Buchtipp: "Das Forsthaus" – Kriminalroman von Marika Neitz
Von Helmi Tischler-Venter
Mit "Das Forsthaus" hat Marika Neitz alias Sonja Roos einen äußerst spannenden Kriminalroman verfasst, den man nicht mehr aus der Hand legt. Die Protagonistin ist eine Journalistin, die mit ihrem Mann in ein altes Forsthaus im Westerwald zieht. Das verlassene Haus im Wald ist mit einer düsteren Vergangenheit behaftet.
Altenkirchen. Mit Beruf und Region ist die Westerwälder Autorin Neitz/Roos absolut vertraut. Eigentlich ist „Mariensicht“ ein idyllisches Dörfchen mit einem Kloster, einer alten Kirche, einigen Hotels. Im Oktober 2001 geht ein Notruf ein, der zwei Streifenpolizisten zum Forsthaus führt, das von einem alten Ehepaar namens Winkler bewohnt wird. Zuerst entdecken die Polizisten ein blutiges Messer in der Küche, im Schlafzimmer den alten Mann mit kahlem, blutigem Schädel auf dem Bett liegend, neben einem blonden, geflochtenen Zopf mit einer weißen Schleife. In der hinteren Ecke des Zimmers kauert eine alte Frau, die nichts sagt.
Im Sommer 2011 kommt das Ehepaar Katharina und Philip Bach aus Berlin in die Einöde. Er ist Architekt und hat das Forsthaus für kleines Geld erstanden, damit sich seine Frau nach mehreren Fehlgeburten in der ländlichen Stille erholen soll. Doch Katharina vermisst die Großstadt-Umgebung und ihre Berufstätigkeit.
Auf einer Wand im Obergeschoss hat jemand mit blutroter Farbe geschrieben: „Flora arg und Flora rot, hier fand Rudi seinen Tod. Schweigt die Hexe, sitzt im Bau, tot der Mann, tot das Kind, bald tot die Frau…“
Das örtliche Hotel, in dem die Bachs wohnen, verfügt bislang nicht einmal über WLAN. Feindseligkeit schlägt dem Fremden entgegen. Ihr Auto wird rundum zerkratzt. Eine Puppe mit dem Namen ihrer letzten Totgeburt taucht im Kinderzimmer auf. Jemand will den Neubürgern offenbar das Leben schwer machen. Trotzdem will Katharina zu dem Mordfall im Forsthaus recherchieren. Eine journalistische Chance ergibt sich für sie mit dem geplanten Fest zum 90. Geburtstag und der 40. Bischofsweihe des emeritierten Bischofs Josef Winkler in Mariensicht. Im Zeitungsarchiv erfährt die Journalistin, dass Flora Winkler nach nur drei Verhandlungstagen, in denen sie kein Wort sagte, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Aber der entscheidende Artikel zum Prozess fehlt.
Im Frühling 1954 bindet Flora Blumensträuße im Laden ihrer Mutter. Dort wirbt Rudolf Winkler um die hübsche junge Frau, die seit zehn Jahren auf ihren geliebten Carl wartet, der nicht aus dem Krieg heimgekommen ist. Flora gibt dem Drängen ihrer Mutter nach und heiratet den gut aussehenden Rudi, der schon am Tag der Hochzeit sein wahres Gesicht zeigt, indem er seine Frau und seine Schwiegermutter beleidigt. Auch körperlich ist Rudi roh und gefühllos. Flora leidet schrecklich. Mit seiner Art hatte er sie innerhalb weniger Monate von einer fröhlichen, selbstbewussten Frau zu einem unsicheren, ängstlichen Weibchen gemacht. Rudi würde einer Scheidung nie zustimmen. Er würde an der Ehe festhalten, und wenn es nur war, um sie zu quälen.
In Zeitsprüngen vor und zurück erfährt der Leser immer tiefere Einblicke in das Leben der alten und neuen Bewohner von Mariensicht. Es hängen Fragen in der Luft: Was tuschelt Philip mit der Hotelbesitzerin? Wer ist der unbekannte Frank Schmidt, der dubiose E-Mails schreibt? Wer ist der Gequälte, der von einem internen Tier zu schrecklichen Taten getrieben wird? Wird sich der alkoholkranke, ehemalige Pflichtverteidiger von Flora Winkler für seine Mandantin einsetzen, die noch im Gefängnis lebt? Wer hat Katharina niedergeschlagen? Wer ist die Blondine, die an Philips Arm durch Koblenz läuft? Welches Geheimnis hütet Ansgar Steiner, der Bewacher des Bischofs? Trotz Katharinas Recherche-Fortschritten bleibt vieles undurchsichtig und gefährlich. Der Leser wird von dem Kriminalroman nachhaltig gepackt. Daher sollte die Autorin eindeutig mehr spannende Krimis schreiben, ganz egal, unter welchem Namen.
Erschienen ist das 448-seitige Taschenbuch im Verlag SAGA Egmont, ISBN 978-3-98750-085-5. htv
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