Nach Doppel-Bronze bei Olympia: Karriereende für Pfeifer wohl noch kein Thema
Die Zahl der Sportler aus dem AK-Land, die sich über den Gewinn olympischer Medaillen freuen können, ist verschwindend klein und lässt sich womöglich an einer Hand abzählen. Weit und breit sticht kaum jemand heraus, der mehrfach bei Sommer- oder Winterspielen in einer Disziplin zu den drei Besten gehörte. Skeleton-Pilotin Jacqueline Pfeifer ist mit drei Plaketten die Top-Akteurin aus der Region.
Brachbach. Mit Spitzenathleten, die darüber hinaus noch in ihren Disziplinen weltweit führend sind und olympische Meriten verbuchen können, ist der Kreis Altenkirchen kaum gesegnet. Wenn dann noch eine Einheimische als „Flachländerin“ im Eiskanal mit Medaillengewinnen reüssiert, können Respekt und Anerkennung gar nicht hoch genug ausfallen. Jacqueline „Jacka“ Pfeifer (geb. Lölling) aus Brachbach, seit mehr als einem Jahrzehnt zur Weltspitze im Skeleton-Sport gehörend, ergänzt ihre Sammlung von Ehrenzeichen, die sie unter den fünf bunten Ringen verbuchte, gerade in Cortina d’Ampezzo mit zwei bronzenen (im Einzel und im Mixed), nachdem sie acht Jahre zuvor im südkoreanischen Pjöngjang schon mit einmal Silber dekoriert wurde. Die 31-Jährige, die für die RSG Hochsauerland startet, blickt unter dem Strich auch auf eine bislang eindrucksvolle Karriere abseits Olympischer Spiele zurück: mehrere Welt- und Europameistertitel, Weltcup-Gesamtsiege, 14 Erfolge in Weltcuprennen und noch vieles mehr stehen zu Buche. Von einem Ende der sportlichen Laufbahn will die Bundespolizisten derzeit noch nichts wissen, aber eines hat sie für sich beschlossen: Eine Teilnahme an den nächsten Olympischen Winterspielen 2030 in den französischen Alpen und Nizza komme nicht mehr infrage, erklärt Pfeifer, die seit 16 Jahren der Nationalmannschaft angehört, im Interview mit dem AK-Kurier. Das Gespräch im Wortlaut:
Die Saison ist beendet. Wie fällt Ihr Fazit aus?
Durchweg positiv. Ich glaube, die Weltcupsaison war stark, konstant vor allem mit Platz zwei im Gesamtweltcup am Ende. Auf jeden Fall war es das, was ich wollte und wo ich drauf hingearbeitet habe und auch noch mal mit Weltcup-Siegen. Und dann natürlich der krönende Abschluss mit Olympia mit den zwei Medaillen war schon auf jeden Fall sehr gut.
Sie betreiben ein Sportart, bei der man mit dem Kopf zuerst dem Ziel entgegenfährt. Wie gefährlich ist diese Sportart?
Nicht so gefährlich, wie sie aussieht, aber natürlich gefährlich. Ein Risiko ist immer dabei, weil wir mit so hohen Geschwindigkeiten eigentlich ohne Schutz am Körper eine Bahn runter fahren. Da gibt’s Bandeneinschläge, die gehören dazu, die sind nicht angenehm. Aber ich glaube dadurch, dass unser Schwerpunkt so tief ist im Vergleich zum Rodeln und auch zum Bob, haben wir das immer noch am besten im Griff und unter Kontrolle, erst recht dann, wenn es zum Kippen oder zum Sturz kommt, kriegen wir leichter den Schlitten wieder unter Kontrolle oder zurück auf die Kufen. Und im Vergleich zum Bob: Wenn so ein Bob mal liegt, dann liegt er halt, und in so einem Fall haben wir auf jeden Fall noch die beste Kontrolle.
Fährt bei jedem Lauf die Angst mit?
