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Nachricht vom 23.06.2021    

Weit verbreitete Meinung in Neitersen: Wir wollen den Wolf nicht!

Der mit dem Wolf tanzt: Leben Lieutenant John Dunbar und sein grauer Begleiter „Socke“ nach zunächst beiderseitigem Misstrauen dann in annehmbarer Koexistenz, sind viele Landwirte in der Region weit davon entfernt, den Einwanderer aus Osteuropa als Bereicherung der heimischen Fauna anzusehen. Das Raubtier, dessen Population immer größer wird, haben viele zum Feindbild erklärt.

Sie standen in Sachen Wolf Rede und Antwort (von links): Moritz Schmitt, Dr. Peter Sound, Dr. Paul Bergweiler, Fred Jüngerich und Josef Schwan. (Foto: vh)

Neitersen. Waren das noch Zeiten, in denen Kevin Costner als Lieutenant John Dunbar in dem Blockbuster „Der mit dem Wolf tanzt“ seinen grauen Freund „Socke“ („Two Socks“) fast als Haustier adoptierte. Damals im Jahr 1990, als der Streifen gedreht wurde, ahnte niemand, dass Meister Isegrim nach seiner Ausrottung irgendwann wieder einmal in Mitteleuropa Fuß fassen würde. Inzwischen ist er zurückgekehrt und verbreitet Angst und Schrecken angesichts steigender Population sowie den sich mehrenden Angriffen auf Weide- und Nutztierbestände unter freiem Himmel. Landwirte im Haupt- und Nebenerwerb als auch solche, die hobbymäßig unterwegs sind, erhoben schwere Vorwürfe gegen das Mainzer Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität. Ihre Beschwerden, die sie am Dienstagabend (22. Juni) bei der Zusammenkunft unter dem Titel „Der Wolf im Westerwald - Wie schütze ich meine Nutztiere?“ in der Neiterser Wiedhalle an Dr. Peter Sound von Anna Spiegels Verwaltung richteten, reichten von viel zu niedrigen Entschädigungen bei Tierrissen, über mangelnde finanzielle Unterstützung für Herdenschutz, nicht bundesländergleiche Datenerhebung der Bestände und der Vorfälle, fehlenden Austausch beispielsweise zwischen Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen bis hin zu viel zu hohen Hürden für die Entnahme (Abschuss) eines Tieres.

Hilflosigkeit, Wut und Ärger
In den Diskussionsbeiträgen schwang oftmals Hilflosigkeit, Wut und Ärger mit. So hätten „unsere Altvorderen nicht umsonst die Wölfe ausgerottet, weil sie gewusst haben, dass sie gefährlich sind“, hieß es aus den Reihen der rund 100 Teilnehmer. Mehrere Anmerkungen stellten die überproportionale Mehrarbeit für das Freischneiden von regelkonformem Herdenschutz heraus, die nicht bezahlt werde, die Zahl der geleisteten Stunden aber nach oben treibe. Auch die Frage nach der zusätzlichen Belastung für die Steuerzahler wurde geäußert. Das Problem, „mit dem nicht offen umgegangen wird“, werde schön geredet, aus Mainz gebe es keine oder nur wenige Informationen, stand ebenfalls auf der Mängelliste. „Welche Nutzen hat der Wolf?“, lautete eine weitere Frage aus dem Auditorium. Es sei eine Unmöglichkeit der Politik, „alles so laufen zu lassen“.

Jagdreviere schwieriger zu verpachten
Die Verpachtung von Jagdrevieren gestalte sich immer schwieriger, wenn ein Wolf in diesem Gebiet lebe, nicht, weil der Wolf zu viele Rehe reiße, sondern die Rehe nicht mehr den Schutz des Waldes verließen. Auch wurde angeregt, über eine „Regulation“ in Form eines Sterilisationsprogrammes nachzudenken. Ebenfalls wurde die Darstellung falscher statistischer Zahlen angeführt wie auch diese Vermutung angestellt wurde: Wann der Wolf den Unterwühlschutz aushebele oder über den Herdenschutz springe, sei wohl nur noch eine Frage der Zeit. Spekuliert wurde auch, dass nicht jeder Tierriss gemeldet werde, also eine Dunkelziffer unbekannter Größe bestehe. „Die Umweltverbände haben eine zu große Lobby“, wurde kundgetan, ehe die Aussage „Wir wollen den Wolf nicht!“ großen Applaus bedingte.

VG als Medium zwischen den Protagonisten

„Es ist viel übereinander gesprochen und geschrieben worden, warum machen wir es nicht miteinander?“, führte Fred Jüngerich als Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld und Moderator der Zusammenkunft in das Thema ein, die zwischen dem Kreisbauernverband Altenkirchen, der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz, dem Ministerium von Spiegel und Dr. Paul Bergweiler, dem Beauftragten für das Wolfsmonitoring im Raum Altenkirchen und Neuwied, verabredet worden war. „Wir stellen uns auch Aufgaben, die nicht im gesetzlichen Stammbuch einer VG stehen“, begründete Jüngerich die Initiative für die Aussprache. Darüber hinaus sei die VG Wirtschaftsförderer, und die Landwirtschaft gehöre ebenso dazu. Ein Abend der Information, des sachlichen Austauschs, sei besser als eine Kampagne jedweder Art. „Die VG ist das Medium zwischen den Protagonisten, die hier auf den ,Bühne‘ sitzen“, legte Jüngerich dar. Hart ins Gericht mit der Mainzer Politik ging Josef Schwan als Vorsitzender des Bauernverbandes im Kreis Altenkirchen. „Die Landwirte sind die Hauptleidtragenden des politisch unterstützten Prozesses. Die Nutztierhalter fühlen sich allein gelassen. Das Umweltministerium befindet sich im Tiefschlaf“, nahm er kein Blatt vor den Mund und sprach von „Arroganz und Hilflosigkeit“. Das Aussitzen des Problems sei keine Lösung, „wir vermissen die Diskussion um Entnahmen des Wolfes, der in der Region endgültig sesshaft geworden ist, wie die Nutztierrisse zeigen“. Es gehe ihm aber nicht darum, „möglichst viele Wölfe möglichst schnell abzuschießen“.




