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Nachricht vom 18.06.2022    

Bleiben Kunden gut versorgt? Geschäftsführer der Stadtwerke Wissen im Gespräch

Von Katharina Behner

Bisher ist bei vielen Kunden der Stadtwerke Wissen der Preisschub noch nicht angekommen. Denn viele von ihnen haben eine Festpreisgarantie in ihrem Erdgas-Vertrag verankert. Doch wie geht es insgesamt in der Entwicklung weiter und wie sieht es mit einer zuverlässigen Versorgung der Stadtwerke-Kunden aus?

Im Gespräch mit Dirk Baier, Geschäftsführer der Stadtwerke Wissen GmbH: Biogas stelle sich gerade als günstige Alternative, etwa zu Diesel und Benzin dar. (Foto: KathaBe)

Wissen. Der Geschäftsführer der Stadtwerke Wissen, Dirk Baier, antwortet im exklusiven Interview mit dem AK-Kurier auf die Fragen, die immer mehr Verbraucher umtreiben, zum Beispiel: Wie wirken sich die steigenden Energiepreise auf die Kunden der Stadtwerke Wissen aus? Ist der Gasbedarf für die Kunden gesichert? Was passiert nach Wegfall der EEG-Umlage? Bleiben die Stadtwerke-Kunden nach Reduzierung der Gaslieferungen über Nord Stream 1 noch gut versorgt?

Herr Baier, tagtäglich prüfen Sie Preise auf dem internationalen Gasmarkt und kaufen so günstig wie möglich ein. Wie liegen die aktuellen Gaspreise auf dem Weltmarkt?
Nachdem die Gaspreise schon im Februar auf gut 7 Cent pro Kilowatt (kWh) anstiegen, liegen wir beim Kauf für das Jahr 2022 aktuell bei 14 Cent. Für 2023 liegt der Preis derzeit bei etwa 11 Cent. Doch auch hier bewegen sich die Preise nach oben. Wenn man bedenkt, dass wir Anfang 2021 noch bei 2 Cent lagen, ist dies eine enorme Preissteigerung.

Inwieweit sind die Bedarfe für die Kunden der Stadtwerke Wissen in der kommenden Zeit gesichert?
Für das Jahr 2023 haben wir unseren Bedarf an Erdgas bereits zu gut 83 Prozent einkaufen können. Für das Jahr 2024 etwa zu 51 Prozent. Wir kaufen so, dass wir nach Möglichkeit die günstigsten Tagespreise erwischen, dabei dürfen wir den Blick auf die derzeitige weltweite Situation nicht aus dem Blick lassen. Die Versorgungslage ist angespannt, die Erdgasspeicher in Deutschland konnten bisher zu 55 Prozent gefüllt werden.

55 Prozent Füllstand der Erdgasspeicher hört sich jetzt im Juni sehr gering an. Sind Sie sicher, dass angesichts der neuerlichen Entwicklungen der Bedarf noch komplett gedeckt werden kann?
Der aktuelle Speicherstand von etwa 55 Prozent zu dieser Jahreszeit ist erst einmal normal. Das neue Gasspeichergesetz verlangt, dass bis zum Oktober 80 Prozent und bis November 90 Prozent der Speicher gefüllt sein müssen. Diese Vorgaben wären bei vollständiger Auslastung der Gaspipeline Nord Stream 1 und hohen LNG-Lieferungen etwa aus den USA und Katar auch sicher eingehalten worden. Leider hat sich die Versorgungssituation nun durch die Reduktion der Lieferungen über Nordstream 1 auf 40 Prozent und die Beschädigung der wichtigsten Großanlage zur Produktion von Flüssigerdgas (LNG) in den USA durch eine Explosion und einen anschließenden Brand drastisch verschlechtert. Sollte die Reduktion der Gaslieferungen über Nordstream 1 anhalten, werden die im Gasspeichergesetz vorgegebenen Mindestspeicherstände bis Oktober beziehungsweise November nicht zu realisieren sein. An einen kompletten Lieferstopp durch Russland will ich dabei noch nicht einmal denken.

