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Nachricht vom 17.01.2014    

Grafittikünstler Kai “Semor“ Niederhausen im Interview

“Ich liebe es einfach, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen“. Kai “Semor“ Niederhausen, geboren in Waldbröl und aufgewachsen in Seelbach (Hamm/Sieg) ist ein international bekannter Grafittikünstler. Er engagiert sich seit Jahren in der Jugendarbeit und bietet aktuell wieder am 1. und 2. Februar in Altenkirchen einen Workshop für Jugendliche an. Kurier-Autorin Eva Klein unterhielt sich mit Kai über seine Weltanschauung, seine Prioritäten und die Liebe zu seiner Arbeit.

(Fotos: © Kai SEMOR Niederhausen | www.spruehflaschendunst.de)

Ich habe mir im Vorfeld des Interviews deine Arbeiten angeschaut. Besonders die “gesprayten“ Gesichter sind mir dabei ins Auge gefallen. Mit welcher Technik arbeitest Du bei ihnen? Hast Du Dir diese speziellen Techniken selbst erarbeitet?

In Kunst war ich nie wirklich gut und was das figürliche Malen angeht, hatte ich kein Talent. Dennoch wollte ich gerne Portraits malen, da mich Menschen interessieren. Jede Falte erzählt eine Geschichte und zeigt das Leben. Ich habe mir dann überlegt, wie ich Gesichter sprühen kann. Auf großen Wänden ist das meist nicht so schwer, jedoch auf kleinen Flächen wird es schwieriger. Da ich nicht mit Airbrush arbeite, habe ich mir Schablonen geschnitten und dadurch das Gesicht Schicht für Schicht dargestellt. Die Technik verfeinert sich von mal zu mal. Auf diese Art und Weise habe ich schon viele Menschen porträtiert.

Viele Graffiti-Künstler sehen den kommerziellen Erfolg vor allem in der Erstellung von Home-Art für das Wohnzimmer. Der Anfang jedes Writers liegt jedoch “outdoor“ an Wänden und Fassaden. Nimmst Du auch jetzt noch solche Aufträge an? Wie wichtig ist Dir diese Arbeit?

Ich habe viele Anfragen aus vielen Teilen der Welt. Meist sind es Veranstaltungen auf denen ich als „Semor“ mit anderen Künstlern Wände gestalte. Meist sind dies Festivals oder andere Veranstaltungen. In meinem Atelier gestalte ich Leinwände, benutze altes Holz und Metall als Medium um meine Kunst darauf zu präsentieren. Viele Arbeiten zeige ich auf Ausstellungen.
Ein paar meiner Kunden kaufen meine Bilder während der Ausstellungen, aber ich sprühe auch Auftragsarbeiten, wie Firmenfassaden, Privathäuser, etc. Außerdem arbeite ich mit einem Bestatter zusammen, bei dem ich auf Kundenwunsch Urnen und Särge gestalte.
Ich sprühe auch Kinderzimmer. Es ist schön zu sehen, wie die Kinder sich freuen. Vor allem hat es auch einen positiven Nebeneffekt. Sie verurteilen später Graffiti nicht pauschal, sondern können es differenzieren, was viele Menschen nicht können.

Zu welchen Teilen ist deine Arbeit Technik und wie viel ist Kunst?

Die Technik ist der Umgang mit der Dose und mit den unterschiedlichen Materialien. Ob daraus Kunst entsteht, müssen andere bewerten. Ich mache nur was ich liebe und worin ich mich ausdrücken kann. Andere spielen Fußball oder schrauben an ihrem Auto.
Ich liebe es einfach, meinen Gefühlen freien Lauf lassen zu können, egal ob ich eine Leinwand oder eine Wand besprühe. Ich male keine Skizzen, jedes Bild entsteht spontan. Ich nehme auf, was um mich herum passiert und nutze dies für meine Bilder. Dieses Gefühl ist einfach großartig.

Du hast schon in New York ausgestellt, warst in Buenos Aires und in der Schweiz. Ähnelt sich die Writer-Szene weltweit? Was hat dich weltweit am meisten beeindruckt und was hast du von dort für deine Arbeit mitgenommen?

Die Writer-Szenen auf der Welt ähneln sich schon, denn alle haben den selben Ursprung. Jedoch spielen die sozialen Umstände eines jeden Graffitimalers eine große Rolle. In Argentinien beispielsweise sind viele Menschen sehr arm und können selten Sprühdosen oder Streichfarben kaufen. Dafür sind die Löhne zu gering und das Geld wird für wichtigeres gebraucht. Während man in Europa extra Läden für den Graffiti-Bedarf hat, wird es in Südamerika schon schwieriger. Man sucht vergeblich nach solchen Läden und muss sich mit den teureren Baumarktdosen zufrieden geben und auch oft improvisieren. Aber das ist genau das, was ich mag – spontan reagieren und sich in einer solchen Situation mit Ideen und Umdenken zu helfen wissen.
Aber aus der Not heraus, die in diesen Ländern herrscht, werden die Menschen auch kreativer. Sie nutzen andere Hilfsmittel, um ihre Kunst ausüben zu können.
Über „Tags“ (Kürzel des Writers, meist mit Markern geschrieben!) wurde das erste mal am 21.07.1971 in der New York Times berichtet. Damals ging es um den Botenjungen „TAKI 183“. Auf diesen Ursprung greifen alle Writer zurück. Deshalb ähneln sich die Szenen, aber wie mittlerweile mit der Sprühdose umgegangen wird, welche Stilarten vertreten sind, das variiert und macht den Unterschied aus. Man kann anhand eines Stils feststellen, aus welchem Land, oder sogar aus welcher Stadt der einzelne Writer kommt.



