Pressemitteilung vom 16.07.2026 
Wenn der Hörsaal wegen eines Kinderbuchs bebt
Der zweite Siegener Kinderbuchpreis geht an den Berliner Autor Benjamin Tienti. Mehr als 350 Kinder aus Grundschulen im Kreis Siegen-Wittgenstein wählten sein Buch "Wer schnappt Ronaldo?" zu ihrem Favoriten.
Siegen. Sie lobten die Geschichte als "cool und spannend" und machten den Autor damit zum Preisträger der gemeinsamen Auszeichnung von Universität Siegen, Bürgerstiftung Siegen und Siegener Zeitung. Bei diesem Applaus zittern die Stuhlreihen im Friedrich-Schadeberg-Hörsaal der Universität Siegen. Und Applaus gibt es reichlich. Es wird geklatscht, getrommelt, getrampelt. Und dabei geht es– um ein Buch!
Ein Buch, an das offensichtlich mehrere Hundert Kinder ihr Herz verloren haben, denn sie jubeln laut, als verkündet wird, dass Benjamin Tienti für "Wer schnappt Ronaldo?" den Siegener Kinderbuchpreis erhält. Für ihn hatten sie mehrheitlich abgestimmt. Sein Buch sei "spannend und cool"– und das obwohl, oder vielleicht gerade weil, darin auch "viele böse Wörter" vorkommen. "Benjamin, Benjamin", rufen einige. Eine Preisverleihung mit einem Hauch von Popkonzert.
Der Autor freut sich sichtlich. Allzu viele Preise für Kinderbücher gebe es schließlich nicht. Entsprechend stolz nimmt er die Auszeichnung entgegen und hat sein junges Publikum im Handumdrehen für sich gewonnen. Weil er ihre Sprache spricht. Weil er nah an der Lebenswelt von Kindern ist. Und weil er weiß, dass langes Stillsitzen irgendwann schwerfällt. Tienti ist nicht nur Autor viele Kinderbücher, sondern auch Schulsozialarbeiter in Berlin.
Bevor er aus seinem Buch liest, bittet er die Kinder deshalb erst einmal aufzustehen, sich zu schütteln und zu hüpfen. Alle machen mit: die Lehrkräfte der neun beteiligten Grundschulen ebenso wie die Mitglieder der Jury, die den Siegener Kinderbuchpreis ins Leben gerufen haben und ihn nun bereits zum zweiten Mal vergeben. Dr. Jana Mikota, Wissenschaftlerin und Expertin für Kinder- und Jugendliteratur an der Universität Siegen, freut sich sichtlich über die Begeisterung der Kinder: "Der größte Dank geht an Euch, denn Ihr habt fleißig gelesen, heiß diskutiert und abgestimmt." Von dieser Resonanz würden auch Studierende profitieren, die als künftige Lehrer erfahren, welche Kinderliteratur "ankommt" und wie Kinder Geschichten und Sprache bewerten und wahrnehmen.
Beim Siegener Kinderbuchpreis wählt eine ehrenamtliche Jury aus Neuerscheinungen drei Kinderbücher aus. Anschließend lesen die vierten Klassen die Bücher, wählen ihren Favoriten und geben ihre Beurteilungen an die Jury, in der auch Kinder sitzen, weiter.
Dr. Barbara Müller-Naendrup, Prorektorin für Lehrkräfte, Weiterbildung und Nachhaltigkeit, betonte, dassdas Projekt inzwischen eine beeindruckende Dynamik entwickelt habe. Die Zahl der teilnehmenden Schüler habe sich nahezu verdoppelt. Sie dankte der Bürgerstiftung Siegen, die es ermöglicht, allen Kindern die Bücher zur Verfügung zu stellen.
Für Dr. Gisela Labenz, Jurymitglied von der Bürgerstiftung, ist der Preis ein "Herzensprojekt". Bücher, sagt sie, machten glücklich. Sie erinnert sich an die Heldin ihrer Kindheit: Pippi Langstrumpf. Und auch wenn die Welt von Nivin in "Wer schnappt Ronaldo?" wenig mit der Villa Kunterbunt zu tun hat, sondern Mietshaus-Leben mitten in Berlin beschreibt, seien sich die beiden Heldinnen doch ähnlich: mutig, stark, klug und lebenslustig.
Der Autor Benjamin Tienti zwinkert den Kindern zu. "Vor so einer großen Gruppe zu stehen, die alle mein Buch gelesen haben, macht mich total fröhlich." Dass die Figuren in seinem Buch reden, wie sie reden, liege daran, dass er als Erwachsener Kindern keine Welt vormachen wolle, die es so nicht gibt. "Ihr fragt, warum es böse Wörter gibt, in meiner Geschichte. Weil man diese Wörter auf jedem Schulhof hört, weil Kinder sie eben benutzen."
Während er noch ein paar Kapitel aus seinem Buch liest, lässt er immer mal wieder den Blick durch die Reihen schweifen. Wird es unruhig? Überfordert er die Ausdauer? Sind die ganz hinten auch noch dabei? Sie sind es. Viele lesen mit und man sieht den Büchern an, dass viel ihn ihnen geblättert wurde. "Ihr hört sehrgut zu. Da kann ich noch ein Kapitel lesen, wa?", berlinert er ein wenig.
Zum Schluss dürfen die Kinder nach vorne kommen und sich ein Autogramm von Benjamin Tienti holen. Jana Mikota hat extra Lesezeichen mitgebracht, die die Kinder signieren lassen können. Aber viele holen ihr "Ronaldo-Buch" raus und möchten, dass Benjamin Tienti hineinschreibt. Eine besondere Erinnerung an einen besonderen Tag, und es dauert eine ganze Weile, bis das letzte Exemplar zugeklappt wird. (PM)
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