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Nachricht vom 23.03.2014    

Zeitzeugin Edith Erbrich zu Gast an der IGS Hamm/Sieg

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus des DGBs fanden zahlreiche Veranstaltung im Kreis Altenkirchen statt. Darunter auch die Begegnung mit Schülerinnen und Schülern der IGS Hamm und Zeitzeugin Edith Erbrich, die als Kind das KZ Theresienstadt überlebte. Eine bewegende Schulstunde für die Jugendlichen.

Gebannt und bewegt hörten Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 12 Edith Erbrich zu, als sie von ihrer Kindheit unter der Nazi-Herrschaft erzählte.

Hamm. Im Raum herrschte völlige Stille, als Edith Erbrich 39 Schülerinnen und Schülern der Integrierten Gesamtschule Hamm/Sieg von ihren Kindheitserlebnissen unter der Nazi-Herrschaft berichtete. Als Tochter einer katholischen Mutter und eines jüdischen Vaters war sie dem täglichen Terror des nationalsozialistischen Regimes ausgesetzt, wurde gemeinsam mit Schwester und Vater ins KZ Theresienstadt deportiert und wurde nach mehreren Monaten in Gefangenschaft im Mai 1945 befreit.

Heute ist es der 76-Jährigen ein wichtiges Anliegen, die Menschen für das Geschehene zu sensibilisieren und die Erinnerung daran wachzuhalten, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Sie fährt mit Jugendgruppen nach Theresienstadt und besucht Schulen in ganz Deutschland. Dabei ist ihre Motivation keine geringe: Sie tut es „für die, die es nicht mehr können, die einen sinnlosen Tod gestorben sind“.
Für den zweiten stellvertretenden Schulleiter Thomas Finkeldey-Schmacke war diese generationenübergreifende Möglichkeit zum Gespräch eine wichtige Sache. In Zusammenarbeit mit Sebastian Hebeisen vom DGB Koblenz organisierte er den Besuch von Edith Erbrich an der IGS Hamm/Sieg, die seit 2002 den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ trägt.

Obwohl Hunger, Angst und Heimweh oft ihre Kindheit prägten, ist Edith Erbrich nicht verbittert: „Ich werde oft gefragt, ob ich hasse. Ich hasse nicht.“ Ihre den Menschen zugewandte Art wurde deutlich, noch bevor sie anfing zu berichten, wie sie als kleines Kind die Bombenangriffe auf ihre Heimatstadt Frankfurt erlebte und überlebte, wie das Wohnhaus der Familie in der Ostendstraße zerstört wurde, wie sie unter den Demütigungen und Verboten, die auf der jüdischen Bevölkerung lasteten, litt.
Edith Ebrich benutzte schlichte Worte, die vielleicht gerade durch ihre Klarheit und Einfachheit die Schülerinnen und Schüler bannten und bewegten, indem sie das Geschehene für sich selbst sprechen ließ.

Am 18. Februar 1945 wurde die Familie getrennt. Edith musste sich gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater in der Großmarkthalle, dem Frankfurter Güterbahnhof, einfinden. Wohin sie gebracht werden sollten, wussten sie nicht. Edith Erbrich erinnerte sich noch genau an den Weg dorthin, wie sie über ihre eigenen Füße stolperte, weil sie sich das Gesicht ihrer Mutter noch einmal genau ansah, um es sich einzuprägen. Schließlich wurden die Türen des Viehwaggons verriegelt. Die Mutter musste allein zurückbleiben. Sie erzählte zudem, dass es ihrem Vater auf irgendeinem Weg gelungen war, Postkarten in den Zug zu schmuggeln und sie unterwegs aus dem Zug zu werfen. Alle Nachrichten erreichten die Mutter in Frankfurt.
Mit sanfter Bewunderung und Dankbarkeit sprach Edith Erbrich von ihren „stillen Helden“, die die Postkarten gefunden und versandt haben müssen. Nach mehreren Tagen kam der Zug in Prag zum Halt, dort wurde Edith Erbrich von ihrem Vater getrennt und lebte von nun an in ständiger Angst vor einer Trennung von ihrer Schwester, vor der sie drei Wochen nach ihrer Ankunft in Theresienstadt nicht verschont blieb. Ständige Kontrollen, Schikanen, Hunger und Heimweh quälten das Mädchen während ihrer Zeit im Konzentrationslager.



Nach der Befreiung Theresienstadts Anfang Mai 1945 dauerte es noch einen weiteren Monat, bevor die Familie ihre Papiere erhielt, um die beschwerliche Rückreise zu Fuß, mit dem Leiterwagen oder dem Zug antreten zu können. Dass viele ihnen bei der Rückreise geholfen haben, obwohl sie mittellos waren, erinnerte Edith Erbrich genauso wie die Ankunft und das Wiedersehen mit der Mutter in Frankfurt. Nachdem die Familie eine Wohnung erhalten hatte, sollte Edith zur Schule gehen, sie wollte aber nicht, denn sie hatte Angst, dass ihr dort das Gleiche wie in der Schule in Theresienstadt widerfahren könnte.

Doch Edith Erbrich hatte Glück, sie bekam eine „tolle Lehrerin“, wie sie selbst sagte. Diese Lehrerin lobte sie für das, was sie erarbeitet hatte, auch wenn sie anfangs nicht wie die anderen den ganzen Vormittag auf der Schulbank saß. Auf diese Weise wurde Ediths Ehrgeiz geweckt, so dass es ihr bereits nach wenigen Wochen möglich war, ganz normal am Schulalltag teilzunehmen und später den Schulabschluss zu erreichen.

Zunächst sprachlos von den bewegenden Worten Edith Erbrichs folgten die aufmerksamen Zuhörer doch ihrem offenen Angebot: „Sie können mich alles fragen.“ Auf die Frage einer Schülerin, ob sie nach dem Erlebten nicht traumatisiert gewesen und wie sie darüber hinweggekommen sei, antwortete Erbrich, dass ihre Eltern nach dem Krieg nicht mehr über die Erlebnisse der Kriegszeit sprachen. „Kind, lass es ruhen“, waren die Worte des Vaters. Ediths Eltern sorgten aber dafür, mit ihren Kindern wieder ein normales Leben führen zu können. In ihrer Schwester fand sie hingegen stets jemanden, mit dem sie sich über die Ereignisse in ihrer Kindheit austauschen konnte. „Man braucht schon Stärke, um das zu bewältigen; manche haben das nicht geschafft.“

Am Ende des Gesprächs kamen einzelne Schülerinnen und Schüler auch persönlich auf Edith Erbrich zu, um ihr zu danken, dass sie ein Stück ihrer Lebensgeschichte mit ihnen teilte, damit es nicht vergessen werde. Das Zeitzeugengespräch war allen anwesenden Mädchen und Jungen ein besonderes Anliegen, denn jeder Einzelne hatte sich vorab schriftlich beworben, indem er seine Beweggründe für die Teilnahme niederschrieb. Eine tolle Idee, wie Edith Erbrich findet, die sie auch an andere Schulen weitergeben will. (Text/Foto: Diana Hedwig)


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