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Nachricht vom 06.08.2012 - 22:03 Uhr    

Mathe büffeln statt Strandurlaub

30 Jugendliche aus dem Landkreis Altenkirchen verbrachten die Hälfte ihrer Ferien in der Leuphana Sommerakademie. Das von Landkreis, Sparkasse und Arbeitsagentur finanzierte Pro-jekt unterstützt Jugendlich in Sachen Berufsorientierung und fördert sie auf dem Weg zum Schulabschluss.

30 Mädchen und Jungen aus dem Landkreis Altenkirchen verbrachten drei in jeder Hinsicht intensive Wochen im Leuphana-Sommercamp auf der malerisch gelegenen Jugendburg Hohensolms. (Fotos: pr)

Kreis Altenkirchen. Für junge Leute gibt es viele attraktive Möglichkeiten, ihre Ferien zu gestal-ten – lernen gehört nicht unbedingt dazu. 30 Mädchen und Jungen aus dem Landkreis Altenkirchen taten aber genau das: Drei Wochen lang büffelten sie in der Leuphana Sommerakademie auf Burg Hohensolms Mathe, Englisch und Deutsch, machten sich fit fürs Bewerbungsgespräch und studierten nebenbei noch ein ganzes Musical ein. Ihr Ziel: Sie wollen im nächsten Sommer den Hauptschulabschluss schaffen und eine Lehrstelle finden. Und obwohl hier Freizeit Fehlanzeige ist, wären die meisten von ihnen am Ende gerne noch länger geblieben.

Der Tag ist präzise verplant und lang: Morgens ab neun werden die Schüler in vier Gruppen unterrichtet. Mathe, Deutsch, Auftreten und PC. Dann wird eine halbe Stunde lang gemeinsam gelesen, bevor es nach der Mittagspause mit Sport, Coaching und Englisch weiter geht. Kurz nach vier – wenn andere Leute Feierabend machen – beginnen die Projektgruppen, in denen die Mädchen und Jungen singen, tanzen und Schauspiel lernen. Schließlich haben sie ein ehrgeiziges Ziel: zum Ende der Akademie wollen sie ein Musical aufführen. Rund zwei Stunden üben sie dafür täglich und manchmal treffen sie sich später am Abend auch noch mal zu einer Extra-Probe. Vorher stehen allerdings noch Schülerparlament und Gruppentreffen auf dem Programm. Gegen halb zehn am Abend ist das Tagespensum geschafft. Wer dann noch keine Lust hat schlafen zu gehen, beteiligt sich am Abendprogramm, das die Betreuer hinter den dicken Burgmauern für ihre Schützlinge organisieren. Eine Alternative gibt es nicht, denn in dem kleinen Örtchen am Fuße der Burg ist wirklich gar nichts los, was junge Leute ablenken könnte.

Das, erklärt Projektkoordinatorin Maren Voßhage-Zehnder schmunzelnd, ist durchaus gewünscht. Schließlich verfolgt die Akademie ein ehrgeiziges Ziel, auf das es sich zu konzentrieren gilt: alle Teilnehmer sollen im nächsten Sommer ihren Schulabschluss schaffen – auch wenn die Noten in manchen Fällen heute noch nicht darauf hoffen lassen – und einen guten Einstieg ins Berufsleben finden. Bislang ist das bis auf ganz wenige Ausnahmen immer gelungen. „Dafür müssen natürlich einige schulische Defizite aufgearbeitet werden. Aber genauso wichtig ist es, am Selbstbewusstsein der jungen Leute zu arbeiten. Denn hier liegt der Kern vieler Probleme, die sie mit sich herumtragen.“