Angst nicht, aber Respekt auf jeden Fall. Es kommt auch immer tatsächlich auf die Bahn an. Es gibt Bahnen, die schwerer sind, wo das Risiko höher ist, zu stürzen oder eine Bande zu bekommen. Für mich ist zum Beispiel Sigulda eine Bahn, vor der ich schon sehr viel Respekt habe. Das merkt man auch bei den meisten, da ist es in der Umkleidekabine immer sehr, sehr leise, bevor es losgeht, weil schon jeder sehr mit sich selbst und der Bahn beschäftigt ist. So ist das von Bahn zu Bahn unterschiedlich. Angst ist vielleicht zu viel gesagt. Man weiß ja, was man tut. Man bereitet sich gut vor und hat auch die Kontrolle, aber es gibt halt immer die Dinge, die man nicht einschätzen kann, und dann verpasst man doch mal einen Lenkpunkt. Da ist zum Beispiel Sigulda eine Bahn, wo die Gefahr dann groß ist oder wo dann vielleicht mal ein Fehler mehr bestraft wird als auf anderen Bahnen.
Wie ist eine Zwölfjährige damals aus einem Nicht-Wintersportort zum Skeleton gekommen?
Durch meine Sportlehrerin des Gymnasiums „Auf der Morgenröthe“ in Siegen, deren Tochter auch Skeleton gefahren und zufällig zu der Sportart gekommen ist. Sie war Ski fahren in Winterberg, als gleichzeitig Schnupperkurse im Rodeln neben der Piste angeboten wurden und sie dann übers Rodeln zum Skeleton gekommen ist. Meine Sportlehrerin hat dann immer versucht, neue Leute über den Sportunterricht zu finden und hat gefragt, wer Lust habe, etwas Neues auszuprobieren. Ich habe dann einfach einmal „Ja“ gesagt und wusste wirklich mit 12 Jahren nicht, was Skeleton ist, weil die Sportart noch unbekannter als heute war. Wenn man aus unserer Region kommt, hat man gerade nicht so den Wintersportbezug. Dann bin ich mal mitgefahren nach Winterberg, bin erst zum Start gegangen. Nur auf Rolle habe ich den Start mitgemacht. Das hat mir viel Spaß gemacht, habe aber dennoch gesagt, ich bin wieder raus. Sie ist aber hartnäckig geblieben und hat mich ein paar Wochen später gefragt, als die Bahn vereist war, ob ich nicht doch ausprobieren will, was eigentlich wirklich dahintersteckt. Dann habe ich das gemacht, und es hat deutlich mehr Spaß gemacht, und so bin ich dann nach und nach reingeschlittert.
Sind Sie von Anfang an vom Start bis zum Ziel gefahren oder fängt man auf halber Strecke an?
Genau. Also man fängt von weiter unten an, weil natürlich von oben die Gefahr viel zu groß ist. Man bekommt ein paar Infos vorher und schaut sich auch die Bahn an. Aber wenn man dann auf dem Schlitten liegt, weiß man nicht wirklich, was man da tut und auch nicht, wo oben und unten ist. Man kriegt auch so um die 90 km/h drauf. Aber man tastet sich dann langsam ran, also man beginnt auf halber Strecke, und wenn man dann irgendwann nach vielen Läufen meint, man hat jetzt schon ein bisschen mehr Gefühl, darf man immer weiter hochgehen.
Können Sie sich noch an Ihren ersten Lauf von oben bis unten erinnern?
Ja, so einigermaßen. Im Ziel hatte ich gemischte Gefühle aus Adrenalin und Nervosität, was da eigentlich gerade passiert war, und es hatte irgendwie Spaß gemacht, die Sache mit der Geschwindigkeit, und ich wollte es noch einmal versuchen. Aber währenddessen bekommt man nicht viel mit, also das ist einfach nur sehr, sehr schnell mit dem Kopf voraus. Man hat natürlich auch Angst beim ersten Mal, aber es hat mir irgendwie doch Spaß gemacht, dass ich das doch machen wollte.
Brauchten Sie eine große Portion an Überwindung?
Es ging so, ich wollte es schon gerne ausprobieren. Ich war nervös, und wir haben uns dann aber relativ gut vorbereitet. Da waren zudem mehrere Sportler, die schon gefahren sind und in meinem Alter waren. Die haben mir dann die Angst ein bisschen genommen und gesagt, das passt schon, und das kriegen wir hin. Aber ich weiß noch, ich habe mich dann auf den Schlitten gelegt, und da ist auch am Anfang nichts mit starten, sondern man geht eh in die Bahn rein und wird losgelassen. Ich war sehr, sehr aufgeregt, und ich wusste, dass gleich der Moment da ist, in dem der Trainer hinten meine Beine loslässt und ich auf mich alleine gestellt bin.
