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Nachricht vom 26.05.2021
Wirtschaft
Corona-Pandemie: Siegerland-Flughafen kommt glimpflich davon
Weltweit ziehen Airports nach über einem Jahr der Corona-Pandemie eine niederschmetternde Bilanz. Die Passagierzahlen brachen um bis zu 90 Prozent ein, hohe Verluste waren und sind die Folge. Der Siegerland-Flughafen auf der Lippe hingegen ist bislang einigermaßen glimpflich davongekommen.
Henning Schneider ist seit über zehn Jahren Geschäftsführer der Siegerland-Flughafen GmbH. (Foto: privat)Burbach. Die Zahlen sind desaströs: Der voraussichtliche Verlust aller Flughäfen in Deutschland soll im ersten Corona-Jahr 2020 rund 1,8 Milliarden Euro betragen. Der Umsatzausfall für 2021 wird mit 2,6 Milliarden Euro prognostiziert. Für den Zeitraum zwischen März 2020 und Februar 2021 steht ein Minus bei den Passagieren von 85,5 Prozent zu Buche. Diese Werte vor Augen, wird der Siegerland-Flughafen auf der Lippe bei Burbach wohl nur wenig gebeutelt. Den Umsatzrückgang in Pandemiezeiten beziffert der Geschäftsführer der Siegerland-Flughafen GmbH, Henning Schneider (55), der seit dem 1. Januar 2010 die Geschicke des Start- und Landeplatzes lenkt, mit „10 bis 15 Prozent“, wie er in einem Exklusiv-Interview mit dem AK-Kurier erläutert. Über einen Kamm scheren mit den Airports in Frankfurt, München oder Düsseldorf kann und will er den Komplex im Dreiländereck nicht: „Unsere Verkehre sind ein wenig differenzierter zu betrachten.“ Das Gespräch im Wortlaut:

Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den Siegerland-Flughafen?
Corona hatte und hat natürlich auch Auswirkungen auf den Siegerland-Flughafen - aber nicht in dem Maß, wie die Auswirkungen auf die großen nationalen und internationalen Flughäfen waren und immer noch sind. Ich schätze, dass sich unser Umsatz im vergangenen Jahr zwischen 10 und 15 Prozent verringert hat. Die Zahl der Flugbewegungen - also Starts und Landungen, die im Flugbuch eingetragen werden - wurde in 2020 mit knapp 20.000 ermittelt. Das ist ein relativ stabiler Wert. In einem normalen Jahr haben wir zwischen 20.000 und 25.000 Flugbewegungen. Es besteht keine Relation zwischen der Zahl der Flugbewegungen und den Erträgen.


Warum kommt der Siegerland-Flughafen doch relativ glimpflich davon?
Man muss wissen: Die großen internationalen Flughäfen sind sehr stark ausgerichtet auf Linienverkehre, sind Drehkreuze für den internationalen Verkehr. Die Einbußen sind bekannt, die mit den Reisebeschränkungen und den Corona-Auswirkungen auch in den Zielländern einhergehen. Bei uns ist das ein wenig anders. Unsere Verkehre sind differenzierter zu betrachten. Wir haben auch internationalen Geschäftsreiseverkehr, wir haben auch nationale und internationale Charterflüge in den Bereichen Personen und Frachten. Wir haben Ambulanz- und Rettungsflüge, wir haben Werksverkehre, die die Unternehmen, ohne dass Tickets verkauft werden, für sich organisieren. Wir haben zwei Werften am Platz, die Verkehr generieren, weil Flugzeuge in die Reparatur, in die Wartung kommen; natürlich gerne in den Phasen, in denen sie nicht wie gewohnt eingesetzt werden können. Wir haben Trainings- und Schulflugverkehre. Bundespolizei und ADAC nutzen unseren Platz für Unterweisungen des fliegenden Personals. Und schließlich gehört natürlich auch der Luftsport dazu. Das ist ein relativ breites Feld. Diese Bereiche sind in unterschiedlichem Maße von der Pandemie betroffen. Klar, beim internationalen Geschäftsreiseverkehr - Personen und Fachten - leiden wir natürlich auch wie die großen Flughäfen. Auch im Schulflugverkehr hat es im zurückliegenden Jahr Einschränkungen gegeben, weil eine Ausbildung überhaupt nicht möglich war. Dieser Aspekt hat sich inzwischen relativiert, weil Schulungen wieder möglich sind. Es gab eine Zeit, in der die Vereine gar nicht fliegen konnten. Natürlich mussten wir auch Abstriche hinnehmen, wenn Firmen Corona-bedingt Beeinträchtigungen zu verkraften hatten und bei uns nicht starten oder landen konnten.

