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Nachricht vom 28.07.2017 - 17:37 Uhr    

Güterverkehr nach über 100 Jahren endgültig eingestellt

Erneut endet ein Ära der Eisenbahngeschichte im Kreis Altenkirchen. Die Strecke Scheuerfeld-Weitefeld für den Güterverkehr ist jetzt geschlossen. Zuletzt gab es nur noch einen Kunden und die Lok, 60 Jahre alt, hatte die Betriebserlaubnis bis 9. August, dann wäre die Hauptuntersuchung fällig gewesen. Diese Kosten oder auch die Ersatzbeschaffung hätte die Westerwaldbahn GmbH ohne langfristigen Vertrag nicht leisten können.

Ein Stück Wehmut ist dabei, von links: Hauptlokführer Michael Krüdelbach, Eisenbahnbetriebsleiter Horst Klein und Rangierer Stefan Pung. Fotos: anna

Steinebach-Bindweide. Einem wahren Eisenbahnfreund scheint kein Weg zu weit. Aus dem nahen Landkreis Siegen-Wittgenstein, aus Bonn, Frankfurt am Main, ja sogar aus Warendorf im Münsterland waren Eisenbahn-Fans angereist um die letzte Diesellock mit der Bezeichnung V 26, die dritte ihrer Art der Westerwaldbahn im Betriebshof Bindweide auf ihrer letzten Fahrt zu fotografieren. Für diese letzte Fahrt war die Lok eigens mit einem großen grünen Kranz geschmückt worden, ein Verkehrsschild mit einer großen 60 und der Aufschrift „Nach über 60 Jahren auf zur letzten Fahrt“ zierte das Gefährt im Front- und Heckbereich.

Damit geht nun eine mehr als 100 Jahre währende Ära des Schienenverkehrs der Westerwaldbahn zu Ende. Auf der Strecke zwischen Scheuerfeld und Weitefeld (18,4 km) gab es nur noch einen Kunden, dessen Güter transportiert wurden, die Firma Schäfer Shop. Die letzte von ehemals vier Loks ist nun auch schon 60 Jahre alt und stammte aus dem Hause Jung Jungenthal. Bald wäre die nächste Hauptuntersuchung fällig geworden und Eisenbahnbetriebsleiter Horst Klein schätzte, dass es einen sechsstelligen Betrag benötigt hätte, um die Lok nochmal durch die HU zu bekommen. Auch die Anschaffung einer gebrauchten Ersatzlok läge preislich in ähnlicher Höhe. Um diese Kosten wieder einzufahren, hätte man einen 10 Jahres Vertrag mit einem Geschäftspartner abschließen müssen.

In Zeiten des schnellen wirtschaftlichen Wandels war jedoch eine derart lange Bindung nicht realisierbar. Also entschlossen die Verantwortlichen der Westerwaldbahn GmbH um Geschäftsführer Oliver Schrei, den Güterverkehr gänzlich aufzugeben. Mit Eisenerz hatte es einmal angefangen, auch Basaltschotter hat die WeBa tausende von Tonnen transportiert, danach folgten Wirtschaftsgüter und Schrott, der Massenweise auf einen nahegelegenen Schrottplatz geliefert wurde. Ein Mitarbeiter der WeBa fasste die Lage so zusammen: Das Unternehmen habe zwei Weltkriege, zwei Währungsreformen und zwei Wirtschaftskrisen überstanden und nun in einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur gehe es zu Ende.

Die letzte Fahrt bedeutet nun auch, dass die Strecke nach Weitefeld nun für die Westerwaldbahn gesperrt ist. Wenn sich innerhalb der nächsten drei Monate kein Interessent findet, der diese Strecke noch weiter betreiben möchte, sie kauft oder pachtet, dann wird sie gänzlich stillgelegt.