Ist die Zeit genommen worden?
Ich glaube schon, denn sie läuft rein zur Kontrolle immer mit, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, ob der Schlitten auch wirklich im Ziel ankommt. Aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern.
Welchen Anteil haben Ihre Eltern an Ihrer Karriere?
Einen sehr großen, ohne meine Eltern wäre das gar nicht möglich gewesen, weil das Ganze natürlich am Anfang immer sehr, sehr viele Fahrten von hier nach Winterberg bedeutet hat. Und das wäre ohne die Unterstützung von meinen Eltern gar nicht möglich gewesen. Ich habe am Anfang noch hier trainiert mit der Tochter von meiner Sportlehrerin. Der Trainer ist manchmal nach Siegen gekommen, weil sie in Siegen gewohnt hat. Meine Sportlehrerin hat das ein bisschen übernommen. Trotzdem hat das von Anfang an bedeutet, mindestens zweimal die Woche nach Winterberg zu fahren. Und es ist natürlich dann immer intensiver geworden, dann bin ich irgendwann aufs Internat gegangen, weil ich mich entscheiden musste, denn wenn ich wirklich den Sport intensiv betreiben wollte, dann führte kein Weg mehr daran vorbei. Und ja, das war nicht leicht für mich, weil ich natürlich lieber zu Hause geblieben wäre, denn ich hatte hier meine Freunde gerade in der Jugend. Da haben mich auch meine Eltern unterstützt. Sie haben mich jedes Wochenende nach Hause geholt. Sonntags abends oder manchmal auch montags morgens in der Früh sind sie mit mir wieder zum Internat gefahren, und sie haben mich auch bei meinen Rennen begleitet, also ohne deren Unterstützung, diesen Rückhalt, wäre das auch gar nicht möglich gewesen.
Gab es auch mal kritische Stimmen von ihren Eltern, die Ihnen abgeraten haben, diesen Sport auszuüben?
Nee, also von Anfang an haben sie mich unterstützt und, klar, hatten sie auch ein bisschen Angst oder waren nervös. Sie wussten auch nicht so richtig, was da auf sie zukommt. Aber sie haben immer hinter mir gestanden und mich unterstützt. Klar haben sie schon mal in schwierigen Phasen, gerade mentalen schwierigen Phasen, zu mir gesagt, ich soll auf mich aufpassen, und am Ende müsste ich entscheiden, ob ich das wirklich machen und auf alles verzichten, alles dafür opfern will. Grundsätzlich haben sie mich jederzeit unterstützt.
Sie sprachen bereits über die Bahn in Winterberg, Sie sprachen Sigulda an. Ich gehe mal davon aus, dass Sie Ihre liebste Bahn in Winterberg, also Ihre Heimbahn, ist ...
Ja schon, rein vom Fahren gehört sie auf jeden Fall dazu. Und dann ist dieses ganze Emotionale, was dort dann mit rein spielt, der Heimweltcup, das Publikum. Vor diesem Aspekt ist das auf jeden Fall so.
Und die nächste Bahn nach Winterberg, die Ihnen am liebsten ist....
Es war eigentlich immer Königssee, die aber gerade leider nicht gefahren wird. Cortina gehört auf jeden Fall dazu, gehörte sie eigentlich von Anfang an. Als wir im November zum ersten Mal da waren, habe ich mich eigentlich direkt wohl gefühlt und würde sie jetzt schon zu meinen Lieblingsbahnen zählen, und Lake Placid in Nordamerika gehört auch dazu.
Und die, die Sie am wenigsten mögen ...
Sigulda definitiv mit Abstand. Bei allen anderen kommt man in dem einen Jahr mal besser als in einem anderen Jahr zurecht. Aber Sigulda ist mit Abstand schon immer sehr, sehr schwierig für mich.
Ihre Karriere ist ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt verlaufen. Gab es am Tiefpunkt oder in der Zeit, in der es nicht so gut lief, auch Gedanken aufzuhören?
Ja, definitiv. Die gab es 2022 nach Olympia und im darauffolgenden Jahr, als ich dann 2023 im Interkontinental-Cup nach Jahren noch mal zurück war, und dann ging es eigentlich. Aber in der Saison 22/23 war ich schon eher näher am Aufhören als am Weitermachen.
