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Nachricht vom 09.10.2014    

Helfende Hände schlägt man nicht

Immer häufiger werden Feuerwehr- und Rettungskräfte bei ihren Einsätzen beleidigt, beschimpft oder sogar angegriffen. In diesen Momenten ist es wichtig, so zu reagieren, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Doch wie geht das?

Realitätsnah trainierten die Teilnehmer des Deeskalationsseminars Verhaltensweisen und Kommunikation in kritischen Situationen. Trainer Mike Stark in der Rolle des Verletzten. Foto: Veranstalter

Region. „Ich hab keine Wunde. Mir geht’s prima“, bekräftigt der Mann, der mehr lallend als sprechend „doch nur in Ruhe sein Bier trinken“ will. Die zwei Sanitäter, die zur Versorgung seiner blutenden Kopfwunde auf den Bahnsteig geeilt sind, sehen das anders. Beruhigend sprechen sie auf den Betrunkenen ein. Doch der bleibt misstrauisch. „Der mit dem Helm macht mir Angst“, stammelt er, die Bierflasche in der Hand wedelnd. Nur von der weiblichen Sanitäterin will der Verletzte sich versorgen lassen. Das Helferduo geht auf ihn ein. Mit Erfolg: Der Mann beruhigt sich und lässt sich am Ende ins Krankenhaus fahren. Situation gemeistert, Auftrag erfüllt – nur real war das alles nicht. Vielmehr war die Episode eine praktische Übung im Rahmen des mehrtägigen Lehrgangs „Eigensicherung – Helfende Hände schlägt man nicht“, den die Unfallkasse Rheinland-Pfalz zusammen mit dem Landesfeuerwehrverband, der Feuerwehr- und Katastrophenschutzschule und der Unfallkasse Saarland in Koblenz veranstaltete.

Der Hintergrund ist ernst: Immer häufiger werden Feuerwehr- und Rettungskräfte bei ihren Einsätzen beleidigt, beschimpft oder sogar angegriffen. In diesen Momenten ist es wichtig, so zu reagieren, dass die Situation nicht weiter eskaliert. Doch wie geht das? Die Schulung auf dem Gelände der Feuerwehr- und Katastrophenschutzschule Rheinland-Pfalz in Koblenz hatte zum Ziel, Multiplikatoren auszubilden, die die Einsatzkräfte in ihren jeweiligen Einheiten mit einem gewissen „Handwerkszeug“ auf zwischenmenschlich brenzlige Situationen vorbereiten. Die Schule bot ideale Voraussetzungen, um 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Feuerwehr, Arbeiter-Samariter-Bund, Deutsches Rotes Kreuz sowie Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft im Pilotlehrgang zu unterrichten. Das viertägige Programm beinhaltete neben Kommunikations- und Verhaltenstraining auch psychologische und rechtliche Fragen.

Einer Studie der Unfallkasse Nordrhein-Westfalen zufolge haben 98 Prozent der Rettungskräfte bereits verbale Gewalt erlebt, 59 Prozent waren schon mindestens einem aggressivem Übergriff ausgesetzt. Die Rettungskräfte fühlen sich nur unzureichend darauf vorbereitet, sind mit der Situation oft überfordert und wünschen sich gezieltere Angebote in der Aus- und Weiterbildung. Zwar gibt es in Rheinland-Pfalz keine entsprechende Erhebung, doch die Erfahrungen sind auch hier ähnlich. „Es entwickelt sich weiter negativ“, sagt Frank Hachemer, Präsident des Landesfeuerwehrverbands Rheinland-Pfalz. Die steigende Aggression gegenüber den Helferinnen und Helfern sei eine große Herausforderung. „Und die wird angenommen – interaktionär und interdisziplinär“, so Hachemer weiter.

Nach einer langen Vorbereitungsphase holt das Pilotprojekt nun viele mit in ein Boot: Unfallkasse, Feuerwehr und Rettungsdienste arbeiten zusammen, um Multiplikatoren auszubilden, die ihrerseits an die „Basis“ gehen, um die Rettungskräfte für das Thema zu sensibilisieren. Bei den Schulungsteilnehmern des Pilotlehrgangs selbst reichte die Gewalterfahrung vom Hundebiss bis zur Messerbedrohung. „Die Abläufe in einer Bedrohungssituation sind eigentlich immer gleich: Einer entscheidet, dass Sie Opfer werden“, erklärt Sven-Ole Schlüter. Der Polizeibeamte ist im Nebenberuf Trainer und Mediator. Wichtig sei es, überhaupt zu erkennen, dass man sich in einer Bedrohungssituation befindet und sich entsprechend positioniert – vor allem über die Körpersprache. „Denn es wird zu circa 70 Prozent körpersprachlich kommuniziert“, weiß Schlüter.

Entscheidend ist aber auch, wie und was gesagt wird. Wenn das Gegenüber die Nerven zu verlieren droht oder bereits verloren hat, gilt es umso mehr, selbst ruhig zu bleiben und emphatisch zu kommunizieren, anstatt auch auf Konfrontationskurs zu gehen. Aktives Zuhören, besänftigen, die Worte auch in Hochstressphasen mit Bedacht wählen, dabei ständig die Situation neu bewerten: Das verlangt eine Menge ab. Gleichzeitig gilt es, sich der Gefahr immer bewusst zu bleiben, denn in bestimmten Situationen kann selbst ein Kugelschreiber zur Waffe werden.

Umfassend wurden die Lehrgangsteilnehmer mit den vielen Facetten des Themas vertraut gemacht, praktische Fallübungen und Situationstraining wechselten sich dabei mit den theoretischen Lehrgangsteilen ab. Über den „Stress im Einsatz“ und den „Notfallkoffer Einsatznachbereitung“ etwa referierte die Polizeipsychologin Antje Wels, aber auch Themen wie die „Grundlagen der Selbstverteidigung“ und die „Grenzen des Pfefferspray-Einsatzes“ standen auf dem Programm.



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