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Pressemitteilung vom 05.07.2026    

Fünf Jahre nach der Ahrtal-Katastrophe: Die langfristigen seelischen Folgen

Auch fünf Jahre nach der Flut im Ahrtal sind die psychischen Auswirkungen für viele Betroffene noch spürbar. Warum dies kein Rückschritt bei der Verarbeitung sein muss, erläutert eine Expertin.

Sybille Jatzko. (Foto: Christian Reimann/dpa)

Mainz. Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal kämpfen viele Menschen weiterhin mit den seelischen Folgen. Sybille Jatzko, eine erfahrene Trauma-Expertin, die seit Jahrzehnten Überlebende und Hinterbliebene von Katastrophen wie dem Flugtagunglück in Ramstein 1988 begleitet, erklärt, dass es menschlich sei, wenn die Erinnerungen präsent bleiben. "Viele denken, nach einigen Jahren müssen die beeinträchtigenden Folgen abgeschlossen sein. Man lernt zwar, mit dem Erlebten zu leben. Verschwinden wird es aber nie", sagte die Psychologin der Deutschen Presse-Agentur.

Jatzko betont, dass Menschen sehr unterschiedlich auf schwere Schicksalsschläge reagieren. Während einige früh das Gespräch suchen, benötigen andere Jahre oder gar Jahrzehnte. "Nach Ramstein kamen manche Betroffene erst zehn Jahre später in unsere Gruppen", berichtet sie. Oft werde gefragt, warum jemand so lange warte. "Die Antwort ist einfach: Weil die Menschen erst dann bereit waren." Diese Erkenntnis sei auch für die Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 von Bedeutung. "Es gibt keinen festen Zeitplan für die Verarbeitung solcher Erlebnisse. Jeder Mensch hat seine eigene Zeit."

Besonders wichtig sei es, Betroffene nicht unter Druck zu setzen. "Menschen wissen selbst meist am besten, wann sie reden können, wie viel sie erzählen möchten und was ihnen guttut. Man muss ihnen diese Entscheidung lassen." Zuhören sei oft wichtiger als gut gemeinter Rat. "Wir müssen vorsichtig sein mit Bewertungen und Erwartungen. Niemandem hilft es, wenn andere sagen: Jetzt muss es doch langsam wieder gut sein."

Erinnerungen an die Katastrophe können Jahre später durch Jahrestage, Medienbilder oder ähnliche Ereignisse wieder aufleben. "Das bedeutet nicht, dass etwas schiefgelaufen ist", betonte Jatzko. "Es zeigt bloß, dass dieses Erlebnis weiter Teil des Lebens ist." Sie spricht lieber von Integration als von Verarbeitung. "Das Ziel ist nicht, etwas zu vergessen. Das Ziel ist, mit dem Erlebten leben zu können, ohne dass es den Alltag ständig bestimmt." Gelungen sei dies, wenn Menschen über ihre Geschichte sprechen könnten, ohne dass sie von Angst, Schlaflosigkeit oder Panik überwältigt würden. "Vielleicht bekommt man noch Gänsehaut oder wird traurig. Aber man hat eine gewisse Distanz gewonnen."




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Eine weitere wichtige Lehre aus Ramstein sei die Bedeutung von Gemeinschaft. Viele Betroffene hätten enge Verbindungen aufgebaut. "Aus Nachsorgegruppen werden oft Schicksalsgemeinschaften", sagte Jatzko. "Die Menschen verstehen einander, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben." Dies gelte auch Jahrzehnte später. "Manche treffen sich noch heute. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie sich gegenseitig Halt geben." Für Betroffene im Ahrtal könnten solche Netzwerke ebenfalls wichtig sein. "Wer Ähnliches erlebt hat, versteht oft Emotionen, die andere nur schwer nachvollziehen können."

Jatzko warnt vor der Vorstellung, dass alle Menschen gleich reagieren müssten. Einige suchten Nähe und Austausch, andere zögen sich zeitweise zurück. "Beides kann richtig sein. Wir sollten akzeptieren, dass Menschen unterschiedliche Wege finden, mit ihrem Schicksal umzugehen." Ihr wichtigster Rat lautet: Geduld. "Heilung lässt sich nicht verordnen." Die Erfahrungen aus Ramstein hätten gezeigt, dass Unterstützung langfristig verfügbar sein müsse. "Katastrophen enden nicht, wenn die Kameras verschwinden", sagte Jatzko. "Für viele Betroffene beginnt dann erst der lange Weg zurück in den Alltag." (dpa/bearbeitet durch Red)


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