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Focus Online: Steil in Betzdorf über Veränderungen im Journalismus
Daniel Steil, Chefredakteur von Focus Online und Geschäftsführer der Focus Online Group referierte am Dienstagabend, den 13. Dezember über das Thema „Wer empfängt- der sendet: Disruptive Veränderungen im Journalismus“ beim vierten WWLab Gründertalk in Betzdorf. Der Journalismus hat sich in den letzten fünf Jahren drastisch verändert.
Daniel Steil, Chefredakteur und Geschäftsführer der Focus Online Group referierte über die disruptiven Veränderungen im Journalismus im WWLab in Betzdorf. Foto: jkhBetzdorf. Printmedien werden immer weiter von Onlinemedien verdrängt. Dies liegt an ihrer Langsamkeit, aber auch an dem Papierformat an sich. Eine Zeitung zu lesen erfordert einige Konzentration. Das große Format sorgt zudem dafür, dass sich zwischen dem Leser und anderen Menschen eine „Mauer“ aufbaut. Ganz nach der Devise, wer eine Zeitung liest, den soll man nicht stören. Dabei lesen nur 13 Prozent überhaupt einen 60 zeiligen Artikel zu Ende.

Auf einem Desktop herrscht eine ganz andere Aufmerksamkeitsspanne. Ablenkung ist beim Lesen eines Online-Artikels schneller möglich als bei einer Zeitung, da die Umgebung über den Bildschirmrand hinaus noch wahrgenommen werden kann. Auf dem Smartphone werden die Informationen geachtelt und damit können sie schneller und einfacher gelesen werden. „Denken Sie die Ideen mobil.“, erklärte Daniel Steil, Chefredakteur und Geschäftsführer der Focus Online Group beim WWLab Gründertalk in Betzdorf am Dienstagabend, den 13. Dezember. Auf diese Weise ist man auch am nächsten dran, da heutzutage jeder das Smartphone immer und überall bei sich trägt.

Im September trafen sich Hartmut Lösch, Gründer des WWLab und Daniel Steil auf der Dmexco in Köln. Dort entstand die Idee, dass Steil beim vierten WWLab Gründertalk referieren wird.

Der Jurist und Diplom-Verwaltungswirt besuchte zwei Jahre lang die Journalistenschule der Axel Springer AG in Berlin. Von 2002 bis 2008 hatte Steil diverse Leitungspositionen bei der Ringier AG in der Schweiz inne, zuletzt als Chefredakteur der Abendzeitung „heute“. Anschließend wurde er für zwei Jahre Unterhaltungschef der Bild und übernahm die Sonderhefte. Seit 2011 ist Daniel Steil Chefredakteur von Focus Online.

Als Oliver Eckert Steil fragte, ob er Chefredakteur bei Focus Online werden wolle, zögerte dieser zuerst. Focus Online war damals auf Platz 6, der meist gelesenen Internet-Zeitungen in Deutschland. Zudem hatte sie nichts Herausragendes zu bieten und stand finanziell auch nicht gut dar. Steil sah dennoch das Potential und nahm die Herausforderung an. Dafür führte er viele Umstrukturierungen durch. Die Kinosparte und die Buchberichterstattung wurden gestrichen. Junge Mitarbeiter bekamen verantwortungsvollere Positionen. Christoph Pagel wurde so mit 23 Jahren zum jüngsten Chef vom Dienst.

Darüber hinaus führte Steil den sogenannten „Morning Check“ um 8:55 Uhr ein, bei dem die Zahlen des vergangenen Tages besprochen werden. „Seitdem kam nie wieder die Aussage eines Mitarbeiters: ‚Ich bin ja nicht informiert.‘“, unterstrich Steil. Es gibt keinen „Newsroom“, sondern einen „Actionroom“. Dort arbeiten neben den Redakteuren auch viele weitere Berufsgruppen (wie z.B. Programmierer oder Vermarkter), um deren Kommunikation zu erleichtern und anzukurbeln. Ergänzend baute Steil zwei Säulen auf. Zum einen sollte Focus Online das schnellste Nachrichtenportal Deutschlands werden und zum anderen das größte Nutzwertportal.

Heute ist Focus Online hoch profitabel und teilt sich den ersten Platz, der meist gelesenen Online-Zeitungen in Deutschland mit der Bild. In 75 Prozent der Fälle ist Focus Online das schnellste Nachrichtenportal Deutschlands. Die Konkurrenz besteht dabei nicht aus anderen Internet-Zeitungen, sondern aus Facebook, Amazon und Google, erklärte Steil. Daher hat Focus Online vor ein paar Jahren ein Joint Venture mit dem Unternehmen „wetpaint“ gegründet und wurde zum Vorreiter bei der Nutzung von Facebook. In den Anfängen wurde die Internet-Zeitung dafür stark kritisiert. Steil verglich diese Situation mit der, der Erfindung des Autos. Als man die Menschen fragte, ob sie lieber ein Auto statt einer Pferdekutsche für die Fortbewegung nutzen würden, entschied sich die Mehrheit für die Pferdekutsche und glaubte nicht, dass die Erfindung des Autos sich durchsetzen würde. Obgleich dies heute natürlich der Fall ist.

Focus Online glaubt nicht an die Beständigkeit des Ist-Zustandes, sondern an Innovation und Weiterentwicklung. Dies macht sie heute so erfolgreich. Dennoch bemängelte Steil, dass sie nun abhängig von Facebook seien. 85 Cent eines jeden verdienten Dollars gehen zu Facebook und Google. Ziel ist es daher unabhängig zu werden.

Ferner will sich Focus Online weiter lokalisieren. Die Internet-Zeitung veröffentlicht mittels Robotern 90 Prozent der Polizeimeldungen und 20.000 Wettermeldungen täglich für ganz Deutschland. Darüber hinaus gibt Focus Online Vereinen die Möglichkeit ihre eignen Texte zu publizieren. Damit will das Nachrichtenportal Nähe zur Bevölkerung schaffen.

Insgesamt haben sich die Medienlandschaft und der Journalismus in den letzten fünf Jahren deutlich verändert. Nicht mehr die beste, sondern die schnellste Information gewinnt. Um die höchste Geschwindigkeit noch gewährleisten zu können, stellen teilweise Roboter die Nachrichten ins Internet. Kollegen aus verschiedenen Bereichen arbeiten nun zusammen. Soziale Netzwerke sind unumgänglich geworden. Und die Printmedien werden immer weiter vom Markt verdrängt. (jkh)
Nachricht vom 14.12.2016 www.ak-kurier.de