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Nachricht vom 09.02.2026
Region
Verschärfte Sicherheitsauflagen an Karneval: von "total übertrieben" bis "legitim"
Steigende organisatorische und finanzielle Anforderungen setzen derzeit auch die Karnevalsvereine unter Druck. So müssen für den Karnevalszug hohe Sicherheitsauflagen erfüllt werden. Wir haben uns umgehört, was das für die Vereine und Gesellschaften bedeutet.
Beim Karnevalszug in Wissen (Foto: Archiv/KathaBe)Region. Nach den Terroranschlägen in verschiedenen europäischen Städten in den vergangenen Jahren bei Großveranstaltungen wie Weihnachtsmärkten hat sich die Sicherheitslage auch in Deutschland verändert. Eine Konsequenz daraus sind von der Politik vorgegebene verschärfte Auflagen, verbunden mit höheren Kosten, um für mehr Sicherheit bei Volksfesten zu sorgen. Soweit nachvollziehbar - die Bevölkerung will und soll geschützt werden. "Hier hat man es sich aber leicht gemacht und die Verpflichtungen auf die Betreiber - meistens gemeinnützige Vereine - und die Kommunen geschoben", kritisiert etwa Martin Gräf, erster Vorsitzender des Komitee Fastnachtszug in Höhr-Grenzhausen. Denn für mehr Sicherheit gerade auch bei den nun anstehenden Karnevalsumzügen müssen die Karnevalsvereine, meist in Zusammenarbeit mit den Städten und Gemeinden, selbst sorgen.

Das Polizei- und Ordnungsbehördengesetz in Rheinland-Pfalz sieht vor, dass der Veranstalter einer öffentlichen Großveranstaltung gesetzlich dazu verpflichtet ist, rechtzeitig vor Veranstaltungsbeginn ein Sicherheitskonzept vorzulegen. Dabei gibt es keine allgemein gültige Verordnung; stattdessen muss jeder Verein individuell herausfinden, wie und mit welchem Aufwand die Sicherheit bei Großveranstaltungen wie dem Karnevalszug gewährleistet werden kann. "Die Sicherheitsauflagen sind davon abhängig, was notwendig ist", sagt dazu der Vizepräsident des Bund Deutscher Karneval (BDK), Peter Krawietz. Der rheinland-pfälzische Innenminister Michael Ebling erklärte im Januar 2023, dass über Sicherheitsvorkehrungen im Karneval "weiterhin vor Ort und mit Augenmaß entschieden werden" müsse. Klar ist: Die Sicherheitsanforderungen sind in den vergangenen Jahren gestiegen. Das ist aufwändig und das kostet.

Was muss getan werden für mehr Sicherheit an Karneval?
Nicht überall stoßen die Anforderungen auf Verständnis. "Im Umfang sind die zusätzlichen Sicherheitsauflagen total übertrieben", kritisiert Martin Gräf. Ein Volksfest, was von der unverbindlichen Teilnahme der Besucher lebt, könne nicht zu 100 Prozent geschützt werden. Man könne beim Fastnachtszug beispielsweise keine geschützten Räume inklusiver Taschenkontrolle kreieren. Andere Sicherheitsvorkehrungen wiederum haben sich laut Gräf bewährt und seien vergleichsweise einfach umzusetzen: "Zum Beispiel die Gedrängegitter in stark frequentierten Bereichen, die Wagenbegleiter, Unterrollschutz an den Fastnachtswagen, Verbot vom Aufspringen auf den fahrenden Wagen, Verbot des Mitfahrens auf dem Wagen außerhalb der Zugstrecke und das Verbot von Flaschen und Dosen als ‚Wurfmaterial‘." Diese Regeln für die Zugteilnehmer werden per Belehrung weitergegeben, das sei relativ einfach. Insgesamt wird "der Rahmen der Sicherheitsregeln durch Termine mit dem Ordnungsamt, Feuerwehr, Polizei und Rotes Kreuz besprochen", erklärt Gräf. Vor allem das Ordnungsamt trage dabei den Großteil der Planung. "Ausgeführt werden die notwendigen Maßnahmen vom städtischen Bauhof. Ohne die Unterstützung der Stadt und Verbandsgemeinde wären die Sicherheitsvorkehrungen weder finanziell, noch technisch umsetzbar. Vor allem das Aufstellen der ‚Terrorsperren‘, sprich tonnenschwere Hindernisse, die die Zufahrt zur Zugstrecke sperren, wäre ohne den Bauhof gar nicht machbar."

"Im Großen und Ganzen erfüllen die Auflagen einen legitimen Zweck. Doch für uns als Veranstalter stellen diese eine hohe Hürde in Punkto Organisation dar", heißt es von der Karnevalsgesellschaft "Rot-Weiss" Malberg 1934 e.V. Zum Sicherheitskonzept, das im Gegensatz zu früher nun verlangt wird, gehöre etwa die Blockierung von zwölf Seitenstraßen, die zur Zugstrecke führen. Sebastian Becker, Geschäftsführer der Karnevalsgesellschaft Malberg, findet es natürlich richtig, dass die Zuschauer vor möglichen Gefahren geschützt werden. Auf Anfrage der Karnevalsgesellschaft beim Sicherheitsgespräch mit Polizei und Ordnungsbehörden, ob eine konkrete Gefahr vorläge, wurde dies jedoch verneint. "Somit müssen wir auch ohne konkret vorliegende Gefahr hohe Sicherheitsauflagen einhalten, obwohl sich die Situation im Vergleich zu früheren Jahren nicht verändert hat."