Hauptlokführer Michael Krüdelbach aus Elkenroth ist die Strecke die letzten 18 Jahre gefahren und wird auch weiterhin im Unternehmen verbleiben können, ebenso wie Stefan Pung der als Rangierer mit auf der Lok unterwegs war. Im Dienst der Westerwaldbahn befinden sich nun noch die beiden Triebwagen der Daadetalbahn und mit der Hessischen Landesbahn gibt es einen Kooperationsvertrag, dass deren Triebwagen in den kommenden Jahren auf dem Betriebshof Bindweide gewartet werden. Also auch Werkstattleiter Marco Meyers muss sich um seinen Arbeitsplatz nicht sorgen. Dennoch schwang natürlich bei allen Beteiligten Wehmut mit, als sie die Lok V26 (Verbrennungsantrieb 260 PS) ein letztes Mal den Bahnhof verlassen sahen.

Ihr Weg führte von der Bindweide nach Weitefeld um dort beladene Güterwagons mit Fracht abzuholen. Von Weitefeld ging es dann nach Scheuerfeld, wo die Waggons wieder abgekoppelt wurden und danach tuckerte die Lok zurück in ihren Bahnhof Bindweide. Das Wort tuckern kann man hier getrost anwenden, denn das Tempo der Lok war immer sehr gemächlich. Die „Höchstgeschwindigkeit“ betrug auf der Strecke Scheuerfeld-Bindweide gerade einmal 30 km/h und auf dem Teilstück Bindweide-Weitefeld sogar nur 20 km/h.

Was nun mit der noch letzten funktionierenden Lok der WeBa passieren wird, wusste Klein nicht zu sagen. Die drei anderen sind alle kaputt und werden wohl verschrottet. Für die letzte Lok erhofft sich Klein, dass diese als Museumsstück erhalten werden kann. Auch die zahlreichen Eisenbahnfreunde, von denen in der vergangenen Woche schon viele zur Bindweide gekommen waren, würde das sicherlich freuen. (anna)

Geschichte und Daten in Kurzform:
28.07.2017 Letzter Güterzug
Fahrzeug: Diesellok V 26 (1957)
Hersteller: Arnold Jung Lokomotivfabrik GmbH, Kirchen/Sieg
Dienstleistungen: Güterverkehr (Schäfer Shop)
Bedienung: Mo-Fr an Werktagen (2016 = 217 Tage)
Tonnage: 761 Waggons im Jahr 2016

Diesellok V 26

Typ R 30 B
Baujahr 1957 Achsanordnung B, Höchstgeschwindigkeit Rangiergang 23,4 km/h, Streckengang 46 km/h
Treib- und Kuppelraddurchmesser 1000 mm
Achsstand 3,0 m
Länge über Puffer 7,68 m
Kraftübertragungsart diesel-hydraulisch Leistung 260 PS Getriebe Flüssigkeitsgetriebe
Dienstgewicht 28 t
Reibungsgewicht 27,2 t
Achslast max. 13,6 t
kleinster durchfahrbarer Radius 180 m
Hauptuntersuchung (TÜV) bis 09.08.2017

Geschätzte HU-Kosten: im sechsstelligen Bereich, gebrauchte Ersatzlok würde ebenfalls in dieser Größenordnung preislich liegen


