Werbung

Kultur |


Nachricht vom 01.11.2008    

Gedanken zu Halloween und St. Martin

Halloween mehrt seit Jahren seinen Anspruch, auch als eine Festlichkeit der Deutschen zu gelten. Mehr und mehr findet dieses Fest Einzug in den Kalender der hier lebenden Menschen - und dies, obwohl es keinerlei Tradition gibt, auf die sich dieses Fest stützen könnte. Eine andere Festlichkeit schwindet währenddessen, wird verstärkt ausgehöhlt oder einfach verworfen - der Martinstag. Dass ein Fest obsiegt, während ein anderes ins Hintertreffen gerät, ist natürlich kein einzigartiges Phänomen, zumal die beiden erwähnten Festtage zeitlich eng zusammenfallen. Und wenn man bedenkt, dass es beispielsweise im Ingolstädter Raum Kindergärten geben soll, die ganz basisdemokratisch die Kinderchen fragen, ob sie denn lieber dem heiligen Martin huldigen oder um einen Kürbis tanzen wollen, dann braucht man sich auch nicht mehr wundern, dass der Martinstag langsam aber sicher zum Relikt anderer, vergangener Tage wird.

halloween kürbis

Region. Welche Wahl man den Kindern lässt ist einfach zu erläutern - es ist die Entscheidung zwischen Maskenball und Unmengen von Süßigkeiten oder Laternenbasteln und singendes Wandern durch einen kalten Novemberabend. Man könnte es auch philosophischer zur Auswahl bereiten: Es ist der Widerstreit zwischen plumpen Materialismus und zwischen-menschlichem Idealismus. Oder wenn wir die Terminologie Erich Fromms heranziehen: Eine Auseinandersetzung zwischen der Charakterstruktur des Habens und des Seins. Dass der kindliche Egoismus, der in dieser Phase des Lebens freilich notwendig ist, sich für das Haben entscheiden wird, d.h. für Süßigkeiten und Freude durch Verkleidung, ist nicht weiter verwunderlich. Die Kritiklosigkeit der Eltern und Erzieher zeichnet aber ein treffendes Gemälde dieser Gesellschaft.

Stellen wir die beiden Festlichkeiten einmal gegenüber: Auf der einen Seite haben wir als Grundlage das Teilen, das Abgeben, das Entbehren. Martin teilt seinen Mantel mit einem Frierenden; er teilt, weil er seinen Nächsten nicht in den Kältetod entschlummert wissen will. Er klammert sich nicht an seinen Besitz, sondern gibt ab, lässt teilhaben an seiner Besserstellung. Stattdessen auf der anderen Seite: Man überrumpelt einen Menschen, klingelt bei ihm, lässt ihn wissen, dass er nun Süßes rauszurücken habe - tut er dies aber nicht, darf er mit Saurem rechnen. Dabei wird nicht gefragt, ob die Person, die man gerade mit Erpressung nötigt, überhaupt die Mittel zum Abgeben hat. Während Martin nicht fragt, was der Obdachlose für ihn tun kann, falls er ihm ein Stück seines Mantels reicht, wollen die kindlichen Rabauken bezahlt sein, wollen eine Gegenleistung dafür, friedvoll zu bleiben, wollen “Schutzgeld” in ihrem Beutel sehen. Bei Martin lernen die Kinder Selbstlosigkeit, an Halloween das “Prinzip der Gegenleistung”; Martin lehrt Rücksichtnahme, “der Kürbis” Ansichnahme. Während Martin alleine mit seiner praktizierten Mitmenschlichkeit steht, er einer jener seltenen Menschen ist, die nicht blind am Notleidenden vorbeigehen, treten die kindlichen Erpresser in der Gruppe auf, sind durch ebendiese stark genug, um rücksichtslos und ignorant loszuschlagen - hier Stärke im Alleinsein, dort Stärke durch entfesselte Gruppendynamik.

