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Nachricht vom 15.06.2014
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Erlebnisse aus vielen Jahrzehnten Schule wurden lebendig
Zu den beliebten Veranstaltungen des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Betzdorf-Kirchen gehört seit 1989 die Abiturjubiläumsfeier. Ehemaligen Schülerinnen und Schülern aus diversen Jahrgängen wird hier die Möglichkeit zum Wiedersehen und gemeinsamen Erinnern geboten. Während der Feierstunde, die vom Oberstufenchor musikalisch umrahmt wurde, gab es einige kurzweilige Grußworte von Absolventen.
Sprachen während der Feierstunde zum Abiturjubiläum: Prof. Dr. Peter Recht, Prof. Dr. Hans Reinauer, Helmut Münzel (kommissarischer Schulleiter), Dietmar Gaumann, Jörg Federrath (Vorsitzender des Vereins der Ehemaligen und Freunde) und Prof. Dr. Reinhard Odoj (von links). Foto: Nadine BuderathBetzdorf. Die Abiturjubiläumsfeier des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums Betzdorf-Kirchen konnte in diesem Jahr selber ein Jubiläum begehen: Seit 1989 Jahren lädt die Schule gemeinsam mit dem Verein der Ehemaligen und Freunde all die ein, die vor 25, 30, 40, 50, 60 oder 70 Jahren ihre Reifeprüfung abgelegt haben.

Und die „Veranstaltung mit langer Tradition“ – so der kommissarische Schulleiter Helmut Münzel in seiner Begrüßung – wurde nun sogar noch ausgeweitet. Und zwar auf die Jubilare, deren Abitur 65 Jahre zurückliegt. Vierzehn Ehemalige dieses Jahrganges hatten am Samstag den Weg in die Aula des Gymnasiums gefunden, um der Feierstunde beizuwohnen. Insgesamt konnte Münzel über 160 frühere Schülerinnen und Schüler des Freiherr-vom-Stein willkommen heißen, die die Gelegenheit nutzten, um gemeinsame Erinnerungen an die Zeit an der „Penne“ auszutauschen, ihre Abiturarbeiten entgegenzunehmen und sich bei Rundgängen die aktuellen und ehemaligen Gebäude (in denen heute die IGS/Realschule Plus untergebracht ist) anzusehen.

Nachdem der Vorsitzende Jörg Federrath die Arbeit des Vereins der Ehemaligen und Freunde vorgestellt hatte - der unter anderem für die Förderung des Chors, des Orchesters und diverser Arbeitsgemeinschaften verantwortlich zeichnet und sich die Verbesserung der Sachausstattung des Gymnasiums zum Ziel gesetzt hat - ergriffen vier Absolventen aus unterschiedlichen Abiturjahrgängen das Wort. Ihre Grußworte vermittelten nicht nur persönliches Erleben, sondern ließen auch Stimmungsbilder der verschiedenen Jahrzehnte entstehen, spiegelten die gesellschaftlichen und (bildungs-)politischen Veränderungen wieder.

1370 Schüler werden derzeit insgesamt am Gymnasium unterrichtet – als Prof. Dr. Hans Reinauer 1954 sein Abitur ablegte, tat er dies gemeinsam mit 28 weiteren jungen Männern und Frauen. „Der Rückblick erfolgt dankbar und ohne Zorn“, so Reinauer. Gerade bei den damals auch noch in der Oberstufe vorhandenen Klassenlehrern habe man sich sehr geborgen gefühlt. Er nutzte seine Rede gleichzeitig dafür, an die heutigen Lehrer zu appellieren, schon frühzeitig eine intensive Studien- und Berufsberatung zu bieten, hätten sie doch eine gute Kenntnis der unterschiedlichen Begabungen. Reinauer, der selber erst ein Maschinenbau- und ein Physikstudium begann, bevor er zur Medizin fand, schloss mit einem aufrichtig verwundert klingendem: „Erstaunlich, wie schnell 60 Jahre vergehen.“

