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Nachricht vom 22.11.2022    

Altenkirchen-Flammersfeld: Vorsorgekonzepte für Hochwasser und Sturzfluten fast komplett

Die Flutkatastrophe im Ahrtal vor über 16 Monaten war für die Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld die Bestätigung, weiter an einem Hochwasser- und Sturzfluten-Vorsorgekonzept zu arbeiten. Inzwischen existieren für 56 der 67 Ortsgemeinden die Ausarbeitungen, die Realisierung von Maßnahmen hat begonnen.

Anhand von Plänen wurden die neuralgischen Stellen für jede einzelne Ortsgemeinde dargestellt. (Foto: vh)

Neitersen. Eckhard Hölzemann kennt inzwischen die meisten Ortsgemeinden der großen VG Altenkirchen-Flammersfeld aus dem Effeff. Das ist kein Wunder, denn der Diplom-Ingenieur der Sparte Wasserwirtschaft hat die meisten bereits mit Argusaugen betrachtet. Sein spezieller Blickwinkel richtete und richtet sich auf neuralgische Punkte und Zonen, an denen Wassermassen, also Sturzfluten, im Nu Menschen sowie deren Hab und Gut gefährden können. Inzwischen wurden gut vier Fünftel der Ortschaften unter die Lupe genommen, Konzepte entwickelt und erste bauliche Veränderungen in die Wege geleitet. In der Neiterser Wiedhalle erfuhren am späten Montagabend (21. November) die Abgesandten von 25 Kommunen in einer Abschlussveranstaltung, wo Hand anzulegen ist, um die Macht der trüben Fluten nicht in vollem Umfang mit unabsehbaren Folgen zur Geltung kommen zu lassen. Für 31 Siedlungen (Alt-VG Flammersfeld sowie Mammelzen, Berod, Heupelzen, Hilgenroth und Busenhausen) liegen die Analysen jeweils schon Schwarz auf Weiß vor, in weiteren 11 (inklusive Stadt Altenkirchen) werden sie unter Hölzemanns Obhut (gemeinsam mit dem Ingenieurbüro Ulf Heinemann aus Altenkirchen) als finaler Akt des Großprojektes folgen. Das Gute: Das Land beteiligt sich mit einem 90-prozentigen Zuschuss an jeder Erhebung.

Mainzer Unterstützung „üppig“
„Wir beschäftigen uns schon einige Jahre länger mit einem Hochwasser- und Sturzfluten-Vorsorgekonzept“, sagte Fred Jüngerich als Bürgermeister der Verbandsgemeinde und legte mit dieser Darstellung den Beginn der Untersuchung deutlich vor das Desaster an einem der linken Nebengewässer des Rheins. Es müssten aus den Auswertungen nicht zwingend Maßnahmen entstehen, sondern es könne natürlich auch Veränderungen der Verhaltensweisen von Menschen vor Ort zur Folge haben. Rückblickend auf die Juli-Mitte des vergangenen Jahres fügte Jüngerich an: „Ich weiß nicht, wie es bei uns ausgesehen hätte, wenn sich das Regengebiet 50 bis 60 Kilometer weiter östlich entladen hätte.“ Die Unterstützung aus Mainz bezeichnete er als „üppig“, zumal das beim Land nicht immer so sei.

„Geben Sie dem Wasser Raum!“
Grundsätzlich stellt Hölzemann, der für das Oberlahrer Ingenieurbüro IGEO (Ingenieure für Wasserwirtschaft und Umweltplanung GmbH) arbeitet, sein Credo unter den Titel „Geben Sie dem Wasser Raum!“. Das sei in den in den zurückliegenden Monaten untersuchten Ortsgemeinden nirgendwo der Fall gewesen, „das Wasser könne nicht normal ablaufen“, ergänzte er, „Vorsorge ist Daseinsvorsorge.“ Zum Glück bewege sich inzwischen auch der Landesbetrieb Mobilität, was mögliche Änderungen an Straßen und Brücken betreffe. „Es reicht nicht, eine Maßnahme im Dorf umzusetzen, es müssen sich weitere anschließen, um Wasser aus dem Dorf rauszubekommen“, verdeutlichte Hölzemann. Darüber hinaus müsse alles, was nicht an einen Bachlauf gehört, entfernt werden. Nach grundlegenden Anmerkungen beschrieb er jeweils die unterschiedlichen Ausgangssituationen in diversen Ortsgemeinden und zeigte auf, was getan werden kann, um die Gefahren abzusenken. „Wir können uns vorbereiten“, erklärte er und listete diese Ansätze auf kommunaler Seite auf: Notabflusswege in kommunaler und privater Kooperation herstellen, Wasserführung, wo immer möglich, im Straßenraum sicherstellen, Engstellen und Durchlässe beseitigen und anpassen, Einlaufbauwerke vorsehen, Abflussregime anpassen (Nutzungsanpassung, Abflussreduzierung, -umleitung, -rückhaltung). Die Frage, ob Neubauten in sensiblen Bereichen erforderlich seien, blieb unbeantwortet, sie sollte als Denkanstoß verstanden werden.