Wie Sie bereits erwähnten, hat Gazprom in den letzten Tagen mehrmals die Gaslieferung nach Deutschland reduziert. Derzeit laufen etwa 60 Prozent weniger Gas über Nord Stream 1 zu uns. Ebenso melden weitere Länder, wie Tschechien, die Slowakei und Österreich, dass nur noch verringerte Gasmengen ankommen. Könnte uns das nach ihrer Ansicht schon im „Notfallplan Gas“ in die Stufe 2 bringen? Was konkret würde das für Ihre Endverbraucher und die Industrie im Allgemeinen bedeuten?
Ob und wann weitere Stufen des „Notfallplans Gas“ ausgerufen werden, ist derzeit offen. Hierüber kann nur spekuliert werden. Zurzeit befinden wir uns in der ersten Stufe der sogenannten Frühwarnstufe. In dieser Stufe tritt ein Krisenstab beim Bundeswirtschaftsministerium zusammen, der die Lage beobachtet und regelmäßig für die Bundesregierung einschätzt. In dieser Stufe greift der Staat aber nicht in den Markt ein. In der zweiten Stufe der Alarmstufe kümmern sich die Versorger noch in Eigenregie um eine Entspannung der Lage. Das geschieht beispielsweise durch Rückgriff auf ihre Gasspeicher oder Kauf von Erdgas aus alternativen Lieferquellen.

In der dritten Stufe der Notfallstufe liegt eine „außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gas, eine erhebliche Störung der Gasversorgung oder eine andere erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage“ vor. Dann würde der Staat in den Markt eingreifen. Im Klartext heißt das, dass die Bundesnetzagentur die Kompetenz erhält, zu entscheiden, wer weiterhin Gas bekommt. Sie tritt als „Lastverteiler“ auf. Priorität haben „geschützte“ Kunden, auch die deutschen Haushalte. Der Industrie würde zuerst der Gashahn zugedreht. Welche Unternehmen genau vom Gas abgeschnitten würden, ist aber reine Spekulation.

Die Stadtwerke haben Ihren Bestandskunden ein Festpreisprodukt mit zweijähriger Laufzeit angeboten. Für Kunden, die dieses Produkt angenommen haben, kann man sagen: „Glück gehabt“. Für Kunden in der Grundversorgung und Kunden mit Tarifen, die an diesem Tarif anknüpfen, wartet ab August eine Preiserhöhung. Woran genau liegt das? Bleiben die Stadtwerke dennoch im Rahmen?
Grund für die Anhebung sind die drastisch gestiegenen Beschaffungskosten aufgrund des Ukrainekrieges. Daher müssen wir die Tarife in der Grund- und Ersatzversorgung ab dem 1. August um 5,2 Cent pro kWh (brutto) anheben. Hervorzuheben ist allerdings, dass die Stadtwerke mit ihrem Tarif Siegtalgas ein Produkt anbieten, welches im Vergleich zu Wettbewerbstarifen mehr als konkurrenzfähig ist.



Bezüglich unseres Festpreisproduktes muss ich auf das neue Energiesicherungsgesetz hinweisen. In diesem Gesetz wurde verankert, dass bei einer Gasmangellage die hieraus entstehenden Kosten von unserem Vorlieferanten an die Stadtwerke Wissen GmbH weitergegeben werden können. Die Stadtwerke können dann ebenfalls mit vorheriger Ankündigung die gestiegenen Kosten weitergeben. Wie gesagt, hierbei handelt es sich um eine gesetzliche Möglichkeit. Ebenso wäre denkbar, dass der Staat die Mehrkosten direkt beim Vorlieferanten übernimmt. Was letztendlich wirklich kommt, kann derzeit keiner vorhersagen und ist reine Spekulation. Die Stadtwerke Wissen GmbH werden als fairer Regionalversorger nur die Kosten an Ihre Kunden weitergeben, die gesetzlich vorgegeben sind und auf die wir keinen Einfluss haben.

