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Die Frau sollte vor der Biogasanlage kommen
Jahrestreffen der Landwirtschaft für die Kreise Neuwied, Altenkirchen und Westerwald – Fachjournalist mahnt: Größe muss auch beherrschbar sein

Dernbach. Im Haus an den Buchen hielten die Landwirte der Kreise Neuwied, Altenkirchen und Westerwald ihr diesjähriges Jahrestreffen ab. Die Gästeliste war hochkarätig: Kreisbauernchef Ulrich Schreiber (Dierdorf) begrüßte den Präsidenten der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord Uwe Hüser, den Fürst zu Wied, Sparkassenchef Dr. Hermann-Josef Richard, Bauernverbandspräsidenten Leo Blum, die rheinland-pfälzische Milchkönigin Jutta Rosenstein (Oberlahr), etliche Landtagsabgeordnete sowie viele Bürgermeister und Forstfachleute aus den drei Landkreisen.
Kreisvorsitzender Ulrich Schreiber beglückwünschte Hella Holschbach zu ihrer aktuell stattgefundenen Wiederwahl als Vorsitzende der Landfrauen. Fotos: Holger KernHauptredner des Abends war der westfälische Landwirtschaftsjournalist Dr. Franz-Josef Budde. Er stellte leicht provokant die Frage: Wohin darf die Landwirtschaft noch wachsen? Haupttenor seines Vortrags war: Egal in welche Richtung sich die Landwirte bewegen, alle Entwicklungen müssen mit der Zustimmung aus der Bevölkerung erfolgen.

Selbst manchem Landwirt erscheine das Wachstum seiner Branche in den vergangenen Jahrzehnten schon zu schnell. Schon spreche man vom Burn-Out-Syndrom bei von der Arbeitsbelastung überforderten Bauern. Deshalb sei der familiäre Rückhalt für diese schwere Arbeit enorm wichtig, ebenso wie ein klares Betriebskonzept und kaufmännische Fähigkeiten für die Leitung eines landwirtschaftlichen Betriebs. Budde: „Ein Bauer muss auch Manager sein können, mit Banken reden, Mitarbeiter führen.“

Bei einer Jungbauernversammlung habe er, sagte Budde, einmal gefragt, wer schon eine Biogasanlage gebaut habe oder das tun wolle. Es meldeten sich mehr als ein Viertel der Anwesenden. Dann fragte er die jungen Landwirte, wer schon eine feste Freundin habe. Das waren viel weniger. Budde warnte: „Größe allein ist nicht die Antwort! Es muss auch das Umfeld und die langfristige Perspektive stimmen.“ Der Landwirtschaftsexperte gab den Bauern als Rat mit auf den Weg: „Besser gut sein bei durchschnittlicher Größe, als durchschnittlich mit einem großen Betrieb!“

Insgesamt sieht Budde für die Landwirtschaft eine goldene Zukunft: „Der Flächenverbrauch in Deutschland für andere Zwecke ist riesig, die Weltbevölkerung wächst, die Nahrungsmittelvorräte schrumpfen, landwirtschaftliche Produkte werden knapp und die Nachfrage nach ihnen immer größer.“ Applaus erntete der Redner für die Aussage: „Die Wertschätzung für die Arbeit der Bauern wird steigen!“

Die Anzahl von Tieren in einem Stall sei für sich allein genommen kein Indiz für Massentierhaltung. Darin waren sich Budde wie auch die anderen Redner einig. Die Mehrheit der Landwirte habe ein Interesse daran, dass sich ihre Tiere wohlfühlen, weil sie nur dann gute Leistungen bringen. Einigkeit bestand auch in der Ablehnung der von der Europäischen Union forcierten Flächenstilllegung. Allein in Deutschland seien davon 700.000 Hektar landwirtschaftliche Fläche betroffen.

Zwischen den Reden erheiterte der Männergesangverein Dernbach die circa hundert anwesenden Landwirte und Gäste mit „Let the Sunshine in“ aus Hair und „Meckie Messer“ aus Bert Brechts Dreigroschenoper.

Jungbauer Axel Walterschen (42) aus Seifen fand den Vortrag von Dr. Budde interessant, weil er auf die Bedeutung eines qualitativen und gesunden Wachstums hingewiesen habe. Walterschen führt einen Gemischtbetrieb mit Milchvieh, Ackerbau, Biogas und Photovoltaik. Seit 1994 wird das Unternehmen als Kooperationsbetrieb SeWa GbR in Rott geführt. Man sei immer optimistisch eingestellt und nachdem man in den letzten Jahren ein Tal durchschritten habe gehe es jetzt mit der Landwirtschaft wieder bergauf. Aber die Arbeitsbelastung sei für viele Landwirte tatsächlich immer noch so groß, dass sie den Überblick verlören und keinen freien Kopf mehr hätten, über neue Wege nachzudenken und strukturelle Entscheidungen zu treffen. Holger Kern
       
Nachricht vom 06.03.2012 www.ak-kurier.de