Buchtipp. "Das Panorama des Schreibens" von Hanns-Josef Ortheil
Von Helmi Tischler-Venter
Der bekannte und beliebte Westerwälder Schriftsteller, Literatur-Dozent und Musiker steht seinem Lektor Klaus Siblewski zu den großen Linien und Zusammenhängen seines Werks Rede und Antwort. Seine Lebenslinien verliefen kurvig, an vielen Stellen unübersichtlich und unerwartet wie ein Westerwälder Waldweg, der schlussendlich zu einem bedeutsamen Monument führt.
Wissen. „Die ersten Zeiten des Schreibens waren seit der Kindheit die frühen Morgenstunden, ab etwa 6 Uhr. Ich schrieb mit dem Bleistift und selten auch mit dem Kugelschreiber meist auf lose Blätter oder in kleine Hefte. Eine halbe Stunde genügte, um Erlebnisse und Gedanken der gerade vergangenen Tage abzurufen. So entstanden kurze Erzählungen oder Notate ohne langes Nachdenken und ohne Schreibpausen.“ Diese im Entrée beschriebene Grundlagenarbeit, die er mit acht Jahren begann, behielt Ortheil lebenslang bei, um später die Notizen zu großen literarischen Werken zu verarbeiten.
Aus Anlass seines 75. Geburtstags erzählt der Schriftsteller zum ersten Mal ausführlicher und genauer von seinem privaten Archiv. Im Buch integrierte „Archivinseln“ – Texte, Fotografien und Zeichnungen - erlauben Quellenstudien und Einblicke in eine spannende Entwicklung vom wortlosen Kind, das durch seinen Vater lesen und schreiben lernt, zum wortgewaltigen Professor für Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.
Der erste kindliche Schreibraum ist eine immer noch genutzte kleine Blockhütte im Westerwald. Das Notieren von Eindrücken, Bildern und Zeichen sowie das Erzählen von Geschichten war für den Jungen notwendig und existenziell, aber immer ungezwungen: pure Schreiblust.
Beide Eltern kamen aus Wissen. Sie zogen nach der Heirat nach Berlin, wo der Vater als Geodät arbeitete. Nach dem Krieg lebten sie in Köln, wo Hanns-Josef 1951 als fünftes Kind geboren wurde. Dass er vier ältere Geschwister hatte, die allesamt bereits tot waren, erfuhr er sehr spät. Die Mutter hatte sich aufgrund des immensen Leids angstvoll in ihr Schneckenhaus verkrochen und kommunizierte nur schweigend, durch Zettelchen. Die belesene Bibliothekarin und ausgebildete Pianistin brachte dem schweigsamen Kind, das meist am Fenster stand und auf den Erzbergerplatz schaute, Klavierspiel bei. Klassische Musik war ihre gemeinsame Leidenschaft.
Schule empfand Hanns-Josef als überflüssig, sie war sogar die Hölle. Er schaltete einfach ab. „Ich saß da und war ein seltsamer Typ.“ Mit Klavierspiel und kreativem Schreiben nach Vaters Konzept konnte er sich ausdrücken. Das Schreiben führte zum Lesen und das Lesen führte zum Sprechen. In dem Buch „Die Erfindung des Lebens“ schildert Ortheil anrührend seine unerwartete Sprechexplosion.
In der Schule fanden die Texte des Jungen Bewunderung und Skepsis. Das umfangreiche familiäre Archiv fand im neuen Westerwälder Haus seinen Platz.
Nach einem Umzug nach Wuppertal, erhielt Ortheil Privatunterricht in Klavierspiel und Musiktheorie. Mit der Folge, dass Texte immer auch klanglich passen müssen.
Danach zog die Familie nach Mainz, wo Ortheil in einer Schülerzeitung Artikel über klassische Musik, neue Lyrik und Gegenwartsphilosophie verfasste. Er fand Förderer im musikalischen und literarischen Bereich. In Mainz lernte er auch eine junge Flötistin, seine spätere Frau, kennen. Nach der Schule strebte er eine Ausbildung zum Konzertpianisten in Rom an. Doch eine heftige Sehnenscheidenentzündung setzte der Pianisten-Karriere ein schmerzliches Ende. Der junge Mann war physisch und psychisch am Ende. Er zog sich in das elterliche Haus im Westerwald zurück.
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In Bonn suchte er sich eine einfache Beschäftigung als Kellner. Dann wurde er als Film- und Musikkritiker sowie Buchrezensent entdeckt und zog nach Mainz, wo er als Journalist bei einer Tageszeitung arbeitete. Dort studierte er gleich mehrere Fächer, er lehrte und schaffte sogar die beste geisteswissenschaftliche Dissertation. Und der erste Roman erschien (Fermer).
Nachdem er die Mainzer Flötistin Imma Klemm geheiratet hatte, zog er mit ihr nach Stuttgart. Er schrieb das Drehbuch für die Fernsehverfilmung der ausgezeichneten Erzählung „Hecke“. An der Mainzer Hochschule unterrichtete er „poetische Seminare“ und schrieb Essays sowie den Roman „Schwerenöter“.
Der Tod des Vaters im Jahr 1988 war wieder ein Wendepunkt in Hanns-Josef Ortheils Leben. Er wollte verschwinden und ging als „Writer in residence“ nach Mississippi.
1990 wurde eine Stelle an der Universität Hildesheim frei, die genau Ortheils Vorstellungen von freier Lehre und Forschung entsprach. Mit einem Rom-Stipendium der Villa Massimo, der Deutschen Akademie, konnte er seine Trauerphase beenden. 1993 nahm er zu einem weiteren Rom-Aufenthalt die kleine Tochter mit. Nachdem 1996 „Blauer Weg“, das Buch seines Lebens, erschienen war, starb die Mutter. Das familiäre Archiv stand dem Schriftsteller in Gänze zur Verfügung.
Historische Romane entstanden und ungewöhnliche Liebesromane. Auf seine komprimierte Lebensgeschichte hin: „Die Erfindung des Lebens“, hatte er als Autor dreißig Jahre gelebt und geschrieben.
2016 begann Ortheil mit dem Bloggen: www.ortheil-blog.de. 2019 erkrankte er schwer. Schreibend gelang die Rehabilitation. Die „Urheimat“ Westerwald half dabei ebenfalls.
Die Hildesheimer Lehre hielt Ortheil in dem Band „Nach allen Regeln der Kunst“ fest. Am 5. November soll die Öffnung des Archivs erfolgen. Mittels eines QR-Codes kann man Fundstücke kennenlernen. Auf dem PC ist die Website www.scriptorium-ortheil.de erreichbar.
Dem Panorama-Buch ist eine umfangreiche Liste der Bücher von Hanns-Josef Ortheil angehängt. Er hat bereits Pläne für weitere Werke, auf die sich seine Leser freuen dürfen. htv
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