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Nachricht vom 01.04.2022    

Bürgermeister Jüngerich fordert mehr Sachlichkeit in Diskussion über Wölfe ein

INTERVIEW | Der Wolf ist zurück. Diese Tatsache lässt in der Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld die Emotionen der Befürworter und der Gegner dieser Raubtiere hoch kochen. Bürgermeister Fred Jüngerich mahnt mehr Sachlichkeit bei der Diskussion über dieses Thema an.

Fordert mehr Sachlichkeit in der Diskussion um die Rückkehr der Wölfe ein: Bürgermeister Fred Jüngerich. (Foto: VG-Verwaltung)

Altenkirchen. Rückblick: Vor fast vier Jahren, am 13. Mai 2018, wurde der Beweis erbracht, was Fachleute vermutet hatten. Ein Wolf war auf dem Stegskopf in eine Fotofalle getappt, so dass die Rückkehr dieses Raubtieres in die Region eindeutig belegt werden konnte. Inzwischen ist in erster Linie die Verbandsgemeinde (VG) Altenkirchen-Flammersfeld Heimat dieses "Neubürgers“, das Waldgebiet der Leuscheid das Revier. Zum ersten Mal machte Meister Isegrim am 8. Oktober 2019 in der Alt-VG Altenkirchen von sich reden: Die Fähe GW1415f hatte ein Schaf gerissen. Sie ist inzwischen wohl mit dem Rüden GW1896m verbandelt, der sich seit gut einem Jahr liebend gerne auch von Schafen oder Ziegen ernährt. Weit über 50 Nutztierrisse - auch im benachbarten Nordrhein-Westfalen und in angrenzenden Verbandsgemeinden – gehen auf das Konto des aus Bayern und über Baden-Württemberg eingewanderten Tieres. Inzwischen dürfte GW1415f zum zweiten Mal nach 2021 von GW1896m trächtig sein. Sehr vehement werden die Diskussionen um den Umgang mit den Wölfen – speziell mit eben GW1896m - geführt. Erschießen und weiterhin, wie gesetzlich vorgegeben, schützen: Die Meinungen gehen weit auseinander. Fred Jüngerich, Bürgermeister der großen VG mit Sitz in Altenkirchen, mahnt im Exklusiv-Interview mit dem AK-Kurier zur Sachlichkeit. Das Gespräch im Wortlaut:

Die Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld ist wohl die Verbandsgemeinde in Rheinland-Pfalz, die die meisten Übergriffe von Wölfen auf Nutztiere aufweist. Wie stellt sich für Sie die grundsätzliche Situation mit der Zuwanderung von Wölfen dar?
Ich habe lernen dürfen, dass Wölfe sogenannte Kulturfolger sind und sich einer Struktur, wie wir sie haben, auch anpassen können. Die Rückkehr des Wolfes sehe ich aus ökologischer Sicht als einen Zugewinn.

Ist die Verabschiedung einer Resolution wie in der Verbandsgemeinde Asbach mit dem Ziel, Problemwölfe "entnehmen“ zu dürfen, in Ihrer Verbandsgemeinde denkbar?
Wir haben klare gesetzliche Regeln. Es gibt EU-Recht, und es gibt Bundesrecht. Diese regeln ganz klar, wann ein Wolf "entnommen“ werden kann und wann nicht. Dazu muss er meines Wissens mehrfach wolfssichere Zäune überwunden haben. Erst dann wird er zu einem "Problemwolf“, erst dann gibt es verschiedene Stufen, wie er vergrämt, vielleicht auch dann entnommen werden kann. In meiner Verbands-gemeinde hat, zumindest nach dem Kenntnisstand, den ich durch die Kluwo (Anm. der Red.: Koordinierungsstelle für Luchs und Wolf) habe, noch kein Wolf, - auch nicht GW1896m, der sehr clever ist, das muss ich zugeben -, einen wolfssicheren Zaun überwunden. Von daher erachte ich das Abfassen einer Resolution für unsere Verbandsgemeinde als wenig zielführend.

Wie hoch kochen Ihrer Erkenntnis nach die Emotionen im Raum Altenkirchen-Weyerbusch-Kircheib?
Die Gräben sind schon groß zwischen Befürwortern und Gegnern. Wir haben das erlebt bei der Veranstaltung in Neitersen in der Wiedhalle – eine war öffentlich, die andere eine Ortsbürgermeisterdienstbesprechung. Ich habe gemerkt, dass die Befürworter und Gegner deutlich divergieren. Ich fordere generell mehr Sachlichkeit zu dem Thema ein. Es nutzt nichts zu polarisieren, auch nicht politisch. Auch nützen keine Hetzkampagnen. Wir müssen sachlich mit dem Thema umgehen. Wir haben zurzeit – bei aller nüchterner Betrachtung – in der Region durch das Rudel Leuscheid ungefähr zwischen 10 und 14 Tiere, die in einem großen Verbreitungsgebiet von rund 350 Quadratkilometern leben. Wenn wir alle Regeln sowie die Hilfestellungen der Kluwo und der Stiftung Natur und Umwelt beachten, kann, so glaube ich, Weidetierhaltung und Wolfsvorkommen durchaus funktionieren. Denn: Andere Länder machen es uns vor, dass es funktioniert. Ich lasse nicht gelten: Der Westerwald ist so hügelig, da könne man nicht überall einen wolfssicheren Zaun bauen. Ich weiß, dass es in unserer Landschaft Bachläufe und Gräben gibt. Aber das ist in den italienischen Abruzzen nicht anders. Und da funktioniert es auch.

