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Nachricht vom 10.11.2013 - 12:39 Uhr    

Die Nacht des Schreckens machte auch vor Betzdorf nicht Halt

Zum 75. Mal jährte sich die Reichspogromnacht, eine Nacht des Schreckens und der Schande, bis heute nachhaltig im kollektiven Gedächtnis der Völker. Vor 75 Jahren fiel auch in Betzdorf die Entscheidung, jüdische Bürger zu vertreiben, zu töten und ihrer Heimat zu berauben. Die Gedenkveranstaltung fand im Ratssaal statt, junge Schülerinnen des Gymnasiums hatten dazu ein Referat erarbeitet.

Henrike Lenz, Julia Wagener, Rosa Maria Pfeifer und Victoria Stangier vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium hatten zur Gedenkstunde ein Referat vorbereitet. Fotos: Manfred Hundhausen

Betzdorf. „Erinnern und nicht vergessen“, war der herausragende Satz in der Rede, mit der Bürgermeister Bernd Brato im Rathaussaal, die sehr zahlreich erschienenen Bürger an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 vor 75 Jahren erinnerte.

„Leider machte dieser Irrsinn auch vor Betzdorfer Bürgerinnen und Bürgern nicht halt, viele wurden aus unserer Mitte gerissen, ihrer Heimat beraubt und wie die Familien Herz, Tobias und Schwoim kamen sie in Konzentrationslagern um“, so Brato.
Bernd Brato mahnte auch, dass Antisemitismus und rechte Ideologie nicht mit dem Nazi-Regime untergegangen seien. Leider müssten wir es immer wieder erleben, dass Neonazis antisemitische Parolen skandierten, dass Rechtsextreme mit Gewalt gegen Andersdenkende oder Andersgläubige vorgingen, dass fremdenfeindliche Parteien ein breites Echo fänden.

„Das dürfen wir nicht hinnehmen“, so Brato. “Wir sind eine tolerante, eine offene und bunte Gesellschaft geworden und das lassen wir uns von Ewiggestrigen nicht nehmen. Betzdorf ist ein Ort für alle, unabhängig von Herkunft und Religion, wir möchten friedlich und einvernehmlich zusammenleben.“
Er appellierte an die Zuhörer, dass sich jeder in der heutigen Zeit mit aller Kraft für die Werte einsetzen sollte, die damals mit Füßen getreten worden seien:
„Für die Bewahrung der Menschenrechte, für Freiheit und Demokratie!“

Der Vortrag von Gerd Bäumer, Geschäftsführer des Betzdorfer Geschichte e.V.,
stand unter dem Motto, „Gesellschaftlicher Antisemitismus in unserer Heimat bis 1938“.
Er gab einen Rückblick über die kleine, jüdische Gemeinde in Betzdorf, die aus 43 Juden bestand. Diese habe in der Gesellschaft der 1930er Jahre keine große Bedeutung mehr gehabt, deshalb habe es in Betzdorf wohl keine besonderen Vorkommnisse gegeben. Da in Betzdorf auch keine eigene Synagoge zur Verfügung gestanden habe, hätten die jüdischen Mitbürger die Synagogen in Hamm und Siegen besucht, die in der Pogromnacht auch von den Nazis niedergebrannt wurden.
Nachdem 1935 am Bahnhof ein Schild mit der Aufschrift, „Juden sind in Betzdorf unerwünscht“, geprangert habe, seien bis 1938 nach und nach alle jüdischen Bürger aus Betzdorf weggezogen. Von Betzdorf aus seien keine Bürger jüdischer Herkunft deportiert worden, wohl aber aus den Orten ihrer Zuflucht. Nur 15 Juden aus Betzdorf hätten den Holocaust überlebt.
Mit einem Zitat eine Auschwitz-Überlebenden“ Es ist geschehen, also kann es wieder geschehen“, und dem abschließenden Satz „“Wir müssen darüber reden, damit es nicht wieder geschieht“, beendete Bäumer seine Nachbetrachtung der schrecklichen Zeit.

Motiviert durch die Lehrer Martin Hassler und Hanns Göbel setzten sich vier Schülerinnen der MSS 11 des Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Betzdorf-Kirchen, die auch aktive Teilnehmerinnen der UNESCO-AG an der Schule sind, mit der Nazi-Diktatur auseinander.
Mit dem Thema „Opfer und Täter, Recht und Unrecht“ gestalteten
Henrike Lenz, Julia Wagener, Rosa Maria Pfeifer und Victoria Stangier die Gedenkfeier mit einem eigens erarbeiteten Referat, in dem sie sich mit einem Täter auseinandersetzten, der 1948 für seine aktive Beteiligung in der Pogromnacht vor dem Würzburger Landgericht zur Rechenschaft gezogen werden sollte.
Nach den Recherchen in diesem speziellen Fall kamen sie zu der Erkenntnis, dass für diese schreckliche Zeit viele Widersprüche und Wissenslücken bestehen, die es der Gerichtsbarkeit und der heutigen Generation schwierig machte, aufgrund der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, den sicherlich noch vielen unerkannten Tätern individuelle Schuld nachzuweisen.

„Den Lebenden zur Mahnung, den Toten zum Gedenken“, mit diesem Satz vor Augen, der auf der Gedenkrosette am Fußgängerüberweg Bahnhofstraße/Viktoriastraße vor 25 Jahren verewigt wurde, gab es anschließend ein gemeinsames Innehalten und Gedenken an die Opfer und Kranzniederlegung durch Bürgermeister Bernd Brato, MdL Anna Neuhof, Bündnis 90/Die Grünen und einer Abordnung der Jungsoziallisten des Kreises Altenkirchen. (phw)



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