Appell an Immobilienbesitzer
„Halten Sie Ihr Haus trocken!“, richtete Hölzemann gleichfalls einen Appell an Immobilienbesitzer und warb um private Vorsorge, „Sie sind zuständig und verantwortlich, also: Öffnungen unter Rückstauniveau verschließen und in besonders kritischen Bereichen dauerhaft, keine kritische Infrastruktur wie Heizung, Kühltruhe, Waschmaschine oder Stromleitungen im Überflutungsbereich, Wasserfallen vor dem Haus - wie Dachwasser - wenn möglich umbauen und an Entwässerungssysteme anpassen.“ Als ganz wichtigen Aspekt erachtete er den Abschluss einer Elementarschadensversicherung. Starkregen qualifizierte Hölzemann ab 50 Millimeter Niederschlag in ein bis zwei Stunden, „das sind 50 Liter pro Quadratmeter oder 500 Kubikmeter pro Hektar oder 50.000 Kubikmeter pro Quadratkilometer. Und davon kommt ein großer Teil zum Abfluss“. Auch den Unterschied zwischen Hochwasser und Sturzfluten arbeitete er heraus. Hochwasser steige langsam an, der Wasserstand sei über mehrere Tage deutlich höher als der normale Pegel. „Sturzfluten hingehen sind durch sehr hohen Niederschlag in kurzer Zeit mit hohem Oberflächenabfluss und Bodenaustrag gekennzeichnet“, stellte Hölzemann gegenüber. Wasserstände auch in kleinen Gewässern seien kurzfristig deutlich höher als normal.



Im Dorf unterwegs
„Wir waren in Ihrem Dorf“, beschrieb Hölzemann die Art und Weise, wie die Lage vor Ort durchleuchtet worden war, „gemeinsam sind wir mit Anwohnern und Vertretern der Gemeinde unterwegs gewesen und haben uns gemeinsam Gefährdungsstellen angesehen und Informationen und Anregungen mitgenommen. Und wir haben zu den Möglichkeiten der öffentlichen und privaten Gefahrenabwehr informiert.“ In die Analyse der örtlichen Gegebenheiten seien die amtlichen Überflutungsgebiete von Wied und Nister übernommen, die Feststellung der Hauptfließwege mit Einzugsgebieten und die potenziellen Gefahren durch Starkregen und Sturzfluten eingearbeitet worden. Ergänzt worden seien die besonderen Kenntnisse der Bürgermeister und Informationen aus zurückliegenden Hochwassern und Sturzfluten. Beschreibungen von möglichen Gefahrenstellen (insbesondere Durchlässe und Bachverrohrungen bergen ein erhöhtes Gefahrenpotenzial) ergaben sich aus der lokalen Analyse, „aber auch Straßen und Wege in Hanglage können bei Starkregen größere Abflüsse generieren“, berichtete Hölzemann.

Klarer Temperaturanstieg
Dass der Klimawandel sein gerüttelt Maß an dem Plus der Starkregenereignisse hat, hatte Joachim Schuh als Technischer Leiter der Verbandsgemeindewerke Altenkirchen-Flammersfeld bei einer vorangegangenen Zusammenkunft schon sehr deutlich gemacht. Anhand einer Auswertung für Rheinland-Pfalz, die im Jahr 1881 begann, belegte er den klaren Temperaturanstieg. So könne warme Luft noch mehr Wasser aufnehmen, vermehrt auftretende Starkregenereignisse seien die Folge. „Es sind örtlich eng begrenzte Regengebiete, diese sind nicht vorhersehbar." Als 100-jähriges Ereignis hätten einmal 53 Millimeter Regen in einer Stunde gegolten, „inzwischen werden schon 150 Millimeter gemessen", beschrieb Schuh damals ein Beispiel aus dem Land. Dass Wassermassen durchaus reißenden Charakter annehmen können, war laut Schuh ebenfalls der Landschaft geschuldet: „Wir haben eine relativ starke Topografie." Auch die Zahl der Überschwemmungen in Deutschland habe sich zwischen 1980 und 1999 sowie 2000 und 2019 mehr als verdoppelt: „Sie laufen aus dem Ruder.“ Bei einem Temperaturanstieg von anderthalb Grad Celsius werde die von Überschwemmungen bedrohte Landfläche in den kommenden Jahren um 11 Prozent, bei einem Plus von 2 Grad Celsius um 21 Prozent zunehmen. Mit Blick auf die Wetterlage am 15. Juli 2021 „hat der Kreis Altenkirchen Glück gehabt, dass er nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es fehlten nur wenige Kilometer“, zeigte Schuh vor wenigen Monaten anhand der Karte mit den Regensummen an diesem verhängnisvollen Tag, der Ahrtal-Flutkatastrophe mit letztendlich über 130 Toten, auf. (vh)


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