Sebastian Becker berichtet neben der Sperrung der Seitenstraßen noch von einer Vielzahl weiterer Auflagen im Zusammenhang mit dem Karnevalszug in Malberg. Der größte Kostenpunkt seien dabei die Auflagen, die an die Karnevalswagen gestellt werden. "Im Hinblick auf Betriebserlaubnisse und TüV-Bescheinigungen mussten wir von der KG Malberg auch unsere eignen Wagen für viel Geld umbauen, damit diese gesetzlichen Vorlagen entsprechen." Die sei nur durch die Hilfe von Sponsoren möglich gewesen. Andere Kosten wie die Errichtung der Straßenblockaden könne die KG Malberg dagegen im Rahmen halten, weil sie diese selbst übernimmt und zudem auf viele Helfer zurückgreifen kann.

"Die Zeiten haben sich gewandelt"
"Wir alle teilen den Wunsch, unser Brauchtum so unbeschwert und frei von strengen Sicherheitsauflagen zu feiern, wie es früher möglich war. Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Auch wenn oft Kritik an den Behörden - sei es die Gemeinde, das Land oder der Bund - laut wird, müssen wir der Realität ins Auge blicken", resümieren Marion Schwan und Uwe Egly als Vorsitzende der Karnevalsgesellschaft Wissen. Ein Umzug dieser Größenordnung berge heute vielfältige Risiken, die von unkontrollierbaren Menschenmengen bis hin zu potenziellen Gefährdungen durch Einzelpersonen reichen. Es sei bedauerlich, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen die Vereine dazu zwingen, solche umfassenden Schutzmaßnahmen zu implementieren. Das Problem betreffe aber nicht nur den Karneval, sondern alle großen Volksfeste. "Unser Ziel ist es, dass unsere Gäste für ein paar Stunden den Alltag vergessen und gemeinsam Freude erleben können. Würden wir die Brauchtumspflege aus Angst oder aufgrund der bürokratischen Hürden einstellen, hätten die falschen Kräfte gewonnen", heißt es aus Wissen.

Um die Sicherheitsauflagen beim Karnevalszug in Wissen erfüllen zu können, kann die KG nach eigenen Angaben auf die Unterstützung durch den Bauhof, die Feuerwehr, der Polizei, den Rettungsdienst, das Ordnungsamt sowie viele ehrenamtlichen Helfer zählen. "Gleichzeitig dürfen wir die finanzielle Belastung nicht verschweigen. Sicherheit ist ein erheblicher Kostenfaktor", führen die Vertreter der KG Wissen aus.

Karnevalszüge in Gefahr?
"Wenn die finanzielle Belastung die Grenzen des Machbaren übersteigt, droht vielen traditionsreichen Veranstaltungen das Aus. Einige Vereine mussten diesen Schritt leider bereits gehen", erklären Marion Schwan und Uwe Egly. "Wir als KG Wissen setzen alles daran, unser Brauchtum zu erhalten." So habe man in Wissen unter anderem eine neue, überschaubare und sicherere Streckenführung für den Umzug erarbeitet. "Unser dringender Appell an die Politik lautet jedoch: Lassen Sie die Vereine nicht allein! Vereine sind das soziale Rückgrat jeder Gemeinde. Neue gesetzliche Vorgaben müssen praxistauglich und für alle Organisationen finanziell stemmbar bleiben."

Aktuell bestehe noch keine Gefahr für das Bestehen des Karnevalszuges in Malberg, berichtet Sebastian Becker. "Aber uns zeigt die Fülle an Auflagen, dass es immer schwieriger wird einen Karnevalszug durchzuführen. Wenn wir die vielen Helfer nicht hätten, dann würde der Zug in Malberg nicht funktionieren und wäre schon lange an den Auflagen und den dann zu errichteten Kosten der letzten Jahren erstickt." Von der Politik wünscht sich die KG Malberg "mehr Vertrauen in die Vereine, weniger Bürokratie."

In Höhr-Grenzhausen sieht man den Karnevalsumzug "in Gefahr ja", wie Martin Gräf angibt. Nur durch die politische Unterstützung des Stadt- und VG-Rats könne vor Ort noch so gehandelt werden. "Hier sind sich viele einig, dass der Aufwand für den Fastnachtszug im Verhältnis steht. Ab einem bestimmten Wert wäre der Unterstützung (…) eine Grenze gesetzt." Gräf findet daher: "Wer bestellt, der zahlt! Wenn Bund und Länder die Auflagen erhöhen, muss man diese auch bezahlen! Unterm Strich sind die Vorgaben von Seiten des Bunds und der Länder zu hoch."
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