„Konfliktträchtiges und herrenloses Tier“
Sound machte zunächst einmal deutlich, dass es seit 2016 immer stetigere Durchzüge gebe, der Wolf aufgrund vieler Konventionen eine geschützte Art sei und im juristischen Sonne als „konfliktträchtiges und herrenloses Tier“ gelte. Daraus folgere, dass aus einem Schaden kein Rechtsanspruch für einen Ausgleich entstehe. Den Vorwurf des „Tiefschlafes“ wies er logischerweise zurück: „Uns erreichen immer mehr Sorgen und Nöte. Wir sind an der Sache dran. Wir diskutieren fast jeden einzelnen Fall.“ Kein anderes Thema werde so oft besprochen. Unterstützungsmöglichkeiten müssten auch immer vor dem Hintergrund des EU-Beihilferechts geprüft werden. Derzeit würden weitere von der „Hausspitze“ vorbereitet. Sound erklärte, dass auffällige Wölfe durchaus entnommen werden könnten. „Wir werden die Ultima Ratio umsetzen, wenn Leib und Leben gefährdet sind“, informierte er.

„GW1896m“ ist abgetaucht
Als ehrenamtlich für Landesforsten tätiger Großkarnivoren-Beauftragter, als einer von 32 in Rheinland-Pfalz, ist Bergweiler tief mit dem Thema verwurzelt und immer zur Stelle, wenn „Ermittlungen“ in Sachen Wolf vonnöten sind. Nach seinen Angaben wird ein Rüde bis zu 67, eine Fähe bis zu 50 Kilogramm schwer. Die Ranz (Brunft) ist zwischen Februar und März, die Tragezeit bis zur Geburt des Nachwuchses rangiere zwischen 62 und 75 Tagen. Ein Rudel bestehe aus bis zu elf Tieren als starker Familienverbund. Vielfach bekannt ist die Leuscheider Gruppe mit der Heimat im ausgedehnten Waldgebiet zwischen Weyerbusch, Leuscheid und Kircheib und damit grenzübergreifend (Nordrhein-Westfalen) unterwegs. Wie viele Köpfe es zähle, sei unbekannt. Zwei Tiere wurden auf der B 8 über-, ein drittes angefahren (Zustand unklar). Was aus „GW1896m“ geworden sei, konnte Bergweiler nicht mit Bestimmtheit sagen. Das Tier war für mehrere Risse zwischen Februar und Anfang Mai in der Region verantwortlich, wie die DNA-Proben, die das Senckenberg-Zentrum für Wildtiergenetik in Gelnhausen (bei Frankfurt) analysiert hatte, bewiesen. Es ist möglich, dass der „Grenzgänger, dessen Herkunft ungeklärt ist“, mit bereits bewiesenen Stationen in Bayern, Freiburg, an der Mosel oder in Nordrhein-Westfalen weitergezogen ist.

Wolf tötet professionell
Förder- und die Entschädigungsmöglichkeiten zeigte Moritz Schmitt von der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz auf. Dabei definierte er beispielsweise, wie ein Herdenschutz, „den wir hochfahren müssen“, optimal gestaltet werde. Seit Jahresbeginn seien bereits 200 Anträge bearbeitet, eine gute Million Euro seit der Einführung im Jahr 2018 ausgegeben worden. Schmitt veranschaulichte, dass nur 1,1 Prozent der Risse von Wölfen auf Nutztiere entfielen. „Davon wiederum betreffen mehr als 90 Prozent Schafe und Ziegen und nur vier bis fünf Prozent Kälber“, nannte er die Schwerpunkte. Der Wolf töte, wenn er Hunger habe, professionell mit einem gezielten Biss, bei dem wenig Blut austrete. Der Abstand der Eckzähne liege zwischen 4 und 4,5 Zentimetern. Dann werde die Beute in Richtung Deckung gezogen, wo die Mahlzeit zwischen vier und acht Kilogramm Fleisch betrage. „Selbst größere Knochen stellen kein Problem dar“, wusste Schmitt. Hundebisse unterschieden sich deutlich. Das getötete Tier weise mehr Hämatome auf, die auf ein Schütteln des „Jägers“ zurückzuführen seien. „Das Wildern nicht angeleinter Hunde ist als Problematik bekannt“, betonte er.

Ein Blick nach Schweden

Schließlich galt es nach einem sehr informativen Austausch, in dessen Verlauf Sounds Aussagen teils auch mit Gelächter quittiert wurden, die Frage nach der Zukunft der Wolfspopulation zu beantworten - bei aktuell deutschlandweit rund 1000 Tieren in 128 Rudeln und einem 30-prozentigen Zuwachs pro Jahr -, was sich als nicht definierbar herausstellte. Bergweiler sah das Ende des Wachstums nicht einhergehend mit der Besetzung aller Territorien. So wünschten sich wohl einige Zuhörer eine Situation wie in Schweden, wo der Wolf gejagt werden darf und das „bei deutlich mehr Waldgebieten und deutlich weniger Einwohnern als bei uns“, wie ein Teilnehmer beschrieb. (vh)


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