Altenkirchener Kultursalon: Entscheidung pro Sherlock Holmes und gegen „Tatort“ richtig
Wie wird ein Kriminalfall gelöst? Heutzutage helfen Spusi, DNA-Abgleich oder Gegenüberstellung. Damals war die reine Kombinationsgabe das Ein und Alles, um den oder die Täter zu überführen. Ein Paradebeispiel, wie Logik funktioniert, demonstrieren Sherlock Holmes und Dr. John H. Watson auf der Bühne des Altenkirchener Kultursalons.
Altenkirchen. Die Frage an diesem Sonntagabend (25. Oktober) lautet: Altenkirchen oder Nürnberg? Sherlock Holmes und Dr. John H. Watson oder Felix Voss und Emilia Rathgeber? Nun, die Entscheidung fällt nicht schwer, der Weg in den Altenkirchener Kultursalon, die Stadthalle, ist bekannt und kurz, zumal die 1344. Folge der ARD-Tatort-Reihe – diesmal aus dem Frankenland - ja rund um die Uhr zum Nachklapp in der Mediathek zur Verfügung steht, während die beiden englischen Ermittler sich höchst selten live die Ehre geben. Natürlich steht offenbar ein Mord am Anfang der Geschichte. Es ereilt den honorablen Sir Charles Baskerville per Herzinfarkt, wie es Autor Arthur Conan Doyle in seiner dritten Krimigeschichte um Sherlock Holmes im späten 19. Jahrhundert niedergeschrieben hat. So wundert es nicht, dass der überaus berühmte Ermittler aus der Londoner Bakerstreet 221b und sein Gehilfe, Dr. John H. Watson, hinzugezogen werden, um das Rätsel des Dahinscheidens Baskervilles in der Nähe des Landsitzes Baskerville Hall zu lösen. Wohl ist dem Duo anhand zahlreicher Moore in der Umgebung von Dartmoor nicht, erst recht nicht, als Testamentsvollstrecker Dr. Mortimer berichtet, dass rund um den Leichnam Spuren eines großen Hundes, einer „gigantischen Bestie“, festgestellt worden sind. Vor Ort lernt zunächst Watson den frisch aus Kanada angereisten Sir Henry Baskerville kennen, der als einziger Nachkömmling von Sir Charles dessen Erbe antreten möchte. Bekanntschaft macht der hin und wieder ein wenig schwer von Kapee erscheinende Assistent auch mit Naturforscher Stapleton, der womöglich auch nicht alles preis gibt, was er weiß, und mit dessen angeblicher Schwester Beryl. Zudem erfährt Watson, dass sich in den gefährlichen Landstrichen ein entflohener Häftling namens Selden herumtreibt. Noch ein wenig undurchsichtiger wird die Lage, also der Kreis möglicher Täter, weil sich Barrymore als Butler von Baskerville Hall sehr zugeknöpft und wenig kooperativ zeigt.
Holmes plötzlich auch vor Ort
Ziemlich überrascht ist Watson, als urplötzlich sein „Chef“ auch in der Nähe des Fundortes von Sir Charles auftaucht, und erklärt, dass er schon die ganze Zeit vor Ort gewesen sei, und die Ermittlungen nunmehr durch diverse Gedankengänge vorantreibt. Schließlich kristallisiert sich Stapleton als möglicher Initiator des Anschlags mit dem vermaledeiten Vierbeiner auf den Vorletzten der Baskervilles heraus. Die beiden Ermittler stellen dem Verdächtigen eine Falle und lassen Sir Henry als Köder über schmale Wege durch die Sümpfe laufen. Als ein riesiger Hund ihn angreift, erschießt Watson mit seiner Pistole das Tier, wobei der „Dampf“ der abgefeuerten Pulverplättchen-Schüsse bis in die ersten Reihen der Zuschauer zu riechen ist. Stapletons Flucht endet schließlich im Moor, in dem er gnadenlos versinkt. Für Sir Henry ist im Handumdrehen der Weg frei, sich um Beryl Stapleton zu kümmern, die er seit dem ersten Zusammentreffen ins Herz geschlossen hat und die froh ist, dass ihr Mann (also nicht ihr Bruder!) nicht mehr unter den Lebenden weilt. Auf dem Weg zur Lösung scheinen zudem Holmes und Watson mit ihrem Latein auch einmal am Ende, als die vermeintliche Leiche von Sir Henry gefunden wird und Watson nach allen Regeln der Erste-Hilfe-Kunst bei dem Versuch, den Erben wiederzubeleben, Helene Fischers „Atemlos durch die Nacht“ anstimmt, schnell aber merkt, dass es nicht der Nachlassnehmer ist, sondern Selden, dem Barrymores Frau die alte Kleidung von Sir Henry hat zukommen lassen und der ebenfalls Opfer des beißwütigen Vierbeiners geworden ist.
Richtige Entscheidung
Dass sich die Entscheidung pro Stadthalle und gegen „Tatort“ als die wirklich richtige Wahl erweist, wird nach knapp 150-minütiger Spielzeit zementiert. Nicht nur, dass Roland Kalweit (Dr. Watson), Daniel „Danny“ Richter (Sherlock Holmes) und Olav Dennhoven (Sir Henry Baskerville) fantastische Darsteller des Motown-Theaters aus Wolfsburg mit imposanten Mienenspielen sind, lässt die Zuschauer in der so gut wie ausverkauften Stadthalle lang und anhaltend applaudieren. Hin und wieder ist die Inszenierung „Sherlock Holmes und der Hund der Baskervilles“ wirklich ein „mörderischer Slapstick-Spaß mit ganz besonderem Biss“, wie es die Homepage der Produktion beschreibt, „der Hit aus dem Londoner West End kombiniert zudem Monty-Python-Humor, theatralischen Einfallsreichtum und wunderbar komische Darbietungen, um der größten Detektivgeschichte aller Zeiten eine brandneue Wendung zu geben.“ Und dabei steht eben nur dieses Trio ganz allein vor dem Publikum. Es sorgt selbst für die wechselnde Ausstattung der Bühne, schiebt und trägt alle möglichen Requisiten rein- und wieder raus. Die „Dampfbad-Sitzflächen“ taugen sogar für mehrere Zwecke. Jeder Schritt sitzt, jeder kennt seine Aufgaben, da kommt noch nicht einmal Hektik auf, wenn ein Wechsel erfolgt, alles ist bis ins kleinste Detail eingespielt. Ja und der Clou im Drumherum sind ohne Zweifel Kalweit, Richter und Dennhoven selbst. Nein, ihnen sind nicht lediglich drei Rollen jeweils auf den Leib geschrieben, nicht vier, nicht fünf und auch nicht sechs. Unter dem Strich sind es beinahe 20! Während Watson immer Watson bleibt, wechseln Holmes und Sir Henry am laufenden Band die Persönlichkeiten und deren Outfits. Einfach wunderbar: Wie schön und unterhaltsam doch einmal ein „Tatort“ live auf der Bühne und organisiert vom Altenkirchener Kultur-/Jugendkulturbüro Haus Felsenkeller im Gegensatz zu einem aus der Konserve sein kann! (vh)
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