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Nachricht vom 05.05.2022    

Westerwälder Literatursommer: Lenin auf Schalke und was gewesen wäre

Von Helmi Tischler-Venter

Im Rahmen des Westerwälder Literatursommers, der unter dem Motto „Ost-Wind“ steht, war Gregor Sander am 4. Mai Gast im Cinexx in Hachenburg. Er stellte sein Buch "Lenin auf Schalke" vor. Anschließend wurde der Film "Was gewesen wäre" gezeigt, für den Sander die Romanvorlage und das Drehbuch geschrieben hat.

Autor Gregor Sander bei der Lesung in Hachenburg. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Hachenburg. Der Autor freute sich, dass die Organisatoren in Hachenburg zum ersten Mal Buch und Film gemeinsam präsentierten. Er erläuterte zunächst die Entstehung des Buchs „Lenin auf Schalke“, für das der Ost-Berliner insgesamt drei Monate in Gelsenkirchen verbrachte.

Der Impuls kam durch eine nächtliche Diskussion mit seinen beiden Freunden, ehemaligen Medizinstudenten, die sich darüber mokierten, dass seit dreißig Jahren der Westen den Osten betrachtet. Es sei an der Zeit, zurückzugucken. "Sander, du musst in den Westen", mit diesen Worten beginnt die Reise von einer Pommesbude in Ostberlin nach Gelsenkirchen. Diese Stadt im Ruhrgebiet war zur Entstehungszeit des Buchs die ärmste Stadt Gesamtdeutschlands und führte alle Negativlisten an. Der „Geschichtenerfinder“ Gregor Sander sollte also als Ostler den Osten im Westen beschreiben.

In Gelsenkirchen angekommen, sieht er einen gewaltigen Abbauhammer mit markigen Bergmanns-Sprüchen, eine Mondlandschaft mit grobem, fast schwarzem Sand und einer aus Platten aus dem Stahlwerk Gelsenkirchen aufeinandergeschichteten „Himmelstreppe“. Von hier aus kann man kleine Berge sehen. Die Berge sind Abraumhalden, die sonderbarerweise erhalten blieben. Von oben aus ist weit hinten die Arena von Schalke 04 zu sehen. Alle Gelsenkirchener hätten eine Schalken-Macke, erklärt der Bergbau-infizierte Ömer, dessen Vater als Gastarbeiter in das Ruhrgebiet kam.

Ömer war ein „Kofferkind“: Er wuchs bis er schulpflichtig war, bei seiner Oma in der Türkei auf und sah seine Eltern und seinen älteren Bruder nur einmal jährlich in den Ferien. Dann wurde er in Gelsenkirchen eingeschult, ohne Deutsch zu sprechen und wohnte in der Gastarbeitersiedlung. Heute betreibt er eine der vielen Trinkhallen, er verkauft Bier, Taschentücher, Wasser mit Sprudel, Zigaretten, Mehl und Toastbrot. Er kennt die ganze Nachbarschaft und bezeichnet sein Trinkbüdchen als seine Heimat.




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Die „Schalker Meile“ in (nicht auf) Schalke ist etwa 800 Meter lang. Als der Bergbau noch brummte, war sie eine der meist befahrenen Straßen der Stadt von Nord nach Süd, heute wird der Abriss der nicht mehr benötigten Stahl-Beton-Brücke diskutiert. Und der „Schalker Markt“, der Gründungsort des FC Schalke 04 ist heute ein Parkplatz. Die „Glück auf“-Kampfbahn ist seit Jahren dicht und die einzige Kneipe, die hier noch Bier ausschenkt, hat kargen Besuch. Aber es gibt einen Schalke-Fan-Friedhof.

Lenin steht tatsächlich in Gelsenkirchen: Im Juni 2020 wurde vor der Bundeszentrale der Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands (MLPD), einem ehemaligen Sparkassengebäude, in Anwesenheit von etwa 300 Menschen eine rot eingepackte Lenin-Statue aufgestellt.

Auf die Frage, was ihm in Gelsenkirchen am besten gefallen habe, nannte Gregor Sander die alten Trinkbüdchen und den Humor der Leute sowie deren relativ große Heimatliebe.

Zu dem Liebes-Film „Was gewesen wäre“, war 2014 sein Roman erschienen. Im Auftrag des Produzenten schrieb Sander auch das Drehbuch für eine Verfilmung, an der vier Jahre lang gearbeitet wurde. Wie das Buch spielt auch der Film auf zwei Ebenen: Es wechselt immer die Gegenwart mit Erinnerungsphasen in der Vergangenheit ab. Denn ein Liebes-Paar in den Endvierzigern macht eine Reise nach Budapest. Im Hotel Gellert treffen sie auf die erste große Liebe der ostdeutschen Frau, die sie dreißig Jahre lang nicht gesehen hat. Die Hauptdarsteller Christiane Paul und Ronald Zehrfeld werden als junge Menschen von frappierend ähnlich aussehenden Schauspielern verkörpert.

Die Grundidee des Films war, aufzuzeigen, dass viele Menschen wegen ihrer Familie in die DDR zurückkehrten. Die emotionalen Folgen des Eisernen Vorhangs wirken noch heute nach. (htv)


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