Historie
Ende des 19. Jahrhunderts größte Erzgrube der Region am heutigen Unternehmensstandort Bindweide der Firma Krupp
10.01.1913: Betriebseröffnung des Teilabschnitts Scheuerfeld nach Bindweide, Bindweide – Elkenroth – Nauroth
Folgejahre: Das Netz der Westerwaldbahn wird über Elkenroth, Weitefeld, Friedewald, Ermmerzhausen bis hin zur Lippe erweitert
29. Oktober 1926: Teilabschnitt Bindweide – Weitefeld wird fertig gestellt
1930-1932: Weltwirtschaftskrise: Schließung der Grube Bindweide, Probleme können teilweise kompensiert werden, dennoch Einschnitt in den Güterverkehr
16.09.1941: Die Namensänderung der Kleinbahn Scheuerfeld- Nauroth in Westerwaldbahn Scheuerfeld- Nauroth- Ermmerzhausen (Kreis AK) wird genehmigt
Nach dem Krieg: Wiederaufnahme Personenverkehr (18.06.1945), Güterverkehr (03.09.1945). Einstellung Personenverkehr Weitefeld - Ermmerzhausen
1950: werden die dampfbespannten Personenzüge eingestellt und auch die Güterzüge werden in den Folgejahren auf Diesellokomotiven umgestellt
18.01.1956: die ersten beiden Dieselloks werden geliefert
16.04.1957: Einstellung des Dampflokbetriebs mit Anlieferung der dritten Diesellok 01.06.1957: endgültige Einstellung des Personenverkehrs Elkenroth - Weitefeld
1989: Für den Einsatz zwischen Weitefeld und Betzdorf (DB) werden extra fünf Güterwagen aus Frankreich angekauft, umso den Werksverkehr der Schäfergruppe bedienen zu können
September 1996: an den Bahnübergängen Elkenroth Friedhof und Weitefeld (Sportplatz) werden technische BÜ-Sicherungseinrichtungen installiert.
14.09.1999 Eintragung der „Westerwaldbahn des Kreises Altenkirchen GmbH“ im Handelsregister nach vorangegangenen Kreistagsbeschlüssen
2016: Frachtaufkommen Strecke Weitefeld 761 Waggons mit einer Diesellokomotive (V26 von 1957)
2017: Auflösungsvertrag Schäfer (im Einvernehmen, einziger Verfrachter)
2017: die beabsichtigte Stilllegung im formalistischen Verfahren, Veröffentlichung im Bundesanzeiger, für potentielle Erwerber, Stilllegungsantrag bei Genehmigungsbehörde.
28.07.2017 letzte Bedienung von Schäfer und nach 60 Betriebsjahren Außerdienststellung der letzten Jung Lok V 26 (Baujahr 1957). Die drei zur Baureihe gehöhrenden Loks wurden bereits in 1995, 1998 und 2015 außer Dienst gestellt.

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Kommentare zu: Güterverkehr nach über 100 Jahren endgültig eingestellt

2 Kommentare

Was soll eigentlich immer dieser Quark mit den Radwanderwegen? Davon gibt es genug in Deutschland! Es ist doch in diesem Zeiten - in denen die Autobahnen mit Lkw aus aller Herren Länder verstopft sind - notwendig, Güter auf die Schiene zu bringen! Notfalls auch mit staatlicher Hilfe! Zumindest sollte man diese wichtige Infrastruktur für nachfolgende Generationen erhalten und nicht unwiederbringlich zerstören.

Die Strecke wird erhalten bleiben, das verspreche ich Ihnen. Dafür werden Eisenbahnfreunde aus ganz Deutschland schon sorgen!
#2 von Karl Strambowsky, am 03.08.2017 um 07:19 Uhr
Es ist traurig, das der Güterverkehr der Westerwaldbahn eingestellt ist. Aber man sollte nun nach vorne schauen! Auf der Strecke vom Bahnhof Bindweide bis Weitefeld ist ja nun nicht mehr mit Schienenverkehr zu rechnen, das würde lt. meiner Meinung die Möglichkeit geben, den Gleiskörper zu einem Rad- und Wanderweg umzugestalten. Mit diesem "neuem Radweg" wäre auch eine Anbindung an das Radwegenetz in Hessen möglich, wenn der Streckenverlauf auf die bereits stillgelegte Strecke in Richtung Stegskopf erweitert würde. Hier müsste kein Fachmann aus dem Hunsrück, wie beim Siegtalradweg, zu Rate gezogen werden. Ferner werben ja auch viele Regionen in Deutschland mit dem Slogan "Radeln auf alten Bahntrassen". Aber auch die bereits stillgelegten Trassen ( Rosenheimer Lay nach luckenbacher Lay) könnten in diesem Zuge mit eingebunden werden. Vielleicht sollten sich die Verbandsgemeinderäte wie auch der Kreistag einmal mit dieser Problematik beschäftigen.
#1 von Michael Böhmer, am 31.07.2017 um 16:15 Uhr

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