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Wirtschaft
Preiswürdige Agrar-Familie: Die Augsts in Helmenzen setzen auf Direktvermarktung
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: Riesengroß war die Freude bei Familie Augst aus Helmenzen am Dienstagmittag (24. September), als die Nachricht eintraf. Sie hatte Platz drei beim bundesweiten Online-Voting "Agrar-Familie 2019" erreicht. Verbunden damit ist ein Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro. Als Sieger aus dem Wettbewerb, an dem in der Finalrunde zwölf Familien aus der gesamten Republik teilgenommen hatten, ging Familie Hahn aus Alzey hervor. 7.000 Euro wurden auf ihr Konto überwiesen.
Silke und Matthias Augst heißen auf ihrem Helmenzer Hof jeden willkommen, der sich für nachhaltige und transparente Landwirtschaft interessiert. (Foto: hak)Helmenzen. Unter den zwölf besten "Agrar-Familien" Deutschlands zu sein, ist doch was! Die Nachricht, den dritten Platz in der Online-Abstimmung der Plattform "Netzwerk Agrarmedien" belegt zu haben, erreichte Familie Augst in Helmenzen per Telefon zur Mittagszeit. "Wirklich?", fragte Matthias Augst erst einmal ein wenig zweifelnd, ehe verhaltener Jubel einsetzte und er flugs die Verantwortliche für das gute Ergebnis ausgemacht hatte: "Ich freue mich besonders für meine Frau Silke, weil sie sich mit dieser Wahl beschäftigt hatte." Gesucht worden war diejenige Familie, die in der Landwirtschaft generationenübergreifend innovative Betriebskonzepte umsetzt, in dem sie ihren Betrieb für die Zukunft fit macht, das Leben im Dorf bereichert und hilft, das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit zu verbessern.

Auf einem guten Weg
In diesen Punkten sind die Augsts auf einem sehr guten Weg. Da ist zunächst Senior Helmut, der beinahe die 80 erreicht hat und nach wie vor kräftig mit anpackt, da sind Betriebsleiter Matthias (39), Silke (41), die Kinder Malte (11) und Jendrick (5) sowie eine 450-Euro-Kraft. Da sind aber auch 50 Milchkühe, 50 Stück Jungvieh, 5 Hähne und 345 Legehennen, und da sind 125 Hektar Ackerfläche und 100 Hektar Grünland, die den Gemischtbetrieb am Verbindungsweg zwischen Helmenzen und Kettenhausen nach dessen Aussiedelung aus der Dorfmitte im Jahr 1995 bilden. Vor allem der Transparenz, der Direktvermarktung und der Nachhaltigkeit hat sich Familie Augst verschrieben.

Da ist viel Vertrauen im Spiel
In einem kleinen Gartenhäuschen, das vor den Stallungen steht, werden Eier, Nudeln und Honig – die Bienenkörbe von Dirk Dege aus Flutschen stehen auf Augstschem Grund und Boden – offeriert. "Jeder kommt, nimmt sich, was er braucht, und wirft den entsprechenden Betrag in den Briefkasten, der im Innern an der Wand hängt. Alles geschieht halt auf Vertrauensbasis", erläutert Silke Augst den einfachen Ablauf des Hofverkaufs. "Bislang hat noch nicht ein einziger Cent gefehlt", ist sie sehr zufrieden. Es sind in erster Linie Stammkunden, die das kleine "Ladenlokal" zwischen 8 und 22 Uhr im Sommer und von 8 bis ungefähr 20 Uhr im Winter betreten. Rohmilch wird sieben Tage die Woche zwischen 17 und 18 Uhr verkauft. Kartoffeln aus eigenem Anbau ergänzen inzwischen das Angebot. Die Sparte "Fleisch und Wurst" soll sich langsam zu einem weiteren Standbein entwickeln. Der Großteil der Milch wird alle zwei Tage an eine Molkerei abgegeben. "Die Leute sind sehr froh, wie alles hier Verkauf abläuft. Es sei ein bisschen wie früher", gibt Silke Augst die Meinung einiger Abnehmer wieder.

Allerhand flankierende Maßnahmen
Parallel sind die Augsts in puncto Werbung in eigener Sache bestens aufgestellt. Regelmäßige Hofführungen stehen auf der Agenda. "Wir zeigen alles, das können wir auch", weiß Matthias Augst. Selbst eine kranke Kuh verhindere den Rundgang nicht. "Warum auch? Ich erkläre das, und jeder hat Verständnis." Dazu kommen die Besuche von zahlreichen Kitagruppen und Schulklassen bis zur Oberstufe. Rund 30 könnten es bis zum Jahresende unter der Überschrift "Lernort Bauernhof" werden, rechnet Silke August hoch, wobei Informationen zu bestimmten landwirtschaftlichen Themen im Vorfeld abgesprochen und somit behandelt werden können. "Die Leute interessieren sich für das Wie, das Warum und das Wo und für gute Qualität. Dafür sind sie bereit, etwas mehr zu zahlen", lautet die Erfahrung des Ehepaares. Es passt nur allzu gut ins Bild, dass am vergangenen Sonntag ein großer Erntedankgottesdienst der katholischen Kirchengemeinde Altenkirchen mit rund 250 Besuchern zwischen Stallungen, Fuhrpark und Heuballen gefeiert wurde. Davon schwärmt Silke Augst noch immer und weiß: "Das war auch Werbung in eigener Sache bei diesem schönen Wetter." Selbst für Kindergeburtstage ist das aufgeräumte und saubere Areal eine gute Adresse.

Auch noch Zeit für Ehrenämter
Bleibt bei den mit Arbeit ausgefüllten Tagen wirklich einmal ein wenig Freizeit, ist Matthias Augst auch noch Mitglied im Ortsgemeinderat von Helmenzen (und das bereits seit 2004) oder als Vorstand des Futtermittelprüfrings gefordert, während seine Frau sich unter anderem im Förderverein der evangelischen Landjugendakademie engagiert. Die beiden Kinder wollen ebenfalls erzogen werden. Ob sich aus ihnen irgendwann der Nachfolger für den Hof rekrutiert, ist offen. "Niemand wird gezwungen", haben Matthias und Silke Augst die Parole ausgegeben. Natürlich haben auch sie die Erfahrung gemacht, dass abseits des eigentlichen Betätigungsfeldes der administrative Part immer größer wird. "Die Bürokratie frisst einen auf", bringt es Silke Augst auf den Punkt. Aber was tut man nicht alles, um den Hof fit für die Zukunft zu machen, selbst wenn an langen Winterabenden eine Flut von Anträgen ausgefüllt werden muss.

Forderung nach mehr Sachlichkeit
Kapitulieren werden die Augsts vor den teils unschönen Begleitumständen gewiss nicht. "Wir können vieles bieten, was andere nicht bieten können", sagen beide unisono. Hin und wieder wünschen sie sich, dass emotional Aufgebauschtes auf die sachliche Ebene transferiert wird und dass die Politik in Fragen, die die Landwirtschaft betreffen, wirklich auf die Fachleute hört. Apropos 2.000 Euro: Der Verwendungszweck ist noch nicht abschließend geklärt. Das Geld könnte, so ein erster Gedanke, in die Verbesserung der Direktvermarktung fließen. (hak)
Nachricht vom 24.09.2019 www.ak-kurier.de