AK-Kurier
Ihre Internetzeitung für den Kreis Altenkirchen
Kultur
Kulturwerk Wissen: Hybride Veranstaltungen für Vereine interessant
Die Prognosen nach der Gesellschafterversammlung des Kulturwerks Ende Juli sehen nicht wirklich gut aus. Doch für Geschäftsführer Dominik Weitershagen ist dies eher Ansporn mit seinem Team weiter in die Veränderung zu gehen und nach Alternativen zu suchen, auch im gesellschaftlichen Auftrag als Kulturanbieter.
Dominik Weitershagen und Franziska Lorbach, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Kulturwerk absolviert:  Sich der Krise und den damit verbundenen Veränderungen stellen heißt die Devise. (Fotos: KathaBe)Wissen. Als das Kulturwerk in den vergangenen Tagen endlich die Pforten wieder einmal für laute Musik öffnen konnte und Street Life aufspielte, war dies nicht nur für die Band und die rund 150 Gäste, sondern vor allem auch für Dominik Weitershagen (Geschäftsführer Kulturwerk) mit seinem Team anders und neu. Der Begeisterung über das erste seit etwa sechs Monaten stattfindene Live-Konzert tat dieses „anders als sonst“ jedoch keinen Abbruch. Außerdem und das ist fast neu: Die Veranstaltung konnte für den heimischen Garten oder das Wohnzimmer zudem per Live-Videoübertragung (Streaming) übers Internet gebucht und mitverfolgt werden. Auch diese Möglichkeit nutzten Musikbegeisterte und dem Vernehmen nach wurde in kleinen Kreisen an diesem lauen Sommerabend teilweise auf der Straße zu den Klängen von Street Life getanzt und mitgefeiert.

Der nächste musikalische Event in der Form steht auch schon vor der Tür: Am 15. August wird Sidewalk live im Kulturwerk spielen und die hybride Möglichkeit teilzunehmen gibt es diesmal wieder, wie auch bei weiteren geplanten Veranstaltungen.

Erste Einschätzung für dieses Jahr: 100.000 Euro Einnahmeausfälle
Auf der Gesellschafterversammlung Ende Juli konnten erste Prognosen nach dem coronabedingten Lockdown abgegeben werden. Lief es im ersten Quartal noch einigermaßen gut, mussten seit Mitte März über 70 geplante Events abgesagt werden. Lediglich 45 Veranstaltungen (Meetings, Konzerte, hybride Konferenzen) konnten neu akquiriert werden. Durch die geringeren Kapazitäten werfen diese kaum Gewinne ab. So bleibt ein kalkulierter Corona-Umsatzverlust von etwa 240.000 Euro, der durch eingeleitete Maßnahmen zwar um 140.000 Euro abgesenkt wird. Dennoch bleiben rund rote 100.000 Euro, die an Vermietung zum Beispiel für Hochzeiten und Weihnachtsfeiern, Sponsoring, Werbung, Eintrittsgeldern, Getränkeverkauf etc. in diesem Jahr auch in der Kasse der Verbandsgemeinde fehlen werden. Die Verbandsgemeinde ist Träger des Kulturwerkes, entsprechend gibt es auch keine Soforthilfen. Die eingeführte Kurzarbeit einiger Kollegen könne das nicht kompensieren, zumal die Arbeit nicht weniger geworden sei, erklärt Weitershagen. Der Aufwand habe sich durch Umbuchungen und aufwändigere Planungen noch erhöht, doch der Anspruch, dabei wirtschaftlich zu arbeiten, bleibe.

Umstrukturieren gefragt – Veränderung in der Krise
Die Situation, in der sich die gesamte Kulturbranche befindet, gab dem Team im Kulturwerk dennoch den Ansporn sich weiter und schneller auf die Umstände einzustellen. Quasi noch im Schock der ersten Tage des Lockdowns wurde Reinigungs- und Reparaturarbeiten in Angriff genommen. Zudem fanden virtuelle Schulungen der Mitarbeiter auch zu neuen Techniken statt. Die freien Kapazitäten wurden genutzt, um aufwendigere Videoproduktionen für Kunden durchzuführen und die Sitzungen der Stadt und Verbandsgemeinde werden seither im Kulturwerk durchgeführt. Die Fläche von rund 1.000 Quadratmetern bietet die Möglichkeiten den nötigen Sicherheitsabstand zu wahren.