Wenn Sie jetzt zurückschauen, sind Sie mit Ihrer Karriere, mit Ihrer Laufbahn zufrieden?
Auf jeden Fall. Ich glaube, ich hatte gerade am Anfang in den ersten Jahren viele Erfolge. Ich war sehr gesegnet, dass ich sehr erfolgreich war ohne eigentlich schwierige Jahre zu haben. Es lief einfach mit Weltcup-Siegen, WM-Titeln. Das war schon sehr schön. Und jetzt im Nachhinein muss ich sagen, bin ich dankbar dafür, dass dann dieses Tal kam, weil ich glaube, dass man dadurch mehr lernt und auch noch mal anders investiert, aber nicht so, dass ich vorher weniger investiert hätte. Aber man überdenkt einfach noch mal das Ganze, um vielleicht dann auch neue Wege zu gehen, was einfach dazu gehört, um auch Erfahrung zu sammeln. Und ich glaube, wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich mich auch nicht so entwickelt, persönlich wie auch sportlich. Ich weiß auch nicht, ob ich das alles so lange durchgehalten hätte.
Was war Ihr bislang schönster Erfolg, nicht unbedingt, was die Platzierung angeht. Es gibt auch sehr emotionale Erfolge, die durchaus zweite Plätze sein können. Welchen würden Sie an die erste Stelle setzen?
Das ist schwierig, da gibt es natürlich viele, die auf jeden Fall ganz besonders waren. Der immer im Gedächtnis bleiben wird ist der von der WM 2015 im Winterberg, weil ich nur über die Wildcard starten durfte, nachdem ich zuvor die Jugend-WM gewonnen hatte. Rein von meinem Ergebnissen hätte ich eigentlich damals schon in der Weltcupmannschaft sein dürfen, aber dann hieß es immer, ich bin doch zu jung. Dann habe ich am Ende mit dem zweiten Platz gezeigt, dass ich eigentlich in die Mannschaft gehöre. Das war sehr besonders, und ich muss sagen, dass ich fast glaube, die Olympiamedaillen jetzt haben noch mehr Bedeutung als die von 2018, obwohl es damals die erste war, und bis vor diesem Jahr hätte ich das auf jeden Fall nicht gesagt, aber gerade nach diesem Tal dann sich so zurückzukämpfen und dann auch das Ganze mit zwei Medaillen zu krönen, war definitiv schon sehr besonders. Und eins kommt noch dazu, und das ist der Weltcupsieger in Altenberg vor Olympia, der gut für mich war. Mal den in Cortina kurz davor ausgenommen, hatte ich seit fünf Jahren auf einen Weltcup-Sieg gewartet. Gerade in Altenberg hatte ich meinen ersten Weltcupsieg gefeiert und jetzt den letzten in der Saison und das vor Olympia war so wichtig für das Selbstvertrauen, wobei auch die Familie und Freunde vor Ort waren. Das war schon sehr besonders.
Gibt es irgendein Ergebnis, das Sie völlig ratlos zurückgelassen hat, mit dem Sie gar nichts anfangen konnten, das für Sie niederschmetternd war und im (Unter-)Bewusstsein einen Schatten hinterlassen hat?
Ein bisschen, so glaube ich, waren das die Olympischen Spiele 2022, weil ich an einem Punkt war, an dem ich mir nicht erklären konnte, warum es nicht mehr läuft. Klar war, dass die Gewichtsregelung mich sehr getroffen hatte - mehr als alle anderen – und für mich eine große Umstellung körperlich und auch vom Material her bedeutet hat. Ich hatte einfach zu wenig Zeit, mich darauf einzustellen. Wir hatten eine Reduzierung vom Gesamtgewicht mit Schlitten. Und ich bin die größte Athletin im Feld. Gerade Schnellkraft, Sprint- und Krafttraining, was wir machen, ist nie gut, um Gewicht zu reduzieren. Und ein bisschen Gewicht braucht auch unser Schlitten, und für mich war das schon einfach eine riesengroße Umstellung. Und dann diese Misserfolge in der Saison, es war mit Abstand meine schlechteste Saison. Bei Olympia fahren zu können habe ich irgendwie mit Hängen und Würgen geschafft. Vor Ort bin ich nicht schlecht gefahren, aber es ging einfach nicht. Das war auf jeden Fall sehr, sehr niederschmetternd. Es war am Ende Platz acht, ist jetzt nicht schlecht, aber für mich war es sehr schlecht, weil ich mir das nicht erklären konnte. In dieser Phase war ich sehr verzweifelt.
