Altenkirchener Stadthalle: „Ljodahått“ geben Einblick in die norwegische Lyrik-Seele
Norwegische Gedichte kommen – zumindest wenn sie vertont sind und gesungen werden – vielfach düster und schwermütig daher. Dass sie dennoch Zuhörer, die der nordischen Sprache nicht mächtig sind, in ihren Bann ziehen (können), darf sich die Gruppe „Ljodahått“ auf ihre Fahnen schreiben.
Altenkirchen. Licht aus, kein Spot an: In voller Dunkelheit wartet der große Saal auf das, was da kommt, während ausgiebig ein Seewetterbericht aus den Lautsprechern auf Sturm und hohen Wellengang in der Nordsee hinweist. Und sie kommen (nein, nicht die angekündigten Brecher) durch die Türe, die den Zuschauerbereich mit den Räumen hinter der Bühne verbindet. Pfeifend gehen schwarz gekleidete Männer - sieben an der Zahl - durch die Reihen der nicht gerade üppig zu nennenden Zahl der Zuschauer und versammeln sich schließlich auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Erst nach und nach rücken Scheinwerfer sie und ihre Instrumente ins rechte Licht, geben bei knarzenden Geräuschen eines (Segel)Schiffes, das wohl den Elementen trotzt, den genaueren Blick auf die Outfits frei, die Melonen auf den Köpfen krönen, während im Hintergrund auf einer Leinwand das Logo des Septetts sich langsam zusammenfügt: ein Mann mit einem Lachs. Die Gruppe „Ljodahått“, zu deutsch das „Lied des Trolls“, lässt sich nicht irgendeiner Musikrichtung zuordnen, sie hat ihre Nische entdeckt, mit der sie seit Jahren - so wie am Freitagabend (2. Oktober) im Altenkirchener Kultursalon, der Stadthalle - für ungewöhnliche, aber faszinierende Unterhaltung sorgt. Beinahe zwei Stunden lang zelebriert das Team um Gründer und Frontmann Magne Håvard Brekke (Violine, Gesang) vertonte norwegische Gedichte – natürlich in norwegischer Sprache. Oft kommen die Melodien düster und schwermütig daher, wohl eine Anleihe auch an die dunkle Zeit, die das Land und die Menschen, je weiter der Vorstoß nach Norden erfolgt, von Jahr zu Jahr durchmachen müssen. Die Melancholie zieht sich fast wie ein roter Faden durch den Abend. „Schwere Kost“ ist eine prägnante Umschreibung. Nur selten werden die Rhythmen flüssiger und harmonischer, zeugen von mehr Lebensfreude, eignen sich gar dazu, vielleicht in dem Land, in dem Trolle, die Fabelwesen der nordischen Folklore, die meist in Bergen, Wäldern oder Höhlen leben, Einzug in eine Hitparade halten zu können. Hin und wieder erklären Brekke & Co. - auf Deutsch - den Titel und den Inhalt eines Liedes, werden Textzeilen in aller Einfachheit im Hintergrund auf die schwarze Fläche projiziert.
Zum dritten Mal in Altenkirchen
Ohne Zweifel: Die da in Altenkirchen schon zum dritten Mal auf der Bühne stehen, verstehen ihr Handwerk. Sie tauschen teils unbemerkt ihre Positionen, jeder Einzelne ist in der Lage, unterschiedliche Instrumente perfekt zu spielen. Mal die leisen Töne zu bevorzugen und mal laut den Text eines Gedichtes ins Publikum zu ballern, all das macht den Abend so unverwechselbar genauso wie die nicht mögliche Klassifizierung der Musik. Ist es Jazz, Folk, Avantgarde, Weltmusik, Pop, Rock oder gar Klassik? Es ist allenthalben ein Mischmasch aus allem mit teils extremen Gegensätzen, die dem Harmonie gewöhnten Ohr bisweilen eher wehtun. Aber auch dieser Umstand macht den besonderen Reiz dieser Band aus. Auffallend ist, dass nicht alle Musiker aus dem Königreich mit der langen Fjordküste stammen. In Rainer Süßmilch befindet sich sogar ein Deutscher mit an Bord des Wikingerschiffes, das ebenfalls als Einstimmung in den Auftritt auf der Projektionsfläche per Segel und Riemen Fahrt aufgenommen hat. Er glänzt mit der Trompete, auf dem Althorn und der Maultrommel wie auch als Sänger. Frankreich ist gar mit zwei Künstlern vertreten: Etienne Bonhomme spielt das Schlagzeug, Jerôme Meyer-Bisch gesellt sich im Finale als Nummer acht zur Crew und begleitet das Schlaflied „Svevn“ auf einer Gitarre mit. Von hause aus kümmert er sich um die Animationen, die im Background ergänzend abgespult werden. Hans Jørgen Bjørnstad (Bass, Gesang), Ståle Caspersen (Akkordeon, Gitarre, Piano, Gesang), Eirik Mannsåker Roald (Cello, Gesang) und Vidar Osmundsen (Gitarre, Piano, Gesang) komplettieren die nach eigenen Angaben „nicht zu 100 Prozent nordische, poetische Folk-Rock-Band“.
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Auch Erinnerung an Ibsen
Der Reigen der Lyriker, deren Stücke nicht nur von Brekke mit Musik unterlegt wurden, reicht von Henrik Ibsen, dem wohl bekanntesten Autor Norwegens, bis Knut Hamsen und dem eher nicht so sehr wahrgenommenen Olav Nygard (1884 - 1924), über den klipp und klar ein eher „vernichtendes“ Urteil gefällt wird, das die Besucher ein wenig schmunzeln lässt: „Die Gedichte hat schon zu Lebzeiten keiner gelesen, heute rund 100 Jahre später auch nicht.“ Nun, das alles ist nicht unbedingt als bare Münze zu nehmen. Viel wichtiger ist das Gesamtkunstwerk, das Ljodahått darstellen. Schön wäre es gewesen, wenn die Atmosphäre nicht so „familiär“ geblieben wäre, wie es Organisator Helmut Nöllgen (Kultur- und Jugendkulturbüro Haus Felsenkeller) beschreibt. Den Abend abseits eingetretener Pfade jedoch werden diejenigen, die die Gruppe mit ganz viel Applaus bei deren Polonaise auf dem Weg von der Bühne in die wohl verdiente Freizeit begleiten, als Highlight einer Band (mit welcher Ausrichtung auch immer?) im Gedächtnis abspeichern. (vh)
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