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Nachricht vom 10.11.2017 - 23:09 Uhr    

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Betzdorf

Am Abend des 9. Novembers fanden sich um 18 Uhr knapp 80 Menschen im Ratssaal des Betzdorfer Rathauses ein, um der Opfer der Reichspogromnacht zu gedenken. Betzdorfer Bürgermeister Bernd Brato, Martin Hassler von den Grünen und Gerd Bäumer, Geschäftsführer des Betzdorfer Geschichte e.V., stellten sich repräsentativ der deutschen Geschichte, um die Erinnerungen an die Gräueltaten der Nazizeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Anschließend pilgerte man zur Gedenkrosette am Übergang Viktoriastraße um gemeinsam inne zu halten.

Betzdorfer Bürgermeister Bernd Brato hinten links andächtig bei der Kranzniederlegung an der Gedenkrosette am Übergang Viktoriastraße in Betzdorf. Foto: Mario Löhr

Betzdorf. Bürgermeister Bernd Brato betonte zu Beginn der Gedenkfeier, dass derjenige, der die deutsche Geschichte verleugne, die Opfer der NS-Zeit ein zweites Mal töte. Bewusst und entschieden müsse man sich gegen „Hass, Hetze, Rassismus und Antisemitismus“ stellen und im Gegenzug auf „Menschlichkeit, Toleranz und Willkommenskultur“ vertrauen.

Brato verwies auf den Ausgang der vergangenen Bundestagswahl und stellte besorgt fest, dass der Versuch unternommen wurde, rechte Ideologien wieder salonfähig zu machen. Man müsse sich stets vor Augen halten, dass geistige Brandstiftung sehr oft zu realer Brandstiftung führen kann. Die mittlerweile nun schon wöchentlich stattfindenden Anschläge auf Flüchtlingsheime in Deutschland kommentierte Brato als „unerträglich“ und als „beschämend“ für das Land. Es sei die Aufgabe der Politik, gerade den jungen Menschen des Landes verständlich zu machen, wozu Gedankengut in der Vergangenheit führen konnte.
Martin Hassler von den Grünen baute im Anschluss auf den warnenden Worten Bratos auf. Hassler dekonstruierte ohne Rücksicht auf das Lutherjahr den Judenhass des Reformators.

Luther habe seiner Zeit ohne kritische Reflexion den von Hassler als „dummes Vorurteil“ betitelten Gedanken, dass die Juden am Tode von Jesus schuld gewesen seien, übernommen. Luther sei allerdings kein klassischer Antisemit gewesen. Luthers Judenhass basierte auf seiner Enttäuschung darüber, dass viele Juden zu seiner Zeit nicht an Christus glauben wollten. Hassler prangerte die Scheinheiligkeit des Reformators an, „dem doch gerade die Gnade Gottes so wichtig war“. Tatsächlich gab es zu Luthers Lebzeiten vor der Kirche in Wittenberg eine sogenannte „Judensau“, eine Steinfigur, welche Menschen jüdischen Glaubens verhöhnen sollte.

Luther formulierte auch Vorschläge zur Verfolgung der Juden, welche womöglich sogar den Leuten der Sturmabteilung als Anleitung gedient haben könnten. Am 10. November 1933, also am 450. Geburtstag Martin Luthers, standen Mitglieder der Sturmabteilung deutschlandweit mit Fackeln an Luther-Denkmälern Wache. In Betzdorf wurde ein öffentlicher Lutherumzug von der evangelischen Kirchengemeinde veranlasst.

Luther wurde von vielen Nazis als der „erste, echte Deutsche“ angesehen. Die Tatsache, dass der Reformator Jesus Christus als gebürtigen Juden ansah, ignorierten sie allerdings. Juden entsprachen nicht dem „Rassenideal“ der Nationalsozialisten, waren in ihren Augen lebensunwerte Wesen.

Hassler betonte aber auch ausdrücklich und somit relativierend, dass sich die „Evangelische Kirche intensiv mit ihrem Erbe, dem Judenhass Luthers, auseinandergesetzt und diesen gründlich verurteilt“ habe.

Die Frage, wer überhaupt zu Deutschland gehöre, beantwortete Hassler so: „Alle, die in unserem Land dauerhaft leben und Ja sagen zu seinem Grundgesetz, das unsere Freiheit garantieren will.“ Die Wahlergebnisse der Bundestagswahl liest der Grünen-Politiker als Angst vor allem, was zunächst fremd erscheint. Doch hätten Flüchtlinge ein Recht auf Schutz in Deutschland. Die Bekämpfung von Fluchtursachen sei ebenfalls eine Pflicht des Landes.