Sind Sie denn mit höheren Erwartungen in diese Rennen in Peking gegangen?
Eigentlich nicht. Wenn man aber schon erfolgreich war, dann will man natürlich immer vorne mitspielen. Es ist manchmal schwierig im Sport, man ist dann so ein bisschen wie in einem Loch und weiß nicht so richtig, wie man rauskommt und denkt aber trotzdem immer, jetzt muss es auch wieder funktionieren, und dann geht's irgendwie nicht. Und es gibt manchmal Gründe dafür, dann fährt man schlecht, oder auch jetzt in Cortina wäre mehr drin gewesen, aber da habe ich Fehler gemacht. Dann kann man sich das erklären und auch den Anderen das gönnen. Wenn man aber denkt, ich fahre gut und gehe athletisch ans Limit, und es funktioniert einfach nicht, dann ist das ein ganz, ganz schlimmes Gefühl, so dass man wirklich verzweifelt ist.
Was hat Ihnen der Sport gebracht oder was bringt Ihnen dieser Sport?
Viel. Auf jeden Fall Ziele. Ich glaube, mit riesengroßen Glücksgefühlen und Erfolgen umgehen zu können, aber auch weiterzumachen und nicht aufzugeben, wenn es mal nicht gut läuft. Man sagt immer, man soll die Hoffnung nie aufgeben und immer weiter an sich glauben. Wenn ich diese letzten vier Jahre von mir betrachte, dann habe ich wirklich selber erfahren, dass das auch so ist oder bei mir war es so. Und auch viele, viele Menschen in meinem Umfeld haben mich unterstützt und an mich geglaubt, wie meine Eltern, meine Familie, meine Trainer, aber auch zum Beispiel Unterstützer oder Sponsoren wie Andreas Weber zum Beispiel von Polygon. Und das ist manchmal noch viel mehr wert als alles andere. Wenn sie nicht da gewesen wären, gerade auch 2022, dann wäre ich den Schritt gar nicht mehr gegangen und da lernt man auch, dass es unmöglich ist, das alleine zu schaffen.
Wenn Sie zurückblicken, wie groß waren denn die Entbehrungen, die Sie in Kauf nehmen mussten, im Vergleich zu Ihren seit Mitschülern, die nicht Profikarrieren im Sport eingeschlagen haben. Mussten Sie auf viel verzichten?
Ja schon, also zum einen dadurch, dass man die Hälfte vom Jahr eigentlich immer unterwegs ist, so dass man dann schon viele Sachen verpasst. Egal, ob es Hochzeiten sind von Freunden oder von der Familie oder andere Feiern. Man ist natürlich auch immer so ein bisschen eingebremst, also ich konnte jetzt nicht immer feiern gehen mit meinen Freunden, was natürlich in der Jugend total schön ist. Manchmal denkt man schon, ich wäre jetzt auch gerne dabei. Oder Urlaube, ich konnte jetzt nie so frei Urlaube planen. Klar gibt es immer mal zwei Wochen im Jahr, die man frei hat auch zu Regeneration, aber auch da muss man natürlich gucken, was passt, also das sind schon viele Entbehrungen. Auf der anderen Seite muss man sagen, man bekommt natürlich auch viel zurück, man sieht viel von der Welt, lernt viele Menschen kennen, erlebt Sachen wie Olympische Spiele mit allem drum und dran, die man natürlich sonst auch nicht erleben würde. Aber grundsätzlich gehören schon viel Verzicht und Entbehrung dazu.
Aber das große Geld kann man nicht verdienen ...
Nein, kann man nicht.
Müssen Sie drauf zahlen?