In der Sommerakademie ist deshalb jedem Teilnehmer die Aufmerksamkeit der Betreuer sicher. Ausgrenzung gibt es nicht, darauf wird auch in den Gruppen geachtet. Im Unterricht werden sieben oder acht Jugendliche von zwei Lehrkräften betreut. Beim Lesen und am Abend kommt man gemeinsam zur Ruhe und bei den Proben fürs Musical entdecken die jungen Leute Talente an sich, von denen sie bislang zwar nichts ahnten, die sie aber ungeheuer stolz machen. Doch so ausgeklügelt das Akademieprogramm ist, die Fortschritte würden verpuffen, wenn die Mädchen und Jungen nach drei Wochen wieder alleine gelassen würden, weiß Voßhage-Zehnder. Deshalb ist die regelmäßige Nachbetreuung bis zum Schulabschluss Teil des Konzepts. „Schließlich sind die neuen Tugenden erst dann etwas wert, wenn sie sich auch im Alltag der Jugendlichen bewährt haben.“

Ein so aufwendiges Projekt hat natürlich seinen Preis. Für die rund 140.000 Euro, die für die Altenkirchener Sommerakademie veranschlagt wurden, stehen je zur Hälfte die Agentur für Arbeit Neuwied und eine Sponsoren-Gemeinschaft aus Landkreis, Kreissparkasse und Sparkassenstiftung Altenkirchen gerade. Verglichen mit den Anstrengungen, die mitunter notwendig sind, um einen einzigen Jugendlichen zu integrieren, der die Schule ohne oder mit schlechtem Abschluss verlassen hat, sei das durchaus günstig, begründet Agenturleiter Karl-Ernst Starfeld sein Engagement. „Das Besondere an der Sommerakademie ist ja, dass sie aktiv wird, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist, indem sie die Teilnehmer vor dem Scheitern bewahrt und ihnen so gute Perspektiven für den Einstieg ins Berufsleben eröffnet. Das ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn.“ Das sieht auch Landrat Michael Lieber so, dem das Projekt besonders am Herzen liegt. „Hier werden Jugendliche unterstützt, die sich auf die eine oder andere Weise in einer schwierigen Situation befinden. In der Sommerakademie lernen sie, sich selbst und ihr Leben positiv zu sehen. Das ist eine wichtige und überaus sinnvolle Investition in die Zukunft.“ Besonders freue ihn aber auch, dass eine solche Initiative durch das unkomplizierte Zusammenspiel völlig unterschiedlicher Einrichtungen möglich geworden sei.

Unterstützt wird das Projekt aber nicht allein von den Geldgebern, sondern auch von Arbeitge-bern aus der Region. Denn ein wichtiger Bestandteil des Aufenthaltes ist der „Personalertag“, an dem die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit echten Arbeitgebern (beinahe) echte Bewerbungsgespräche führen. Dafür haben sie täglich an ihrem Auftreten gearbeitet und sich intensiv mit ihren Berufswünschen auseinander gesetzt. Trotz dieser intensiven Vorbereitung steigt die Aufregung vor den Gesprächen bei einigen der Mädchen und Jungen ins Unermessliche. Nötig haben sie die Nervosität freilich nicht, denn die Personalverantwortlichen sind begeistert von der Ernsthaftigkeit, mit denen die Jugendlichen sich der unvertrauten Situation stellen.

Wer bis hierhin cool geblieben ist, den erwischt die Aufregung am letzten Tag des Burgaufenthaltes doch noch. Denn nun steht der Auftritt vor „echtem“ Publikum auf der Tages-ordung. Mütter, Väter, Geschwister, Omas, Opas, Tanten und Onkel sind extra angereist, um sich die bislang meist völlig unbekannte musische Seite des Leuphana-Nachwuchses anzuschauen. Bei den jungen Künstlern lässt das die Lampenfieber-Kurve drastisch ansteigen. Doch als im abgedunkelten Zuschauerraum die Feuerzeuge aufflammen, da wissen sie, dass sie in dieser Sommerakademie viel mehr gelernt haben als Bruchrechnen und Bewerbungen schreiben. Und: sie haben es gemeinsam geschafft. Kein Wunder, dass beim Abschied jede Menge Tränen fließen.



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