Gerd Bäumer, Geschäftsführer des Betzdorfer Geschichte e.V., kündigte seinen Beitrag als „Geschichtsstunde“ an. Er führte in das Thema ein, indem er einen Abschiedsbrief eines jüdischen Ehepaares aus Siegen vorlas. Hugo und Ida Herrmann begangen 1941 Selbstmord, um dem Grauen der Nazis zu entkommen. Sie verteidigten ihren Freitod wie folgt:
„Unseren Schritt, freiwillig aus dem Leben zu gehen, werden Sie nach allem was wir seit 1933 erlebt haben und was uns noch bevorsteht, verstehen. Sollten wir damit eine Sünde begangen haben, so hoffen wir, dass der liebe Gott uns diese Sünde vergeben wird und auch die Menschen uns verzeihen werden, die uns im Leben nahe gestanden haben.“
Diese letzten Worte eines verzweifelten Ehepaares aus der Region dienten Bäumer als ergreifendes Exposé in das größte Schreckenskapitel der deutschen Geschichte.

Ab 1933 wurden Juden durch den Staat verfolgt. Der Volksempfänger, im Volksmund auch „Goebbels-Schnauze“ genannt, half den Nazis beim Verbreiten ihrer Ideen. Wer als Jude nicht auswanderte, wurde getötet. Am 9. November 1938 hatte der Judenhass seinen Zenit erreicht. In der Reichspogromnacht brannten deutschlandweit 1400 Synagogen nieder. Auch die nahegelegenen Synagogen in Siegen und Hamm wurden zerstört. Juden wurden in dieser Nacht systematisch erschlagen, erschossen und zum Selbstmord getrieben.

In Betzdorf wurde 1925 eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet. 1931 sprach Adolf Hitler in Wallmenroth vor einer Vielzahl seiner Anhänger. Nach Hitlers Machtübernahme wurden in Betzdorf viele Straßen umbenannt. So wurde aus der Wilhelmstraße gar die Adolf-Hitler-Straße. In jener stand auch das Versammlungszentrum der lokalen Nationalsozialisten. Im Volksmund nannte man es „das braune Haus“. Da Betzdorf überwiegend katholisch und politisch konservativ gesinnt war, gab es allerdings auch Widerstand gegen die Allmacht der Nazis, welcher aber nichts ausrichten konnte.

Bäumer hatte eine Reise nach Israel unternommen und präsentierte authentische, „absolut abstoßende“, auf Schilder gepresste Naziparolen der damaligen Zeit:

„Juden sind hier unerwünscht.“
„Kauft nicht bei Juden.“
„Jüdisches Geschäft. Wer hier kauft, wird fotografiert.“
„Juden werden hier nicht bedient.“

Auch am Betzdorfer Bahnhof hing 1935 ein ähnliches Schild: „Juden sind in Betzdorf unerwünscht.“

1938 waren die meisten Betzdorfer Juden bereits geflohen. Aber nur wer nach Palästina oder nach Übersee auswanderte überlebte. Tatsächlich ist aus Betzdorf kein Jude direkt deportiert worden. Von den insgesamt 40 Juden, die in den 30er Jahren in Betzdorf lebten, überlebten nur 15 den Holocaust. 21 der Betzdorfer Juden kamen in Konzentrationslagern ums Leben. Die Verschollenen kann man ebenfalls zu den Ermordeten zählen.

Die bekannteste jüdische Familie aus Betzdorf hieß Tobias. Bis 1938 lebte sie in der Steinerother Straße. Die Familie floh nach Südamerika. Was von ihren Besitztümern nicht mehr in die Seekisten passte, wurde laut Zeitzeugenberichten vor dem Haus der Familie verramscht.

Bäumer fasste die Intention der Gedenkfeier am Schluss seines Vortrags zusammen: „Wir möchten erreichen, dass solche schrecklichen und unfassbaren Ereignisse sich nicht wiederholen.“

Bäumer bediente sich abschließend noch den Worten Helmut Schmidts, welcher 1977 in Auschwitz gesagt hatte: „Wir wissen, dass wir nichts ungeschehen machen können, aber wir können Folgerungen für die Zukunft ziehen.“

Andächtig pilgerten alle Anwesenden anschließend zur Gedenkrosette am Übergang Viktoriastraße. Ein Kranz wurde niedergelegt, man hielt kurz gemeinsam inne und verließ dann tief bewegt das Areal. (jmlp)

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