Die Halloween-Praktik passt in unsere Zeit, in unsere Gesellschaft wie die Faust aufs Auge. Während wir den Kindern einmal im Jahr einen solchen zügellosen Freiraum lassen, scheint in der Welt der Erwachsenen der Halloween-Geist losgebrochen zu sein. Es ist eben nicht nur der kindliche Egoismus, der mehr Freude an Halloween als am Martinstag entstehen läßt, sondern auch die Tatsache, dass ersteres Fest einfach besser ins Hier und Jetzt passt. “Süßes oder Saueres!” könnte auch “Lohnkürzung oder Arbeitsplatzabbau!” heißen; oder “Integration oder Ausweisung!”; oder in ganz misanthropischer Form “Arbeit oder Hunger!”; und in weltpolitische Formel gegossen: “Erdöl oder Krieg!”. Dies sind die üblichen Erpressungsverhältnisse, die man dann mit Sachzwängen abstrakt rechtfertigen will. An Halloween legt man das Fundament einer solchen Weltsicht - nur im Kleinen freilich, nur begrenzt und mit kindlicher Naivität gewürzt, aber doch in einer solchen Weise, dass auch den Kindern klar wird, dass man mit Erpressung und unfreundlicher Miene, grußlosem Verhalten, dreisten Sprüchen etc. zum materiellen Erfolg kommt. Verziehung die man als Erziehung tituliert!
Im Gegenlicht steht da dann der Heilige Martin - wenn man ihn überhaupt noch zur Kenntnis nimmt -, der abgibt und am Ende mit weniger dasteht als ursprünglich. Aber, und das unterschlägt die materielle Gesinnung gerne, an diesem Weniger nicht leidet, sondern bereichert ist, weil er die Bande des Miteinander geknüpft hat, weil sein Teilen ein Akt nicht nur des Gebens war, sondern auch ein solcher des Entgegennehmens - die Hilfe ist für Martin nicht nur ein Akt des Weggebens, sondern ein Zustand der angenommenen Mitmenschlichkeit.



Das Schwinden des Martinstag zugunsten von Halloween ist sicherlich keine isolierte Erscheinung, sondern geht Hand in Hand mit der geistig-moralischen Umstrukturierung unserer Tage, in denen Nehmen seliger denn Geben ist. Wir zeigen unseren Kindern sowieso schon viel zu häufig, dass nur das Materielle von Bedeutung ist, man sich vor allem am Haben zu orientieren habe. Der Sozialarbeiter ist nichts, aber der Rechtsanwalt alles - solche Einteilungen lehren wir schon unsere Kinder. Und an Halloween zeigen wir ihnen, wie man es zu was bringt in dieser Welt, während es der Heilige Martin, dieser armselige Trottel, zu nichts gebracht hat, weil er aus seinem Mantel nicht zwei oder drei machen konnte, sondern diesen auch noch halbierte.

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente vom Blog ad sinistram.
Foto: Maria Lanznaster/pixelio



Kommentare zu: Gedanken zu Halloween und St. Martin

Es sind bisher keine Kommentare vorhanden

Anmeldung zum AK-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Kreis Altenkirchen.

Beliebte Artikel beim AK-Kurier


Krankenhaus Kirchen: Lockerungen bei Patientenbesuchen

Aufgrund des derzeit geringen Infektionsgeschehens hat sich das DRK-Krankenhaus Kirchen dazu entschieden, ab sofort jedem Patienten die Möglichkeit zu eröffnen, Besucher zu empfangen. Der Zeiten sind allerdings limitiert. Das muss außerdem beachtet werden.


Goldene Ehrennadel des FV Rheinland an Karl-Heinz Klöckner verliehen

Seit Jahrzehnten gibt es beim SV Molzhain einen Rackerer und gleichzeitig Stimmungsmacher: Karl-Heinz “Heino“ Klöckner. Wer in Molzhain nach Karl-Heinz Klöckner fragt, erntet oft fragende Blicke. „Heino“ aber kennt jeder.