Weitershagen ging dann, sobald es möglich war, in die Planung für erste coronakonforme Veranstaltungen. Kurzfristig konnte Peter Lindlein mit seiner Ausstellung „Auf dem Westerwald“ gewonnen werden. Diese Ausstellung bietet nicht nur ortsansässigen Besuchern die Möglichkeit museale Kultur zu erleben, sondern lockt auch Urlauber u.a. der umliegenden Campingplätze an. Es laufe ganz gut, meint Weitershagen. Zudem findet die Sommerschule statt und wird von einer Mitarbeiterin des Kulturwerks unterstützt.


Als hervorragendes Werkzeug in der Krise sieht Weitershagen die Nutzung der hybriden Veranstaltungen. Das heißt: Parallel zur Veranstaltung vor Ort im Kulturwerk findet die Veranstaltung digital im Netz statt, so wie beim Konzert von Street Life. Als problematisch hingegen bezeichnet er die wieder neu entdeckte Variante des „auf Hut spielen“, wo Bands ohne Gage u.a. in Biergärten auftreten und zum Schluss den Hut „rumgehen lassen“. „Dies wäre, als wenn wir im Kulturwerk mit Freibier werben würden, obwohl wir wissen, dass die Gastronomen ebenso unter der Krise leiden“, so Weitershagen. Gemeinschaft und Neuerfinden sei gefragt. So wie im Bauhandwerk derzeit viel über Schwarzarbeit laufe, sei die Hut-Spielerei nichts anderes. Er könne es zwar verstehen, jedoch sei dies letztendlich kontraproduktiv für die Kultur-Branche und die gesamte Wirtschaft, die es regional und insgesamt zu stärken gelte. Und an Kultur hängt vieles: Gastronomie, Hotellerie und letztendlich im Fall vom Kulturwerk auch die Darstellung des Wisserlandes als Urlaubsregion.

Hybride Veranstaltungen für Vereine attraktiv
Die Möglichkeit der hybriden Zusatzmöglichkeit sieht Weitershagen zudem als Chance für die Vereine und andere Organisatoren von Veranstaltungen in der Region. So sind Großveranstaltungen derzeit zwar nicht zugelassen, dennoch ermöglicht diese Option, im Rahmen von bis zu 250 Menschen (je nach Gruppengrößen und entsprechender Bestuhlung) vor Ort zu feiern. Die, die sich unter großen Ansammlungen von Menschen nicht wohlfühlen, haben die Möglichkeit via Livestream am Bühnengeschehen teilzunehmen. Denkbar ist das zum Beispiel für Konzerte der regionalen Kapellen, Saisoneröffnung zum Karneval, Tanzveranstaltungen und natürlich weitere Konzerte neben anderen Kulturangeboten und Darbietungen. Der Vorteil: Auch das in der Pandemie mehr oder weniger lahmgelegte Vereinsleben findet so einen Weg sich zu präsentieren. Individuelle Möglichkeiten können gefunden werden und Dominik Weitershagen steht als Ansprechpartner für Planungen gerne bereit. Für die Sicherheit komme es am Ende nicht auf die absolute Zahl, sondern auf die Ausgestaltung an, die zwar arbeitsintensiv, aber lohnend für alle sei. So sieht eine Ratssitzung mit Reihenbestuhlung maximal 80 bis 100 Besucher vor, wohingegen bei den Konzerten – je nach Gruppengrößen, die keinen Abstand halten müssen und Einzelteilnehmern – schon besagte 250 Personen am Event vor Ort teilnehmen können. Das bringt in diesen Zeiten Lebensfreude für die Künstler und die Gäste, die bei „Geister-Veranstaltungen“ kaum aufkommen kann.

Wie sich das Kulturwerk umgestellt hat, sieht Bürgermeister Berno Neuhoff als Musterbeispiel dafür, wie eine Einrichtung sich der aktuellen Krise stelle. Eine komplette Schließung wäre auch in Frage gekommen, so Weitershagen. Dies sei für ihn aber keine Option gewesen. Auch wenn die hybriden Veranstaltungen finanziell im Moment noch keine Rettung darstellen, bedeute dies zumindest eine Option zu haben, bei einer eventuellen Verschärfung „nicht alles stehen und liegen lassen zu müssen“. Es sei auch eine gesellschaftliche Verantwortung Kultur über die verschiedensten Wege anzubieten. (KathaBe).
Nachricht vom 12.08.2020 www.ak-kurier.de