Gibt es noch weitere Betriebszweige, die nicht wie gewohnt arbeiten konnten?
Ja, wir haben noch ein weiteres Geschäftsfeld, das ebenfalls durch Corona beeinträchtigt wurde. Wir bilden mittlerweile bundesweit das Personal von Flughafenfeuerwehren mit der Ausrichtung auf kleinere und mittlere Landeplätze und Verkehrsflughäfen aus. Das geschieht hier an unserer eigenen Brandübungsanlage mit eigenem Personal und war im vergangenen Jahr über weite Strecken nicht möglich. Außerdem vermieten wir unsere Räume für Schulungen. So lässt zum Beispiel der Rettungsdienst des Kreises Siegen-Wittgenstein seine Helfer hier bei uns ausbilden. Damit verdienen wir natürlich auch Geld. Logisch, dass im vergangenen Jahr finanzielle Einschnitte hingenommen werden mussten. Inzwischen sind einige Sparten unter Beachtung der Hygienevorschriften wieder angelaufen. Das Niveau aus der Vor-Corona-Zeit ist natürlich noch lange nicht erreicht.

Welche Maßnahmen wurden ergriffen, um den Umsatzrückgang zu kompensieren?
Wir haben natürlich Vorkehrungen getroffen, um Personal und Kunden bestmöglich zu schützen und um auch dem Umsatzrückgang auf der Aufwandsseite entgegenzuwirken. Durch den Rückgang des internationalen Geschäftsreiseverkehrs - morgens früh und abends spät - hatten wir die Möglichkeit bzw. sahen die Notwendigkeit, die Öffnungszeiten zu reduzieren, hieß für uns „später auf“ und „früher zu“. Normalerweise ist ein Betrieb zwischen 6 und 22 Uhr erlaubt. Im Sommer ist der Platz zwischen 8 und 20 Uhr geöffnet, derzeit lediglich zwischen 9 und 19 Uhr. Wir haben die Randzeiten als Anforderungsphasen, also als „prior permission required“ (ppr), definiert. Jemand, der außerhalb der Kernzeit bei uns starten oder landen möchte, muss sich vorher melden und erhält von uns die Antwort, ob es möglich oder nicht möglich ist. Durch diese Reduzierung mussten wir Kurzarbeit für bestimmte Abteilungen einführen, die jedoch nicht in kompletter Kurzarbeit waren, sondern nur mit einem prozentualen Anteil. Wir versuchen natürlich, uns den Erfordernissen der Verkehre anzupassen, dürfen aber den Schutz der Kollegen nicht aus den Augen verlieren. So haben wir uns bei der Flughafenfeuerwehr und bei den Hallenwarten umorganisiert. Wir haben teilweise Ganztagsschichten eingeführt, wobei mehrere Teams rotieren, ohne sich zu treffen. So fallen Überlappungszeiten bei Schichtwechsel mit erhöhtem Infektionsrisiko weg. Sollte in einem Team ein Corona-Fall vorliegen, ist nur diese eine Team betroffen, der Betrieb ist dennoch weiterhin gewährleistet. Niemand musste bislang entlassen werden. Wir haben 27 Beschäftigte, davon sind nur zehn in Vollzeit angestellt. Teilzeit- oder geringfügig Beschäftigte machen den Rest aus. Das Gros ist in der Bodenabfertigung tätig. Die Maßnahmen haben dazu geführt, dass wir die Umsatzrückgänge weitgehend auffangen konnten. Wir haben die Problematik aus unserer Sicht gut gelöst und keine größeren finanziellen Verwerfungen hinnehmen müssen.