Auf meinen Reisen durch die Welt nehme ich viel Inspiration mit. Ich lerne, wie Menschen leben, unter welchen Umständen sie leben und unter welchen Umständen sie ihre Kunst ausführen. Ich kann es nicht anders sagen, als das es mein Anker im Leben ist, um der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit entrinnen zu können.

Ich lerne Städte kennen – anders als Touristen es tun. Ich habe beispielsweise in der Bronx in New York zwei Wochen verbracht. Ich wurde respektvoll und nett empfangen, obwohl ich der einzige „Weiße“ war, aber ich hatte niemals Angst. Die Menschen freuen sich, sind regelrecht dankbar, wenn du etwas Farbe in ihr Viertel und in ihr Leben bringst.

Du hast bereits im Jahr 2013 mehrere Workshops für Jugendliche in Altenkirchen durchgeführt und bietest aktuell wieder einen Workshop zum Thema
“Graffiti als Methode der künstlerischen Bildung“ am 1. und 2. Februar 2014 an.
Ist Jugendarbeit für Dich ein großes Thema?


Jugendarbeit ist für mich ein sehr wichtiges Thema, mit dem ich mich kontinuierlich beschäftige. Jugendliche sind diejenigen, die ständig verurteilt werden, aber wie viel Zeit nimmt man sich für sie? Bevor man beispielsweise den Banken einen Riegel vorschiebt, wird lieber an der Jugendarbeit gespart. Danach echauffiert man sich über die Jugend und wundert sich, warum manche abdriften.

Ein aktuelles Beispiel: Ich sollte einen Workshop in einer Einrichtung mit sozial schwachen Menschen, Drogenabhängigen etc. durchführen. Dieser wurde nicht aus Kostengründen abgelehnt, sondern mit dem Argument, dass man „genug Probleme mit diesen Menschen hätte und nicht noch Graffitischmierer aus ihnen machen müsste.“ Dazu habe ich nur zu sagen: „Schublade auf, Klischee rein, Schublade zu!“

Man verwehrt Menschen, die eh schon die Schwelle der Gesellschaft übertreten haben, ein Projekt und schiebt sie dadurch noch weiter ins Abseits. Das ist meiner Meinung nach ein falscher Weg und wird uns in der Zukunft noch teuer zu stehen kommen. Menschen verlieren dadurch ihren Glauben an eine Sache.

Klar mache ich eine Kunst, die in vielen Augen illegal und kriminell ist, aber was ich da mache, lässt meine Teilnehmer oft schon nach dem ersten Kurs eine andere Sichtweise bekommen. Ich zeige ihnen die Risiken, aber auch die Möglichkeiten auf. Ich zeige ihnen, dass es in der Szene um Respekt geht und das sich dieser Respekt auch in allen anderen Lebensschichten fortführt. Ich lasse sie nicht alleine, ich setze mich mit ihnen auseinander. Ich gebe ihnen eine Sprühdose, eine Fläche und sage ihnen, sie sollen mal “Druck ablassen“. Es hilft ihnen - wenn auch nicht allen - wenn auch nur einem einzigen, aber diesen einen habe ich dann erreicht und ihn eben nicht von vornherein abgewiesen. Graffiti ist soviel mehr. Es ist nicht nur der besprühte Zug oder die bemalte Wand, es ist für viele eine Lösung und ein Ventil.

Im Allgemeinen wird für mich im Bereich Jugendarbeit viel zu wenig gemacht und oft scheitert es an der Antragsstellung auf Zuschüsse und der dahinter stehenden Bürokratie. Es ist oft ein harter Weg, Projekte ans Laufen zu bekommen.

Hast Du unter all deinen Werken ein Lieblings-Bild?

Ich sprühe jetzt seit zwanzig Jahren und habe ein paar Lieblingsbilder. Aber meist ist es auch nur ein Foto, hinter dem sich eine schöne Geschichte verbirgt, tolle Menschen, die ich getroffen habe oder eine tolle Zeit, die ich dort hatte. Dann steht das gesprühte Bild nicht unbedingt im Vordergrund, sondern eher die Geschichte dahinter.


Weitere Infos:
Website: spruehflaschendunst.de
Facebook Page: Semor the mad one


Fotostrecke Kai Semor Niederhausen Januar 2014 (11 Fotos)


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