Überraschende Einblicke bei der Podiumsdiskussion zur Landtagswahl
Von Niklas Hövelmann
Gut vier Wochen vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl 2026 fand am Donnerstagmorgen in der Aula des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Betzdorf eine Podiumsdiskussion mit allen sechs relevanten Kandidaten aus dem entsprechenden Wahlkreis statt. Besonders AfD-Kandidat Jörg Berges überraschte hierbei mehrfach mit eher unerwarteten Aussagen.
Betzdorf. Der Wahlkampf ist in vollem Gange: Noch dreieinhalb Wochen, ehe es für die Parteien in Rheinland-Pfalz wieder um alles geht. Um die jugendlichen Erstwähler im Wahlkreis 1 (Betzdorf/Kirchen) abzuholen, trafen sich die jeweiligen Direktkandidaten am Donnerstag zur Podiumsdiskussion in der Aula des Betzdorfer Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums. Namentlich waren das Jörg Berges (AfD), Johannes Behner (CDU), Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD), Julien Fleckinger (Die Linke), Markus Grigat (Bündnis 90/Die Grünen) und Thomas Kölschbach (FDP). Während Kölschbach als Vertretung für Alexander Wollenweber einsprang, sorgte vor allem Jörg Berges mit vollkommen unerwarteten Aussagen für Verwunderung - auch bei seinem politischen Gegner.
Die Bildung als Einstieg
Die über die etwa 90 Minuten gesittet und ruhig verlaufende Diskussion, die ihrem Charakter nach mehr einem Positionsgespräch oder einem Interview entsprach, startete nach der obligatorischen Begrüßung mit dem Thema "Bildung". Während die FDP hier auf ihrem Kernpunkt "Digitalisierung" bestand, sprachen sich die linken Parteien eher für einheitliche Regelungen aus, was etwa die Handynutzung an der Schule betrifft. Der AfD-Kandidat plädierte für ein Handyverbot an Schulen und einen relativ analogen Unterricht - ohne beispielsweise Tablets.
Das Schulsystem betreffend plädierte Julien Fleckinger (Linke) für eine einheitliche "Schule für alle". Diese soll nicht nach der 4. Klasse selektieren, sondern Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit schaffen. Angesprochen auf mögliche Nachteile, wie etwa, dass Leistungsschwächere das Niveau des Unterrichts so beeinträchtigen könnten, wies er auf die skandinavischen Staaten hin. In diesen sei ein solches System bereits etabliert und Skandinavien schneide traditionell besser in etwa der PISA-Studie ab, als Deutschland. Tatsächlich scheint es aber im Hinblick auf die PISA-Studie keine ideale Schulform zu geben. Jedenfalls ist keine direkte Korrelation zwischen einfachen und mehrgliedrigen Schulsystemen zu erkennen. CDU-Kandidat Johannes Behner sprach sich für eine weitestgehende Beibehaltung des Status quo aus, hielt es aber für sinnvoll, deutlich mehr Praktika in den Unterricht zu integrieren.
Überraschungen in der Wirtschaftspolitik
Als Nächstes stand "Wirtschaft und Verkehrspolitik" auf dem Plan. Hier überraschte Jörg Berges zum ersten Mal, als er sich für eine kostenlose Beförderung von Schülern bis zum Schulabschluss starkmachte. Für den folgenden Teilaspekt "Bürokratie" sah sich die FDP wieder besonders berufen: Kölschbach sprach sich für einen weitgehenden Abbau der Bürokratie zugunsten digitaler Lösungen aus. Weiter wolle er Richtlinien zurückbauen und Prozesse vereinfachen. Widerspruch bekam er aus komplett unerwarteter Richtung: Berges widersprach ihm fast in allen Punkten. So solle man zwar mit den Betroffenen von überbordender Bürokratie, wie etwa Handwerksunternehmen, "ins Gespräch kommen", es dürfe allerdings "auch nicht zu einem Wunschkonzert" dieser verkommen, wenngleich er sich offen zeigte, einige Regulierungen durchaus auch abzuschaffen. Auch den Staatsapparat wolle er nicht zurückbauen, um Arbeitslosigkeit zu verhindern, und die Digitalisierung könne alte Menschen überfordern. Selbst der Grüne Grigat zeigte hier mehr Bereitschaft zur Veränderung und gab sich offen für einen weitgehenden Bürokratieabbau zugunsten digitaler Lösungen.
Es wurde übergeleitet auf das Thema "Steuer und Abgaben". Wie zu erwarten sprachen sich die linken Parteien hier für eine Vermögenssteuer aus. Für Kölschbach war das eine Scheindebatte: Das eigentliche Problem seien die Sozialabgaben, die die Menschen jetzt und auch künftig deutlich spürbar belasten. Deshalb seien weitestgehende Reformen notwendig. Links überholt wurde er später von Berges, nach dem Spitzenverdiener "mehr als 50 Prozent Steuern zahlen" dürften, da deren Gehälter kaum durch Leistung gerechtfertigt werden könnten.
Betzdorfer Probleme
Letztes Thema vor der Fragerunde war dann die Region und gerade Betzdorf selbst. Stadtbürgermeister Behner, beteuerte, Betzdorf sei besser, als es immer gemacht werde. Natürlich existieren Probleme, aber man sei immer bemüht, Lösungen zu finden. Grade der Leerstand sei eine zentrale Hürde. Hierfür seien allerdings bereits Maßnahmen getroffen worden. Sabine Bätzing-Lichtenthäler sprach von der Möglichkeit, staatliche Mittel aus dem Landeshaushalt für die Stadtentwicklung zu bekommen.
Die Fragerunde musste aufgrund der fortgeschrittenen Zeit möglichst kurz ausfallen. Hier sprach sich Jörg Berges für die "Ehe für alle" aus und erklärte, er sei kein Parteisoldat, weshalb er mit seinen Ansichten durchaus von der Linie der AfD abwiche. Eine andere Nachfrage an ihn, warum er mit seinen Ansichten zu Steuerfragen so sehr von der Parteilinie abwich, beantwortete er auf die gleiche Weise. Dafür gab es eine kleine Portion Spott aus dem Medienteam der SPD, dass man mit einem AfD-Politiker, der sich für Umverteilung einsetzt, nun wirklich alles gesehen habe.
Lokales: Betzdorf & Umgebung
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