Corona einmal außen vor gelassen: Der Siegerland-Flughafen schreibt jährlich rote Zahlen im mittelhohen sechsstelligen Bereich, die noch höher ausfallen würden, gebe es nicht Zuweisungen wie zum Beispiel des Fördervereins. Kann ein Flughafen von der Größe wie auf der Lippe ein Jahr überhaupt mit einer positiven Bilanz abschließen?
Mit luftfahrtspezifischen Entgelten wie Start- und Landegebühren, die man also aus der Luftfahrt direkt erlösen kann, können Flughäfen grundsätzlich keine schwarzen Zahlen schreiben. Das Geld, das hilft, dass Flughäfen schwarze Zahlen schreiben, wird verdient mit den nicht-luftfahrtspezifischen Erträgen. Parkhäuser, Hotels, Vermietung und Verpachtung von Flughafenflächen an Restaurants, an Läden, an Luftverkehrsgesellschaften, an Mietwagenfirmen und viele mehr bringen so viel Geld ein, um in die schwarzen Zahlen zu gelangen - je nach Flughafen auch ganz ordentlich wie Frankfurt oder München. Ab einer gewissen Größe der Flughäfen sind solche Ertragsmöglichkeiten nicht mehr gegeben. Ein Geschäfts- oder ein kleiner Regionalflughafen hat eben nicht so große Passagierzahlen, dass sich diese eben genannten Einnahmemöglichkeiten erschließen. Die Kosten für die Luftfahrt sind gleichwohl höher als die Erträge. Grundsätzlich sind Flughäfen Infrastruktur, also Plattformen für Verkehre wie Straßen oder Eisenbahnlinien. Die kleinen Flughäfen sind viel stärker auf den reinen Verkehrsaspekt ausgerichtet, weil sie andere Passierzahlen haben oder weil die Zielfelder, die sie bedienen, solche Umsatzmöglichkeiten nicht bieten.

Wie sieht die Zukunft des Flughafens nach Corona aus?
Das ist eine superspannende Frage. Man muss davon ausgehen, dass es nicht so sein wird wie vor Corona. Schritt für Schritt werden Reisebeschränkungen aufgehoben werden. Es wird natürlich weiterhin Hygienekonzepte geben müssen. Es wird natürlich weiterhin Testverpflichtungen geben müssen. Diese Dinge sind organisatorisch zu lösen. Er wird aber auch immer Gebiete geben, für die Einreisebeschränkungen gelten werden. Ich denke, dass generell die Möglichkeiten, geschäftlich als auch privat mit dem Flugzeug - und nicht nur damit - zu verreisen, deutlich besser werden und sich der Flugbetrieb wieder positiv entwickeln wird - auch bei uns. Wie ich schon sagte, sind die Auswirkungen bei uns nicht so gravierend wie bei den großen internationalen Flughäfen. Mit welcher Geschwindigkeit der Weg der Besserung beschritten wird, vermag ich nicht zu sagen. Wir sind wirklich optimistisch. Wir sind in allen Segmenten gut aufgestellt und haben alle Möglichkeiten, uns weiterzuentwickeln. Ich gehe davon aus, dass wir diese auch nutzen können.

IATA-Code: SGE

Der Zweckverband Verkehrsflughafen Siegerland, der mehrheitlich vom Kreis Siegen-Wittgenstein getragen wird, ist Eigentürmer des Start- und Landesplatzes (IATA-Code: SGE), Betreiberin die Siegerland-Flughafen GmbH mit Geschäftsführer Henning Schneider an der Spitze. Der Airport, der im Dreiländereck Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz bei Burbach liegt, zählt zu den 39 Verkehrsflughäfen Deutschlands, ist seit 1967 in Betrieb, der zweit höchst gelegene Verkehrslandeplatz der Republik auf 599 Meter über NN (nach dem Allgäu Airport in Memmingen auf 633 Meter über NN) und verfügt über eine Start- und Landebahn mit einer Länge von 1620 Metern. Ein Instrumenten-Landesystem (ILS) gewährleistet auch bei schlechten Sichtbedingungen einen sicheren An- und Abflug. (vh)

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