt von der Zeichnung der Flügelunterseite, sie ähnelt einer Landkarte. Ebenfalls zu Familie der Edelfalter zählt das Große Ochsenauge (Maniola jurtina). Diese Falter finden sich hier ebenfalls. Reizvoll anzuschauen ist der Hauhechelbläuling (Polyommatus icarus), der in strahlendem Sonnenschein den Hornklee besucht.
Es flattert und summt, der Tisch für Schmetterlinge und Insekten ist reich gedeckt, zumal viele Pflanzen in voller Blüte stehen. Da kommt ein Tagpfauenauge ebenso zur Nahrungsaufnahme wie ein Weichkäfer und die Honigbienen.
Die Begehung beginnt an der "Höhnerwiese", einem reizvollen Biotop mit seltenen Pflanzen und Insekten. Hier wächst der Igelkolben im moorigen Boden, der geschützte Frauenmantel hat einen Platz erobert. Betker und seine Vereinsmitglieder pflegen das Areal schon seit vielen Jahren. Mit Zustimmung der Ortsgemeinde Weißenbrüchen wurde der verrohrte Bauchlauf vor Jahren aufgebrochen und die Moorwiese entstand. Eine Informationstafel lädt Wanderer und Spaziergänger ein, sich die das Areal näher anzuschauen.
Um einen dauerhaften Schutz zu gewährleisten, müssen Gutachten und Nachweise zu den gefährdeten Arten erbracht werden. Dies ist jetzt möglich - darüber freuen sich Erich Betker und der Verein für Naturschutz Sieg/Westerwald. (Helga Wienand)
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Der Wiesenknopf-Ameisenbläuling lebt in einem einzigartigen Biotop in der Ortsgemeinde Weißenbrüchen. Fotos: Helga Wienand
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