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Gedanken zu Karfreitag - der Tag des Leidens
Jesus Christus wurde vor etwa 2000 Jahren am Kreuz hingerichtet. Daran denken die Christen am Karfreitag. Der Leidensweg Christi begann mit dem Einzug in Jerusalem, wo er freudig empfangen wurde und von den gleichen Menschen wurde dann sein Tod gefordert. Die modernen Leidenswege der Menschen geben Anlass zum Nachdenken.
Fotomontage: Wolfgang TischlerRegion. Vor der Freude des Osterfestes steht im christlichen Festverlauf die Woche des Leidens Jesu Christi. Der Kreuzestod steht im Mittelpunkt des Gedenkens. Was sagt das der deutschen Gesellschaft heute? Ohne Leid keine Freude und Zuversicht? Der Tod am Kreuz – für die gläubigen Menschen Europas aller christlichen Religionsgemeinschaften ein besonderer Tag. Glauben sie doch an den Tod, das ewige Leben, die Vergebung der Sünden und die Auferstehung Christi an Ostern. Und das soll Hoffnung geben, den Tod besiegbar machen und Zuversicht geben.

Dieser Glaube, manifestiert in vielen Gesellschaften christlicher Prägung, ist bis heute für die christliche Werteordnung in weiten Teilen der Welt Grundlage. Ist diese Werteordnung überhaupt noch in den Köpfen und Herzen der Menschen? Ist sie längst dem wirtschaftlichen Wohlergehen geopfert? Rührt uns das Leid der Millionen Flüchtlinge, der Tod im Meer oder in den Kriegen, die weltweit stattfinden.

Jesus wurde begeistert in Jerusalem empfangen, so schreiben die Chronisten jener Tage. Doch die gleichen Menschen fordern wenige Tage später den Tod am Kreuz. Wie würde der Leidensweg Jesu heute aussehen? Eigentlich sehen wir alle es jeden Tag: in Idomeni, auf der Insel Lampedusa, in den Elendslagern des Irak oder Jordaniens, in der Türkei. Erreichen uns diese schrecklichen Bilder vom Leid der Kinder, Frauen und Männer eigentlich noch?

Eher Nein. Denn die meisten Menschen sehen nur sich selbst, sehen das eigene Leben gefährdet, den Wohlstand, die Sicherheit. Es gibt aber auch die vielen tausend ehrenamtlich tätigen Flüchtlingshelfer im Land, die den Lehrsatz Jesu ernst nehmen, als er sinngemäß gesagt haben soll: „Das, was ihr dem Geringsten meiner Brüder angetan habt, habt ihr mir getan“.

Das Leid Jesu vor der Kreuzigung und am Kreuz sollte doch heute, 2000 Jahre später, nicht kalt lassen. Zumindest dann nicht, wenn Frauen und Männer eine humanistische, christlich geprägte Grundbildung genossen haben. Lernfähigkeit bedeutet doch auch, die veränderte Welt zu sehen, wahrzunehmen und zu begreifen.

Deutscher und europäischer Wohlstand resultiert aus der Wirtschaftskraft und zu einem nicht unerheblichen Teil aus den Waffenexporten. Da liefert Deutschland Panzer, Bomben und anderes Material zum Töten, sichert damit Arbeitsplätze im eigenen Land. Dann werden diese Waffen eingesetzt, die Zivilbevölkerung stirbt, flieht vor dem Terror und dem Krieg und sucht Schutz. Der Leidensweg der Kriegsflüchtlinge aus den aktuellen Kriegsgebieten Syriens endet mit dem Tod in der Ägäis.

Die EU zerstört die Märkte und die Wirtschaftskraft der afrikanischen Länder mit Billigprodukten. Da kostet ein Hähnchen, gemästet in einer Geflügelfarm in Deutschland, plötzlich nur die Hälfte auf dem Markt in Nigeria, Ghana oder Somalia. Der kleine Farmer mit seiner bescheidenen Subsistenzwirtschaft kann seine gemästeten Hühner nicht mehr verkaufen. Die Familien, ganze Dörfer verarmen, die junge Generation zieht es nach Europa. Der Leidensweg vieler afrikanischer Flüchtlinge endet mit dem Tod im Mittelmeer.

Die großen Fischfangflotten Europas holen die letzten Fische vor den Küsten Afrikas aus dem Meer. Die Fischer mit ihren kleinen Booten finden innerhalb der für sie erreichbaren Zonen nichts mehr, um den Lebensunterhalt der Familien zu sichern. Die Alten schicken die Jugend nach Europa – wer will es ihnen übelnehmen? Nun gelten diese Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge – ohne Anrecht auf Schutz und Hilfe.

Das sind nur Beispiele, es gibt viele mehr. Die modernen Leidenswege der Menschen, egal woher sie auch kommen, sollten an Karfreitag präsent sein. Nicht nur bei Christen. (hws)
Nachricht vom 25.03.2016 www.ak-kurier.de