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| Nachricht vom 05.10.2026 |
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| Kultur |
| Anke Zander stellt Erich Kästner vor: literarisches Genie, Muttersöhnchen und Lebemann |
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| Im Rahmen des Westerwälder Literatursommers mit dem Oberthema „Die goldenen Zwanziger“ veranstaltete die Buchhandlung Erlesenes in Montabaur einen Kästner-Nachmittag. Inhaberin Anja Müller hatte als Referentin ihre langjährige Freundin, die profunde Literaturkennerin Anke Elisabeth Zander eingeladen. Diese trug die vielen Fakten und Literaturbeispiele so packend vor, dass die Zuhörer ihr gebannt zuhörten. |
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Montabaur. „Eng, aber gemütlich“, meinte Müller erfreut. Als Applaus einen Hund zum Bellen motivierte, kommentierte Zander spontan: „Kästner war ein großer Katzenfreund, er liebte Haustiere, die nicht bellen können.“
Dass die Fachfrau Kästner liebt, war offensichtlich. Sie hatte alle Biografien über ihn gelesen und war insbesondere von Kästners Gedichten fasziniert. Kästner ist bis heute ein Bestseller-Autor, vornehmlich durch seine Kinderbücher.
Vorangegangen war der Expressionismus mit schwer verständlichen Gedichten. Dagegen repräsentierte Erich Kästner zusammen mit Mascha Kaléko und Kurt Tucholsky Literatur der Demokratie, die jeder verstehen konnte. So wurde der Dichter zum Volksgut.
Kindheit und Jugend verbrachte Kästner in Dresden, dem schönen „Elbflorenz“. Er wurde 1899 als Sohn von Ida Amalia und Sattlermeister Emil Kästner in eine zerrüttete Ehe geboren, in der der Vater der Verlierer war und die Mutter ihren Sohn als Projekt ansah, dem sie mit aller Kraft zu einer guten Ausbildung verhalf, damit er ein wichtiger Mensch werden sollte. Erich musste dafür in der Schule gute Leistungen bringen und ständig für seine Mutter da sein. Mehrfach suchte er sie auf den Brücken der Stadt auf, um sie vor dem angedrohten Suizid zu bewahren. So entstand eine starke Mutter-Sohn-Bindung, die mit Schuldgefühlen behaftet war, wie Kästner in dem Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ offenbarte. Erich war ein hochbegabter Junge, der alle Arbeiten mit „eins“ schrieb und lernte, seine wahren Gefühle zu verstecken.
Kästners Kindheit endete abrupt mit dem Ersten Weltkrieg, als Erich 16 Jahre alt war. Er stieß zum ersten Mal auf Leute, die ihn nicht mochten. Folge militärischer Schikane waren ein Zusammenbruch und ein lebenslanger Herzfehler. Nach Ende des Krieges war Kästner Pazifist und trauerte um seine gefallenen Kameraden in dem Gedicht „Primaner in Uniform“.
Kästner machte das Abitur nach, studierte in Leipzig Germanistik und promovierte. Dr. Erich Kästner wurde Redakteur bei der Neuen Leipziger Zeitung. Zusammen mit seinen Freunden Erich Ohser (Zeichner) und Erich Knauf veröffentlichte er 1927 ein anzügliches Gedicht, wodurch die drei Erichs entlassen wurden. Kästner ging nach Berlin. Dort wurde er zum Literaturstar. Er genoss die sexuelle Freizügigkeit und äußerte sich verächtlich über die Frauen. Festgehalten ist das in dem großartigen Berlin-Roman „Fabian“. Dieser sagt: „Die Liebe ist ein Zeitvertreib – man nimmt zu ihr den Unterleib.“ Der Held in den Geschichten ist immer Erich Kästner.
Erich Kästners Beziehung zu Frauen war übel, nicht nur von Doppelmoral geprägt: Nach dem Weltkrieg verliebte er sich in die Chemie-Studentin Ilse Julius, gemeinsam entdeckten sie Sex. Doch als Ilse schwanger wurde, organisierte Erich einen Schwangerschaftsabbruch. Danach zerbrach auch Ilses Liebe.
Kästner war ein Frauenschwarm, dem die Frauen nur so zuflogen. Meist hatte er drei oder mehr Geliebte gleichzeitig, die nichts voneinander wussten. Der Mutter teilte er in täglichen Briefen alle Details mit. Das einzige Liebesgedicht „Stiller Besuch“ richtete Kästner an seine Mutter. Die Mutter-Sohn-Verbindung wurde immer enger. Luiselotte Enderle hatte sich unsterblich in Erich verliebt und liebte ihn bis zum Lebensende, ohne Selbstachtung.
1933 sah Kästner wegen Gedichten gegen die Nazis seine eigenen Bücher brennen. In Deutschland hatte er ein Veröffentlichungsverbot, Publikationen im Ausland durften nicht politisch anstößig sein. So entstanden die heiteren Romane „Drei Männer im Schnee“, „Die verschwundene Miniatur“ und „Der kleine Grenzverkehr“. Nach dem Anschluss Österreichs schrieb Kästner unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch für „Münchhausen“.
Angst bekam Kästner, als seine Freunde Ohser und Knauf der Nazi-Aggression zum Opfer fielen. Das Kriegsende erlebten Luiselotte Enderle und Kästner in Mayrhofen. Erich wurde Redakteur bei der Münchener Neuen Zeitung und gründete die Jugendzeitschrift „Pinguin“.
Kästners junge Geliebte Friedel Siebert wurde schwanger, sie brachte 1957 unverheiratet Thomas Kästner zur Welt. Für ihn entstand „Der kleine Mann in der Streichholzschachtel“. Von der Kurklinik in Agra schrieb Kästner Briefe an Friedel, Sohn und Luiselotte. Anschließend zog er mit Friedel und Sohn nach Berlin, wo er bis 1969 eine Art Familienleben versuchte, aber Thomas war sensibel und litt unter der Situation. Friedel machte Schluss und ging 1969 mit ihrem Kind in die Schweiz.
Erich Kästner und Luiselotte bekamen große Alkoholprobleme. In seinen letzten Jahren konnte er nicht mehr schreiben, nicht mehr schlucken wegen Speiseröhrenkrebs im Endstadium, nur noch Whisky hineinschütten. 1974 starb er nach seinem 75. Geburtstag.
1981 enthüllte der Kabarettist Werner Schneyder das Familiengeheimnis, dass nicht Emil Kästner Erichs Vater war, sondern der Hausarzt der Familie, Sanitätsrat Dr. Zimmermann. htv
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