Bischof Georg Bätzing eröffnet 125-Jahr-Feier des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums kontrovers
Von Niklas Hövelmann
Im Rahmen der 125-Jahr-Feier des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Betzdorf hielt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Georg Bätzing, ein einstündiges Impulsreferat und stellte sich einem kontroversen Talk mit den Schülern. Themen waren unter anderem die inhaltliche Krise der traditionellen Kirchen, ihr Mitgliederschwund, der Missbrauchsskandal, die AfD … und Johann Sebastian Bach.
Betzdorf. Am Dienstagabend (10. Februar 2026) startete das Betzdorfer Freiherr-vom-Stein-Gymnasium (FvSGy) programmatisch in sein 125-jähriges Jubiläum. Eingebettet in Auftritte der Schülerband "Reaction" und des Schulchors, bildete den Kern der Veranstaltung in der Aula des Gymnasiums der Limburger Bischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Dr. Georg Bätzing. Der 64-jährige Theologe gilt als einer der bekanntesten Absolventen des FvSGy. 1980 legte er hier sein Abitur mit der Endnote 1,2 ab. In seiner Funktion als Bischof setzt sich Bätzing seit Jahren für umfassende Änderungen in der katholischen Kirche ein und äußert sich wiederholt zu diversen politischen Streitfragen. So auch am Dienstagabend.
Eröffnet wurde die Veranstaltung kurz nach 17 Uhr mit dem Lied "Zum ersten Mal seit Ewigkeiten", aufgeführt durch die Schülerband "Reaction". Es folgten kurze Begrüßungen durch die Schulleiterin Simone Kraft und den ersten Kreisbeigeordneten Tobias Gerhardus. Neben den obligatorischen Grußworten an die anwesenden Gäste, gaben sie einen kurzen Rückblick auf die Geschichte des Gymnasiums. Einem weiteren Auftritt von Reaction schloss sich der Impulsvortrag "Salz der Erde, Licht der Welt" des Ehrengasts an.
Die Lage der katholischen Kirche
In seinem einstündigen Referat gab Bätzing im Wesentlichen einen Rechenschaftsbericht für die Lage der katholischen Kirche in der Moderne und seine Rolle in derselben ab. Hierbei berief er sich größtenteils auf die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung 2023. Die Rolle der Kirchen sah er unter anderem darin, Gemeinschaft zu schaffen. Es sei wichtig, "kirchliches Leben vor Ort so zu gestalten, dass es kooperativ interessiert, zeitgenössisch wie zeitkritisch, dialogmutig und professionell medial begleitet Räume anbietet, in denen die jeweiligen Öffentlichkeiten nach Verständigung in der Zivilgesellschaft suchen." So würden Kirchen zum sozialen Zusammenhalt beitragen.
Die entscheidende Herausforderung der Kirchen in der Gegenwart liege in der religiösen Indifferenz zunehmend vieler Menschen. Eine potenzielle Lösung dafür sieht er in einem engeren religiösen Dialog der verschiedenen Glaubensgruppen. Dabei ließ er jedoch offen, worin genau die Basis einer potenziellen Kooperation liegen könnte, wenn nicht im Grundsatz "sola scriptura" (also einer Rückbesinnung auf die Worte der Bibel mit weitestgehendem Ignorieren der anschließenden Religionsgeschichte und -tradition).
Das gesellschaftliche Bild der Kirche, beziehungsweise die Anforderungen an die Kirche seien heute besonders ambivalent. Einerseits vernehme man zunehmend laut die Stimmen, die Kirchen sollen sich aus politischen Debatten heraushalten, andererseits gäbe es auch immer wieder Forderungen, zu politischen Streitthemen Position zu beziehen. Hierzu gab es in der anschließenden Fragerunde einen interessanten Wortwechsel mit einem Zuschauer, warum sich die Positionierung der modernen westlichen Kirchen auffällig häufig an der scheinbaren Mehrheitsmeinung und nicht an den teilweise sehr eindeutig zuwiderlaufenden Versen der Bibel orientiere.
In seinem Vortrag jedenfalls bekräftigte Bätzing seine Einstellung: Kirchen "müssen als gesellschaftliche und politische Akteure erkennbar sein". Er begründete seine Einstellung sowohl theologisch durch die Evangelien, nach denen das Himmelreich hochpolitisch sei, als auch mit der neuzeitlichen deutschen Geschichte. Gleichsam dürfe die Kirche niemals Partei in einem politischen Kräftemessen sein.
