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360 Jahre Postgeschichte gehen zu Ende
Das Wissener Postamt im Herzen der Stadt öffnet am Montag, 16. März, zum letzten Mal die Tür. Am Dienstag, 17. März, übernimmt die Aufgaben die private Partneragentur in der Rathausstraße 77 im Geschenkeartikel-Laden von Petra Laatsch. Für die Mitarbeiter ist dies ein trauriger Tag. Für die Kunden soll sich nach Angaben der Post aber nichts ändern.
Wissen. Am Montag, 16. März, öffnet die Deutsche Post in Wissen zum letzten Mal ihre Tür. Dann geht eine Ära zu Ende, die 1748 begann. Am Dienstag, 17. März, öffnet die Petra-Laatsch-Geschenkeartikel-GmbH den Betrieb, der auch die private Post-Partneragentur in der Rathausstraße 77 beinhaltet. Dort werden zwei Schalter und die Postfächer sein sowie das komplette Dienstleistungs- und Serviceangebot der Post. Post-Pressesprecher Stefan Heß hatte dies bereits Anfang Dezember mitgeteilt. Heß hatte auch mitgeteilt, dass es keine Entlassungen geben wird. Die fünf Angestellten werden jetzt in Altenkirchen ihren Dienst tun, dies erfuhr der AK-Kurier vor Ort. Für die bisherigen Mitarbeiter des Wissener Postamtes ist es nicht einfach, die letzten Stunden in ihrer Filiale zu arbeiten. "Mister Post" Ernst Osinski ist seit 1982 bei der Post und seit 1990 ununterbrochen in Wissen. Fast ebenso lange ist Erhard Schuhmacher in Wissen. Beide geben unumwunden zu, dass die letzten Arbeitstage schon recht traurig sind. "Es war schon länger bekannt, dass die Privatisierung uns irgendwann treffen wird, aber jetzt kam es doch recht schnell", meinte Osinski. Zum letzten Mal schließt er am 16. März die Tür am Postamt für die Kunden auf.
Die Postkunden in Wissen sind überwiegend ungehalten und verärgert. "Das dürfte nicht geschehen, eine Stadt wie Wissen braucht ein Postamt und keine Agentur", schimpft ein Kunde. "Der Staat hat sich aus allen hoheitlichen Aufgaben verabschiedet, Post und Bahn privatisiert, man sieht doch, wohin das führt. Es geht nur noch um Gewinne, Service und Dienstleistungen bleiben auf der Strecke, man denke nur an die kleineren Orte, die schon lange keine Post mehr haben", beschwert sich ein Mann. Die Diskussion im Postamt wird heftig, es wird geschimpft. Hart angegriffen wird Ex-Postchef Zumwinckel, der sich die Taschen vollstopfte und mit einer Bewährungsstrafe davonkam. Attackiert wird auch die Politik, die dem Privatisierungswahn nichts entgegensetzt habe, weder bei Post noch bei der Bahn. Die Post habe über Jahrhunderte für das Post- und Briefgeheimnis gestanden: "Wie kann man so etwas privatisieren?", wirft jemand in den Raum.
Bei einem Postkunden taucht die Erinnerung an die Einweihung des neuen Postamtes im Jahr 1955 auf. "Ich war damals noch ein Kind und wir durften auf dem Paketband rutschten", erinnert er sich an das Einweihungsfest.
360 Jahre Postgeschichte in Wissen gehen zu Ende. Die ersten Urkunden und Dokumente, die einen regelmäßigen Postbetrieb in Wissen belegen, stammen aus dem Jahr 1748 und waren im Besitz der Familie Clostermann, die auch die damalige Posthalterei betrieb. Sie befand sich damals an der Ecke Hauptstraße/Mittelstraße, der späteren Metzgerei und Gaststätte August Lang, die 1945 im Bombenhagel zerstört wurde. Die Postverbindungen von Wissen aus wurden stetig ausgebaut, so ging eine der ersten Postlinien von Siegen nach Neuwied über die Alte Poststraße nach Wissen. Der Postbetrieb wuchs, im Hinterhof der Familie Clostermann in der Bahnhofstraße wurde 1863 der steigende Brief- und Paketversand abgewickelt. Mit der neuen Bahnhlinie Köln-Siegen, die nun die Post beförderte, verschwand die Posthalterei, aber mit dem Ausbau auch des Fernsprech- und Telegrafendienstes bei der Post brauchte man neue Räume. Die Flächen stellte der Wissener Bauunternehmer Severin Koenemund gegenüber dem Bahnhof zur Verfügung. Am 1. Oktober 1884 war die Einweihung des gemieteten Postdienstgebäudes. 1930 wurde der aufgrund der technischen Neuerungen wachsende Fernsprechdienst in den ausgebauten Westflügel der ehemaligen Knopffabrik "Am Biesem" verlegt. Der Zweite Weltkrieg zerstörte auch das Wissener Postamt, ein Notpostamt entstand in der Rathausstraße 32. Der posteigene Neubau begann im Herbst 1954 und die Einweihung fand kurz vor Weihnachten 1955 statt. Die Wissener waren stolz, sie hatten nun ein eigenes modernes Postamt. Mit dem aufstrebenden Industriestandort an der Sieg wuchs auch die Post. Ein moderner Schalterdienst wurde eingeführt. Chronisten berichten aus dem Jahr 1969, wo es beim Tag der offenen Tür der Deutschen Post anlässlich der Modernisierungen einen Besucherrekord gab. 2500 Menschen kamen zu "ihrer Post".
Im Jahr 1993 begann mit der Postreform das Sterben der Postämter. Zuerst kamen die kleinen Poststellen in den Dörfern dran, dann traf es die Stadtteilpostämter, jetzt trifft es die Stadt Wissen. Die eigenbetriebene Postfiliale wird eine private Partneragentur. Die Deutsche Post verabschiedet sich aber nicht nur von ihren Postämtern und nicht nur von Wissen - sie gibt auch das berühmte Posthorn in ihrem Logo auf. Postchef Frank Appel will das Posthörnchen nicht mehr, ein neuer Name für das Unternehmen ist auch schon gefunden: "Deutsche Post DHL" löst den Namen "Deutsche Post World Net" ab. In der letzten Woche hatte Appel die neue Konzernphilosophie mit dem Namen Strategie 2015 in Bonn vorgestellt. Der Logistikriese setzt dabei auf das neue moderne Logo ohne Posthorn, und einen elektronischen Brief (E-Brief) der auf digitalem Wege das profitable Feld der Dialogwerbung an den Kunden bringen soll. (Helga Wienand)
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Für Ernst Osinski, in Wissen auch liebevoll "Mister Post" genannt, beginnt der letzte Arbeitstag am Montag, dann schließt er die Türe der posteigenen Filiale zum letzten Mal auf. Fotos: Helga Wienand
   
Nachricht vom 15.03.2009 www.ak-kurier.de