Auch Prof. Dr. Reinhard Odoj vom Abiturjahrgang 1964 zeigte sich dankbar für den Einsatz und die Geduld der Lehrer, die nicht nur den reinen Unterrichtsstoff vermittelten, sondern darüber hinaus wichtige Fragen mit den Heranwachsenden diskutierten. Und mag damals das Schulgebäude ein anderes gewesen sein, so galt doch damals wie heute: Zum Schülerleben gehört auch mal der ein oder andere Regelbruch. So flüchteten Odoj und einige Oberprimakollegen vor einem Übermaß an Lateinunterricht, was sie fast die Zulassung zur Reifeprüfung kostete. Aber eben zum Glück nur fast.

1967: Ein neues Gebäude für das Freiherr-vom-Stein und bald darauf grundlegende gesellschaftliche Umbrüche. Prof. Dr. Peter Recht und seine Mitschüler des Abschlussjahres 1974 erlebten noch einige Lehrer, die sich mit dem Stock Respekt verschafften, gleichzeitig waren viele junge Pauker vom Zeitgeist der 68er geprägt. Für die Jugendlichen selber gehörten lange Haare und bemalte Bundeswehrparkas zur Pflichtausstattung. „Mobilitätsprobleme hatten wir nicht“, erinnerte sich Recht – einfach an die Straße gestellt und Daumen raus. Zu seinen positiven Erinnerungen gehörten außerdem die Freistunden, die gerne mal in anliegenden Gaststätten verbracht wurden und die Fahrt nach Prag. Details wolle er hier nicht ausbreiten, betonte Recht und verriet doch eine außergewöhnliche Meisterleistung aus seiner Schullaufbahn: Unter einer seiner Englischarbeiten stand einmal die Note Sechs Minus. Mit Bedauern blickte er aber vor allem auf die damalige Zeugnisvergabe. Abiturfeiern hätten als spießig gegolten und die Zeugnisse wurden einfach im Schulbüro abgeholt. Grund genug für Recht sich, wie alle anderen Rednern, bei den Organisatoren der Jubiläumsfeier zu bedanken: „Heute können wir ein wenig von der festlichen Stimmung spüren!“

An den Vertreter des Abiturjahrganges 1989 war die Order ergangen, eine „launige Rede“ zu halten. Eine Aufgabe, die Dietmar Gaumann mühelos erfüllte, obwohl ihm doch einige Hindernisse in den Weg gelegt wurden – denn zum einen habe ihm die Einladung zur Veranstaltung klargemacht: „Ich bin ein alter Sack“, zum anderen seien die 80er einfach furchtbar gewesen. Ein Jahrzehnt der Katastrophen („Waldsterben, Aids, Helmut Kohl – irgendwas war immer“) und der „schrecklichen Frisuren, Klamotten und Musik“.

Sein Grußwort war allerdings alles andere als schrecklich und löste bei den Zuhörern reichlich Lacher aus. Etwa die Erinnerungen an den Drogenkonsum, der auf Grund mangelnder Verfügbarkeit im Westerwald so aussah: „Bier, Bier und nochmals Bier“. Ergänzt höchstens noch durch das Lösungsmittel aus der Korrekturflüssigkeit, denn Facharbeiten wurden noch an der Schreibmaschine verfasst und irgendwann sorgten die Dämpfe für einen etwas verqueren Blick auf die eigene Leistung… Wie sehr das wirkliche Leben das Schulleben bestimmen kann, wurde schließlich aber auch klar. Als Einziger des Sozialwissenschaftskurses wählte Gaumann das Prüfungsthema zwei – und schrieb an seiner Schule damit wohl die letzte Abiturklausur über das politische System der DDR.
Wie gut er das gemacht hat, konnte Gaumann im Anschluss an den offiziellen Teil überprüfen, wurden doch an alle erschienen Ehemaligen die Abiturarbeiten ausgegeben und danach bestand bei einem Imbiss reichlich Gelegenheit zu Gesprächen und gemeinsamen Erinnern. (bud)
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