Abfallentsorgung könnte von 2022 an „merklich“ teurer werden

Die Einwohner des Kreises Altenkirchen können sich, was die Abfallentsorgungsgebühren betrifft, seit vielen Jahren fast wie auf einer Insel der Glückseligen fühlen. Im Vergleich zu anderen Regionen der Republik müssen sie deutlich weniger für die so eminent wichtigen Leistungen zahlen. Das könnte sich mit dem Start ins Jahr 2022 ändern.


Corona im AK-Land: Inzidenz nähert sich dem Nullpunkt

Zwei festgestellte Neuinfektionen meldet das Kreisgesundheitsamt am Mittwoch: Die Sieben-Tage-Inzidenz nähert sich damit dem Nullpunkt: Sie liegt für den Kreis laut Landesuntersuchungsamt Koblenz bei 3,9, für das Land bei 7,3.


Verbandsgemeinde Kirchen: Hundhausen als Bürgermeister eingeführt

Am 6. Juni war Andreas Hundhausen klar als Bürgermeister der Verbandsgemeinde Kirchen gewählt worden. Sein Vorgänger, Maik Köhler, war im Februar verstorben. Dieser Verlust zog sich wie ein roter Faden durch die Reden der Amtseinführung von Hundhausen. Dieser würdigte ebenfalls die Leistungen Köhlers und gab gleichzeitig einen Ausblick auf die kommenden Herausforderungen.




Aktuelle Artikel aus Kultur


Wissen: Gröners Kunstwerk „Niemals wieder“ - aktueller denn je

Wissen. Anlässlich der Enthüllung und Einweihung des Kunstwerks „Niemals wieder“ von Gerhard Gröner trafen sich neben dem ...

Kirmes Birken-Honigsessen vor über 80 Jahren

Region. Die Birken-Honigsessener feierten vor etwa 80 Jahren, als diese Aufnahmen entstanden, ihre Kirmes auch Kirchweih ...

„In Vogue“ – Beitrag der Literaturwerkstatt Altenkirchen

Modebewusste Ladies und Gentleman setzen dabei natürlich nach wie vor auf etablierte Marken wie Esprit oder Nike. Und ja, ...

Rick Coleman Trio eröffnet den Open Air Sommer auf der Glockenspitze

Altenkirchen. Der New Yorker Rick Coleman fasziniert das Publikum auf der ganzen Welt mit seiner einzigartigen Art des Klavierspiels ...

"Der Grüffelo" kommt nach Altenkirchen - Kuriere verlosen Karten

Altenkirchen. "Der Grüffelo" stammt aus dem beliebten Kinderbuch von Axel Scheffler und Julia Donaldson. Weltweit wurde die ...

Partyband California: „Dat janze Johr is Karneval!“

Hanroth. Im Februar dieses Jahrs kam die Idee auf eine Karnevals-CD zu produzieren. Das Projekt führte dann zu einer Doppel-CD ...

Weitere Artikel


Mit "Gas" in die Böschung

Altenkirchen. Ein 26-jähriger Verkehrsteilnehmer beabsichtigte nach ausgiebigem Alkoholkonsum und plötzlich auftretendem ...

Mit "Urlaubsmünzen" helfen

Altenkirchen. "Mit Urlaubsmünzen helfen" ist eine Aktion der Evangelischen Kirche im Rheinland, die behinderte Menschen ...

Horhausen: Küche in Flammen

Horhausen. Das war keine Übung oder ein Testlauf der Einsatzleitstelle Montabaur, das war ein echter Brandfall. Sonntagmittag, ...

Wer macht mit beim AK "Ehrenamt"?

Wissen. Um die Einrichtung des Arbeitskreises "Ehrenamt" geht es in einem Aufruf des Bürgermeisters der Verbandsgemeinde ...

Erinnern an Juden-Schicksale

Betzdorf. Am 9. November bietet der Verein Betzdorfer Geschichte (BGV) um 17.30 Uhr ab der Stadthalle einen kurzen Stadtrundgang ...

An der Christus-Kirche randaliert

Altenkirchen. Am Reformationstag, 31. Oktober, gegen 22.10 Uhr randalierten vermutlich Jugendliche an der Christuskirche ...

Werbung