Robert Habeck, Minister für Wirtschaft und Klimaschutz, hat die Bevölkerung kürzlich mit Tipps zum Energiesparen aufgefordert. Wie sehen Sie das?
Ich sehe das genauso wie Minister Habeck. Es gibt viele Möglichkeiten effektiv Energie zu sparen. Ich glaube jedoch, dass die Menschen sich teilweise schon damit auseinandergesetzt haben und sensibler werden. So ist der Verbrauch von Gas in diesem Jahr im Vergleich zum letzten gesunken. Teils mag dies allerdings auch mit den wärmeren Temperaturen in diesem Jahr zusammenhängen. Doch allein beim Strom, könnten die Verbraucher etwa durch das Ausschalten des Standby bei einem drei Personenhaushalt etwa 115 Euro jährlich einsparen. Es gibt viele kleine Ansatzpunkte, die in Summe einen großen Schritt in die richtige Richtung bedeuten.

Wo wir beim Strom sind: Zum 1. Juli entfällt die EEG-Umlage, auch „Ökostromumlage“ genannt. Sie diente dazu, die Förderung des Ausbaus von Solar-, Wind-, Biomasse- und Wasserkraftwerken zu finanzieren, und wurde bisher bei den Endkunden über die Stromrechnung erhoben. Wie gehen die Stadtwerke mit dem Wegfall um?
Den Wegfall der Umlage begrüßen wir sehr und geben die Entlastung von 4,43 Cent pro kWh (brutto) 1:1 an unsere Kunden weiter. Damit kann wenigstens ein Teil der massiv gestiegenen Energiekosten für unsere Kunden abgefangen werden.

Unsere Kunden müssen sich, um von der Senkung zu profitieren, um nichts kümmern. Der Verbrauch wird automatisch abgegrenzt. Zählerstände müssen nicht übermittelt werden.

Wie können Sie in der aktuellen Situation Bio-Gas für Fahrzeuge so günstig anbieten? Im Vergleich zu Diesel und Benzinpreisen gibt es neben der Elektromobilität kaum eine günstigere Alternative.
Wir beziehen unser Biogas deutschlandweit aus verschiedenen Biogas-Anlagen. Biogas oder Biomethan wird aus biologischem Materialien (etwa Mais, Gülle oder Bioabfällen) in Biogasanlagen durch Vergärung gewonnen. Es zählt daher nicht zu den fossilen Brennstoffen und ist daher zu 100 Prozent eine klimaneutrale Alternative zu Erdgas. Der Einkauf unseres Bio-Erdgases erfolgte vor der Ukraine-Krise. Aus diesem Grund können wir unseren Kunden dieses attraktive Angebot mit 95 Cent pro Kilo Bioerdgas machen. Im Vergleich zu Diesel liegt der umgerechnete Literpreis aktuell hier etwa bei 72,5 Cent. Ein Kilo Erdgas entspricht beim Energiegehalt 1,31 Liter Diesel.

Dennoch zählen die Motoren, die mit Gas betrieben werden, zu den Verbrenner-Motoren und die soll es ab 2035 auf Deutschlands Straßen nicht mehr geben. Lohnt sich da jetzt noch die Anschaffung eines gasbetriebenen Fahrzeugs?
Aus meiner Sicht gibt es zurzeit keine günstigere Alternative, was vom ADAC in seinen aktuellen Vergleichen auch immer wieder bestätigt wird. Zudem ist es aus meiner Sicht kontraproduktiv Fahrzeuge zu verbieten, die mit Bio-Erdgas (100 % Co²-neutral) betrieben werden.

Wie sehen Sie den Ausbau der erneuerbaren Energien?
Hinsichtlich dieser Thematik geht mir der Ausbau der erneuerbaren Energien, etwa der Windkraft oder „Power to Gas“, deutlich zu langsam voran. Wir müssen zukünftig unabhängiger von Drittländern werden, etwa wenn es darum geht, dass Rohstoffe als politische Instrumente weltweit eingesetzt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Gespräch führte Katharina Behner)


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