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Kultur
Buchtipp „Jeder kommt mal dran“ von Antonia Fournier
Mit analytischem Blick und sicherem Strich skizziert die Westerwälderin Antonia Fournier ihre Mitmenschen. In der gerade publizierten erweiterten Neuauflage sind Typen festgehalten, die jeder von irgendwo kennt und mit einem Schmunzeln zuordnet. Mit einer guten Portion Humor ergänzen die Texte spöttisch und zuweilen sarkastisch gemäß dem Untertitel „(Ein) wenig Weisheit und Spott“ die sehr reduzierten Zeichnungen der Diplom-Grafikerin und freischaffenden Künstlerin.
Buchtitel. Zeichnung: Antonia FournierOberdreis. Jeder kommt mal dran: der Undurchschaubare genauso wie der Morgenmuffel, der Gleichgültige, die wissende Alte und die Einfältige. Der Möbelträger ist eindeutig als solcher erkennbar, obwohl er gar kein Möbelstück in den Händen hält. Und die Körpersprache der Empörten ist abschreckend, sodass es des ergänzenden Texts „Die Hände in den Hüften, streitsüchtig wie ein Stier, grell keift sie in den Lüften, beherrscht ihr ganzes Revier“ in diesem Fall nicht bedarf. Dagegen ist die Psychoanalyse des Dicken nachvollziehbar und zum Grinsen: „Meine Hosenbundweite hat Drang zur Breite. Drum wies ich manch saftig‘ Stück standhaft und feste zurück. Doch manchmal vergess‘ ich’s, dann fress‘ ich’s.“

Fournier hat etliche neue Prototypen in dem Band festgehalten, vor allem Frauen, die sich bisher in der radikalen Minderheit befanden: die Weltfremde und das Blumenmädchen, Violinspielerin und Flötenspielerin, Marktfrau und Putzfrau sind jeweils in Physiognomie und Aktion sehr treffend festgehalten. Außer Musikern sind einige Handwerker – Möbelschreiner und Metzger und Arzt - neu aufgetaucht.

„Der Wanderer“ zeigt, dass die Künstlerin selbst gern unterwegs ist, auch die Sauna hat sie offensichtlich besucht. Wer erwartet, dass Fournier ständig mit Stift und Skizzenblock unterwegs ist, täuscht sich. Fournier sieht die Menschen, denen sie begegnet, unauffällig aber intensiv an und hält ihre Unarten und Eigenarten, Schwächen und Gebrechen im Gedächtnis fest. In den Karikaturen werden das Markante bildlich verstärkt und die Züge vereinfacht. Die Zeichnerin beherrscht die hohe Kunst des Weglassens perfekt, oft ist die Kontur unvollständig, trotzdem ist der dargestellte Typus eindeutig. Sogar Seelenzustände wie „Das schlechte Gewissen“ oder „Der Trotz“ sind mit sparsamem, pointiert gesetztem Strich getroffen.

Der Leser oder die Leserin erkennt sich wahrscheinlich in einigen Charakteren wieder. Vielleicht im „Eifrigen“, der mit seiner Figur kämpft: „Obwohl er sich recht eifrig schindet und immer strebend sich bemüht, kein Gramm von seinem Fette schwindet. – Das schlägt ihm heftig auf’s Gemüt.“ Und jeden trifft am Ende „Das Alter“: „Hier schlurft er im Rocke, gestützt auf dem Stocke und klagt als Pensionär: „Wenn ich doch jünger wär.“ Er wartet auf’s Essen von Vielen vergessen.“

Das Hardcover-Buch ist erschienen im Romeon Verlag, ISBN 978-3-96229-167-9. htv
Nachricht vom 31.05.2020 www.ak-kurier.de