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Interview (Teil 2) mit Reiner Meutsch: „Ich vergeude keine Zeit für dummes Gelaber“
Die nackten Zahlen heben eine Leistung heraus, die ihresgleichen sucht: In zehn Jahren des Bestehens eröffnete die Stiftung "Fly & Help" von Reiner Meutsch (Kroppach/64) 369 Schulen in 47 Ländern. 16 Millionen Euro wurden investiert. Im dreiteiligen Exklusivinterview mit den Kurieren offenbart der Stiftungsgründer viele private Aspekte. Lesen Sie im zweiten Teil über Meutschs Umgang mit der Vielzahl von Terminen, wo Meutsch Kraft tankt und dass ihm hin und wieder auch Neid entgegengebracht wird.
Ein Bad in der Menge ist für Reiner Meutsch obligatorisch, wenn er eine Schule einweiht. (Foto "Fly & Help")Inzwischen gehören Auftritte in höchsten Politikerkreisen und in der High Society zum tagtäglichen Brot - nach wie vor mit einer Portion Bauchkribbeln?

Eine gewisse Unruhe verspüre ich schon. Das habe ich gerade bei der "Fly-&-Help-Gala" gemerkt. Ich war zwei Tage vorher nervös. Meine Lebensgefährtin fragte: "Ich merke, dass du diese Ruhe, die du sonst ausstrahlt, gar nicht hast. Bist du nervös?". Ich habe bestimmt über 1000 Veranstaltungen moderiert, aber vor jeder Veranstaltung spüre ich dieses Kribbeln. Ich bin dann nervös. Stehe ich auf der Bühne und habe dafür gesorgt, dass alles gut geplant ist im Vorfeld, löst sich das, ich weiß nicht wie, einfach auf. Ich sehe die Menschen, ich sehe Emotionen, ich sehe die Gesichter, ich bin gelöst und genieße den Abend. Mein Ziel an einem solchen Abend ist immer, eine Familienatmosphäre herzustellen. Jeder soll sagen, er ist einer von uns, auch wenn ich einen Meter höher stehe, und wir machen das gemeinsam. Die paar Stunden einer Gala sind Lebenszeit - nicht nur für mich, sondern auch für den, der im Publikum sitzt. Das ist mir bewusst, und danach handele ich auf der Bühne. Und so genieße ich das auch.

Ist die Vielzahl von Terminen hin und wieder nicht auch einmal nervig?

Es liegt an mir. Es gibt noch einen Spruch, den ich verinnerlicht habe. Du darfst nicht warten, dass andere dich glücklich machen, dafür musst du schon selbst sorgen. Ich war im vergangenen Jahr 260 Tage unterwegs. Ich habe im vergangenen Jahr 61 Schulen selbst eröffnet. Ich war im vergangenen Jahr in 31 Ländern unterwegs. Oftmals habe ich mehr Termine wie zu Zeiten von "Berge & Meer". Wenn ich in die Zukunft blicke, muss ich aufpassen, dass ich mir nicht mehr Termine zumute, als die, die ich auch gesundheitlich verkrafte. Es nutzt nichts, wenn ich tot bin und 1000 Schulen gebaut habe. Da achte ich jetzt sehr drauf, wie ich meine Termine gestalte und dass ich Ruhephasen habe. Ich möchte auch mal zwei Wochen in Mallorca, eine Woche in den Bergen oder ein paar Tage in Scheveningen genießen.

Tankt Reiner Meutsch auch zuhause Kraft für diese Berufung?

Das Zuhause wurde wir vor ein paar Tagen wieder bewusst, als ich in unsere einzige Dorfkneipe ging. Da trank ich mit den anderen "Jungen" ein Bier, ehe sie mich aufforderten: Verzäll mol, wo worste dann widder gewest? Und dann tauchst du ein in die Welt derer, mit denen du groß geworden bist, redest darüber, wer sonst auch an dieser Theke stand und wer inzwischen verstorben ist. Du genießt es einfach mit denen aus dem Dorf. Denen ist das ziemlich egal, ob du eine Krawatte trägst, was du für eine Uhr hast, welches Auto du fährst. Das ist ganz einfach der Reiner. Ich genieße es, mit Reinhard, mit Dieter, mit Bernd, mit Ulli zusammen zu sein. Da tanke ich zum einem Kraft. Dann sind es meine Reisen, wenn ich in ein Entwicklungsland fliege, wo ich versuche, zwei, drei Tage anzuhängen, um runterzufahren. Da sind so viele Emotionen bei den Schuleröffnungen. Ich habe 268 selbst eröffnet. Ich könnte jede Schule und deren Eigenart nennen. Um das zu verarbeiten, bleibe ich manchmal zwei, drei, vier Tage länger in dem Land für mich ganz allein.

Wie viel Neid schlägt Ihnen entgegen?