Im weiteren Verlauf seines Referats bekräftigt er noch einmal seine Hoffnung auf eine ökumenische Lösung der Christenheit, aus der er jedoch konservative und rechte Auslegungen des Christentums ausschließen wolle. Christentum sei nach Bätzing nicht mit völkischem Nationalismus vereinbar. Hiermit stellte er sich im Grunde gegen die christliche Tradition und einen Großteil ihrer Protagonisten und Heiligen und forderte folglich eine neue Art des religiösen Denkens.
Ernste Gespräche mit lockerem Beginn
An seinen Vortrag schloss sich unmittelbar eine lockere Gesprächsrunde an, zunächst mit den schulischen Moderatoren auf der Bühne, später auch mit dem Publikum. Hierbei tat sich die Organisation dadurch positiv hervor, dass das Moderationsteam religiös stark durchmischt war und neben Katholiken auch Freikirchler, Atheisten und Skeptiker umfasste. Los ging es mit einer Blitzfeuer-Fragerunde. Interessant war zwischen den vielen eher scherzhaften Fragen, dass der katholische Bischof Bätzing sich auf die Frage, mit welcher historischen Person er gerne einen Tag verbringen würde, Johann Sebastian Bach wählte. Auch auf spätere Nachfrage wollte er nicht auf Jesus oder eine andere Figur aus der christlichen Geschichte wechseln. Er begründete dies damit, dass er jeden Tag mit Jesus im Herzen lebe. Dennoch maße er sich nicht an, die korrekte Bibelauslegung zu kennen.
In der Folge zeigte sich Bätzing offen für mehr Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche und zeigte sich offen für die Segnung homosexueller Paare. Bei beiden Kontroversen sehe er auch schon Fortschritte - jedenfalls in einigen christlichen Kulturkreisen. Auch über den jahrzehntelangen Missbrauch in der katholischen Kirche sprach der Bischof lange. Er erklärte etwa, dass es kausale Unterschiede im Vergleich zu ähnlichen Vorfällen in der evangelischen Kirche gäbe, bekräftigte aber auch, dass der Zölibat nachweislich nicht als Ursache herhalten würde. Man habe jedenfalls an verschiedenen Lösungen gearbeitet und sei zuversichtlich, das Kapitel bald hinter sich lassen zu können. In weiteren kleinen Themenfeldern rechtfertigte Bätzing die Kirchensteuer als überlebenswichtig und bekräftigte nochmals sein Engagement gegen die AfD, deren Markenkern er als "völkischen Nationalismus" beschrieb, der mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sei.
Eine kontroverse Debatte
Es schloss sich eine Fragerunde des Publikums an, wobei insbesondere die erste Frage (wie angeschnitten) zu einem durchaus interessanten, kontroversen Austausch führte. So fragte ein Schüler, der angab, in den vergangenen Jahren die Bibel studiert zu haben, weshalb der aktuelle Kurs der katholischen Kirche in teilweise zentralen Aspekten den direkten Worten der Bibel zuwiderlaufe. Bätzing antwortete, die Bibel sei - im Gegensatz zum Koran - kein direktes Gotteswort, sondern von Menschen geschrieben und eine Reflexion deren Gottes- und Geschichtserfahrung. Die Bibel sei "Gotteswort in Menschenwort". Aus diesem Grund sei die Bibel immer eine Auslegungssache innerhalb der Gemeinschaft der Kirche. Auf die Gegenfrage, warum dies nicht dem Missbrauch der Bibel zur Rechtfertigung der vorgefassten Meinung Tür und Tor öffne, weil dem Buch im Grunde seine Autorität abgesprochen wurde, erwiderte Bätzing, die Rolle der Gemeinschaft als Interpret würde dies verhindern.
Deeskalierend wurde mit dem Bibelwort "Prüft alles und behaltet das Gute" ein Schlussstrich unter diese Debatte gezogen.
Nach der Fragerunde und einem Interludium des Schulchors, gemeinsam mit der Band "Reaction" beendete Schulleiterin Kraft den offiziellen Teil der Veranstaltung und eröffnete den Sektempfang. Bischof Bätzing stand noch eine Weile für Fotos und einen Austausch mit den Gästen zur Verfügung.
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