Müssen weitere Info-Veranstaltungen anberaumt werden, um die Wogen zwischen Wolf-Befürwortern und -gegnern zu glätten?
Es gibt viele Info-Veranstaltungen. Ich habe zwei organisiert seitens der Verbandsgemeinde. Die erste fand gemeinsam mit dem Bauern- und Winzerverband statt. Die Kluwo hat mit der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zusammen am 9. April noch einmal eine Info-Veranstaltung in Hennef anberaumt. Grundsätzlich: Die Kluwo leistet enorm viel Aufklärungsarbeit. Ich muss für sie eine Lanze brechen. Was Julian Sandrini von der Kluwo und Moritz Schmitt von der Stiftung Natur und Umwelt leisten, ist großartig. Sie sind sofort vor Ort. Sie haben ehrenamtliche Mitarbeiter vor Ort installiert, da der Weg von Trippstadt, dem Sitz der Kluwo, bis in den Westerwald doch sehr weit ist. Ich glaube, dass es genug Informationen gibt. Weitere Veranstaltungen anzuberaumen, erachte ich nicht als zwingend notwendig. Es ist alles gesagt worden. Ich appelliere: Die Menschen sollten die Empfehlungen beachten und nicht sagen: Ich wusste, dass ich keinen wolfssicheren Zaun habe, bin aber davon ausgegangen, dass er nicht kommt. Bisher sind fast ausschließlich Hobbytierhalter betroffen. Wie ich hörte, gibt es bei den Berufsschäfern keine Probleme. Man muss die Schutzmechanismen auch annehmen. Ich weiß, dass das viel Arbeit ist. Ich verstehe, und das betone ich ausdrücklich, die Tierhalter sehr gut. Allein aus diesem Grund habe ich die Veranstaltungen in Neitersen organisiert.



Wie stehen Sie zu den Fällen, bei denen der Wolf verantwortlich sein soll für Attacken auf Pferde oder andere Tiere und gar in Stallungen?
Der Fall in Werkhausen war ganz klar gefakt und hat für mich strafrechtliche Relevanz. Das sind bewusst gesteuerte Hetzkampagnen. Zum Fall in Kettenhausen: Das tut mir leid für den Tierhalter, den Landwirt, der das Kalb verloren hat. Es ist nunmehr erwiesen, dass das Kalb nicht von einem Wolf gerissen wurde, sondern dass es erkrankt war. Das kann passieren. Ich komme auch aus der Landwirtschaft. Auch früher sind bereits Kälber verendet. Dass ein Fuchs sich noch an dem Kalb zu schaffen gemacht hat, als es noch lebte, ist unglücklich, ist aber Natur.

Was halten Sie von einer möglichen Besenderung von Wölfen?
Solch eine Maßnahme kann helfen, um den Wolf zu lokalisieren, auch schützend helfen. Ich weiß aber, dass sich eine Besenderung nicht einfach darstellt. Auch ihn in einer Lebendfalle zu fangen, ist problematisch. Es gibt andere Tiere wie Füchse, die sich die Pfote abbeißen, um der Falle zu entkommen. Zurzeit ist die Wölfin mit Sicherheit wieder trächtig und wird im Mai Nachwuchs gebären. Eine hochtragende Wölfin zu besendern, erachte ich als bedenklich. Man sollte einen geeigneten Zeitpunkt wählen und sich auch der Schwierigkeiten bewusst sein, die damit einhergehen können.

Sollte für die Zahl der Wölfe in einem bestimmten Gebiet (wie in der Leuscheid) eine Obergrenze eingeführt werden?
Das fordern einige politische Akteure. Ich frage mich, wie das denn gehen soll. Der Wolf legt nachts 50, 60 oder 70 Kilometer zurück. EU- und Bundesrecht sprechen von einem "gesicherten Bestand“ vor Aufnahme ins Jagdrecht. Es gibt auch keine Obergrenze für Wildschweine, die deutlich mehr Schäden – vor allem monetär - anrichten als Wölfe. Also gilt es zu definieren, wann ein Bestand als "gesichert“ gilt. Dafür gehen meine Kenntnisse nicht weit genug. Wolfsfreie Zonen im Westerwald auszuweisen, würde wegen unserer Kulturlandschaft und vorhandener Bebauung die regionale Ausrottung des Tieres bedeuten.

Wenn ich Ihre Aussagen richtig verstehe, stehen Sie weder auf der Für- noch der Gegen-den-Wolf-Seite…
Ich stehe auf der objektiven Seite. Wenn GW1896m wolfsabweisende Zäune mehrfach überwindet, sollte man ihn erschießen. Ich sage bewusst erschießen und nicht entnehmen. Wir können das Kind ruhig beim Namen nennen. Aber diese Kriterien erfüllt er meines Wissens nicht. In diesem Punkt beziehe ich mich auf die Kluwo, mit der ich in sehr engem Kontakt stehe. Ich bin kein Wolfsfanatiker, aber auch kein Wolfsgegner. Er ist ein Raubtier. Das sind Fuchs und Marder auch, und ich weiß, dass Predatoren nicht überall gerne gesehen sind. Ich wünsche mir ein vernünftiges Zusammenspiel zwischen Weidetierhaltung und Kulturlandschaft auf der einen und Wolf auf der anderen Seite. Ich bin überzeugt, dass dies möglich ist. Der Wolf ist eine Bereicherung für unser Öko-System. Ich kenne Jäger und Förster, die mir sagen, dass es dort, wo Wölfe leben, deutlich weniger Verbissschäden gibt. Gerade nach der Borkenkäferplage haben die jungen Laubbäume eine viel größere Chance, sich zu entwickeln. Naturverjüngung und Anpflanzungen gelingen besser. Wir möchten doch gerne im Westerwald unseren Wald zurück, der inzwischen größtenteils zerstört ist. In diesem Gesamtgefüge, der trophischen Kaskade, kann der Wolf helfen. (vh)



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