Du spürst es weniger. Du spürst aber Neid, wenn jemand sagt, ich möchte mehr haben wie der oder warum hat der so viel. Was heißt so viel, sage ich mir dann. Macht er das fest an Reisen, an Geld?, Ja, der Reiner fliegt Helikopter, eine Leidenschaft, die ich als 14-Jähriger schon hatte. Wenn ich Jahrzehnte ein Unternehmen aufgebaut und es dann verkauft habe, kann ich mir das schon leisten. Der Preis von all dem hat natürlich auch Tribut gefordert. Ich hatte während der Berufszeit zu wenig Zeit für meine Familie. Ich habe sehr viel Kraft und Zeit verwendet für den Aufbau meiner Firma. Ich wollte immer, dass es der Familie gut geht. Meine Frau kam aus wirklich armen Verhältnissen. Und ich hatte die Armut dort gesehen. Wir hatten nie viel Geld. So dass wir kaum auf Jahre nach vorne blicken konnten. Die Antriebsfeder für den Aufbau meiner Firma war schon, dass ich meiner Familie ein Nest schaffen wollte, ein Haus bauen. Es soll ihr gut gehen, ich möchte erfolgreich und finanziell unabhängig sein. Das erarbeitest du dir selbst. Und das ist mir auch gelungen. Es gibt den Spruch "Neid muss man sich hart erarbeiten". Da ist was Wahres dran. Das haben unsere Urgroßväter schon gesagt. Ich aber lasse mich nicht verleiten, dass ich einen verurteile, der neidisch auf irgendetwas von mir ist. Das mache ich nicht. Danach beurteile ich Menschen nicht. Was ich heute mache, und das ist meinem Alter geschuldet: Ich umgebe mich nicht mehr mit jedem. Was ich nicht möchte, sage ich dann. Ich vergeude keine Zeit für irgendwelches dummes Gelaber. Da warst du als 20- oder 30-Jähriger ohne die notwendige Lebenserfahrung anders. Da hast du viele Stunden und Tage mit Leuten verbracht, was eigentlich sinnlos war. Ich umgebe mich mit Menschen, mit denen ich mich wohlfühle.

Mit gut 10 Jahren "Fly & Help" im Kopf: Bereuen Sie, diesen Weg eingeschlagen zu haben?

Definitiv nicht. Viele sagen, warum hast du dein Geld nicht genommen und bist nach Hawaii oder auf die Malediven geflogen. Dann sage ich immer, dass der Strand schnell umrundet und die Insel schnell erkundet ist. Mich haben immer Menschen interessiert. Es gibt kaum eine schönere Arbeit, bei der du so viele Menschen erlebst wie in meiner Stiftungsarbeit. Ich treffe Milliardäre, Millionäre, Normalverdiener, arme und ganz arme Menschen. Ich weiß, wie sich Armut anfühlt. Viele sagen, dass es in Deutschland doch auch arme Menschen gibt und fragen: Warum machst du das zum Beispiel für die armen Menschen in Afrika? Wenn in Afrika ein Kind Wasser trinken will, muss es oft zehn Kilometer mit einem Kanister laufen. Dann ist das Wasser meistens noch mit Bakterien verseucht. Wenn heute bei uns einer Wasser trinken will, geht er auf die Bahnhofstoilette, dreht den Hahn auf, hält den Kopf drunter und trinkt Wasser. Armut fühlt sich bei uns ganz anders an als in Afrika, Asien oder Südamerika. Es gibt Milliarden arme Menschen. Wir haben uns ein Sozialnetz hart erarbeitet. Unsere Väter haben nach dem Krieg hart daran gearbeitet. Wir sind 70 Jahre ohne Krieg. Wir können Menschen, die aus welchen Gründen auch immer in Armut geraten sind, sozial auffangen. Das ist ein unglaublicher Wert, den wir uns erschaffen haben. Den dürfen wir auf gar keinen Fall aufs Spiel setzen.

Es scheint, als liefe "Fly & Help" inzwischen von ganz allein: Muss Reiner Meutsch überhaupt noch eingreifen, um die Stiftung voranzubringen?

Wenn du nicht immer das Rad am Laufen hältst, kann es sich ganz genau so schnell wieder zurückdrehen bis dahin, als es begann, sich erfolgreich zu drehen. Wir haben das Deutsche Spendensiegel. Jede Spende geht 1:1 in die Schulprojekte. Alle Kosten übernehme ich privat, oder Sponsoren tun es. Druckereien drucken Prospekte kostenlos, Lufthansa und Condor geben mir Flüge in die Zielgebiete, um die Schulen kontrollieren zu können. Wenn du den Fuß etwas vom Gas nimmst, dann kann das ganze Rad sich wieder zurückdrehen. Das möchte ich in der jetzigen Situation eigentlich nicht. Es kommt sicher irgendwann die Phase, in der du dich mehr um die Erhaltung der Schulen kümmern musst als neue zu bauen. Da habe ich ein System geschaffen, bei dem ich immer mit Organisationen vor Ort zusammenarbeite, die länger als 20 Jahre tätig sind, die Kontakte haben, das Know-how haben, Schulen zu bauen nach UN-Normen und die die Nachhaltigkeit sicherstellen. Denn wenn wir die Schule gebaut haben, schenken wir sie der Kommune, der Gemeinde. Dann ist sie deren Eigentum und gehört nicht mehr uns. Sie muss kontrolliert und überwacht werden. Ich habe auch kein monetäres Ziel. Ich hatte einmal ein Ziel: 100 Schulen in 20 Jahren. Jetzt mache ich es, solange es mir Spaß macht und mir die Leute Geld geben. (hak)

Lesen Sie in den kommenden Tagen im dritten und letzten Teil unseres Exklusivinterviews, wie Reiner Meutschs Einstellung zu seiner Heimatgemeinde ist, ob er sich mit dem Gedanken trägt, die Leitung der Stiftung abzugeben und was er sich für dieses Jahr wünscht.

Im ersten Teil spricht Reiner Meutsch über seinen Abschied vom Unternehmen "Berge & Meer", über eine neue Charaktereigenschaft und wie er lernte, sich in höchsten Politikkreisen und in der High Society zu bewegen.
Nachricht vom 28.01.2020 www.ak-kurier.de