Nee, das muss ich nicht. Da bin ich auch ehrlich. Ich habe zum einen sehr gute Sponsoren, die mir den Rücken freihalten und mich auch unterstützen, wenn vielleicht mal mehr Investitionen möglich werden an Trainingsgeräten, extra Trainingslagern abseits vom Verband oder auch Trainer, die ich teilweise selber finanziert habe, die mich jetzt begleitet haben. Und zusätzlich bin ich ja noch bei der Bundespolizei in der Sport-Fördergruppe, bekomme mein Gehalt und bin freigestellt für Training und Wettkämpfe. Das ist eine schöne Erleichterung, aber trotzdem kann ich jetzt nicht davon leben oder sagen, wenn ich meine Karriere beende, muss ich mir erst mal keine Gedanken machen, sondern ich muss sofort normal arbeiten.
Also das Dasein als Bundespolizistin war hilfreich ...
Ja, definitiv. Die Behörden ermöglichen gerade Aktiven der Randsportarten schon, den Sport überhaupt auf einem hohen Level ausüben zu können. Es ist halt eine große Absicherung, weil man weiß, es kann immer mal was sein wie Verletzungen, und man ist von heute auf morgen raus. Und dann ist man aber abgesichert und hat den Rückhalt.
Nach den Spielen wurde gemunkelt, das womöglich Rodeln, Skeleton und Bob aus dem olympischen Programm gestrichen werden könnten. Wird Sie das noch betreffen?
Nee, das ist sowieso erst 2038 geplant, so glaube ich, weil die nächsten beiden Orte, die bereits feststehen, über Bahnen verfügen. Und 2038 betrifft mich eh nicht mehr, aber auch 2030 wird mich nicht mehr betreffen, weil ich zwar jetzt nicht meine Karriere beenden, aber auf jeden Fall nicht noch mal an den Olympischen Spielen teilnehmen werde.
Gibt es einen Zeitpunkt für das Karriereende?
Nee, gibt es nicht. Also, ich bin jetzt gerade noch so ein bisschen in der Phase, in der ich unsicher bin, wie lang es noch weiter geht, aber Olympische Spiele werden es auf jeden Fall nicht mehr. Aber einen genauen Zeitpunkt gibt es nicht. Ich glaube, das fühlt man dann, wenn so weit ist. Hoffentlich.
Aber Sie müssen doch irgendwann entscheiden, ich fahre die nächste Saison weiter ...
Ja, das schon. Spätestens ab Mai beginnt auch wieder das Training. Da werde ich auch dann die Entscheidung treffen, aber ich gehe jetzt schon davon aus, dass ich die nächste Saison noch fahren werde, aber keine vier Jahre mehr.
Wenn Sie auf die Zeit nach dem Karriereende blicken: Möchten Sie in irgendeiner Weise dem Skeletonsport erhalten bleiben?
Würde ich schon gerne, weil es gerade bei uns einen Trainermangel gibt, vor allem bei Trainern, die keine Quereinsteiger sind. Da gibt es viele, und das ist auch gut so, aber der Trainerjob ist manchmal auch ein bisschen undankbar, weil die Trainer ebenfalls auf fast genauso viel verzichten müssen wie wir Sportler. Sie sind auch das halbe Jahr unterwegs, müssen immer erreichbar sein, und dafür gibt es, glaube ich, zu wenig Geld. Das ist auch ein sehr großes Problem. Und ich würde schon gerne gerade Nachwuchssportler unterstützen, meine Erfahrungen einfach weitergeben, weil ich glaube, das ist sehr schade, wenn man das nicht macht.
Was schwebt Ihnen denn beruflich vor nach dem Karriereende?
Am liebsten eine „Kombi“. Ich möchte natürlich bei der Bundespolizei bleiben, würde schon gerne nebenbei zusätzlich am heimischen Stützpunkt gerade im Nachwuchsbereich eine Trainertätigkeit ausüben. Aber ja, das ist alles noch ein bisschen weit weg.
Sollten Sie irgendwann mal Kinder haben, würden Sie Ihren Kindern empfehlen, Skeleton zu betreiben?
Ja schon, also ich glaube, dass das viel Verzicht bedeutet. Oft ist man dann bestimmt am Überlegen oder ist auch traurig. Ich hatte Momente mit Heimweh, sehr viele gerade auch zu Internatszeiten. Aber am Ende ist der Leistungssport eine Erfahrung, die man auf keinem anderen Weg macht. Man lernt so viele Menschen kennen, knüpft Kontakte und bekommt doch so viel zurück. Das ist schon ein großes Privileg, Leistungssport betreiben zu dürfen. (vh)
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