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Nachricht vom 13.12.2015    

Ein Abend voller Poesie im „forum 26“

Einen Abend voller Poesie versprach Rezitator Thomas Wunder den Zuhörern im ausverkauften „forum 26“ in Altenkirchen. Damit hatte er nicht zu viel versprochen: Unterstützt von seinem kongenialen Partner, dem Gitarristen Andreas Ludwig, bot er mit ihrer Lieblings-Gedichte-Auswahl eine „Achterbahnfahrt der Emotionen“, die dem Publikum einen intensiven Lyrikgenuss bot.

Einen Abend voller Poesie mit Rezitator Thomas Wunder und dem Gitarristen Andreas Ludwig. Fotos: Wolfgang Tischler

Altenkirchen. Das Duo hat bereits eine umfangreiche Fangemeinde, die sich auf jedes „Wohnzimmerkonzert“ freut, denn die Literatur- und Lyrikexperten verstehen es meisterhaft, alte und neue Texte ergreifend zu vermitteln. Wunder mit Schauspieltalent und Authentizität, Ludwig mit Sensibilität und Musikalität. Die Raumgröße erlaubt Vorträge ohne Mikrophon und Verstärker und erzeugt so eine intime familiär Atmosphäre.

„Sei dennoch unverzagt…“ schmetterte zu Beginn Thomas Wunder mit sonorer Stimme. Das frühbarocke Gedicht „An sich selbst“ des Dichters und Arztes Paul Fleming bleibt ewig gültig. Poesie sei das Spiel des Lebens, betonte Wunder. Es gibt traurige, heitere, nachdenkliche, tragische und lustige Gedichte, von denen sich die meisten mit dem Thema Liebe beschäftigen. Liebe war auch der Titel der ersten Programmhälfte mit Rainer Maria Rilke, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz und seiner Lieblingsfigur „Kuttel Daddeldu“. Das Gedicht „Ein Nagel saß in einem Stück Holz“ von Ringelnatz geht gut aus, denn es endet in der bekannten Zeile „Ja, alte Liebe rostet nicht“.

Andreas Ludwig wählte zwei Texte aus, die sehr komplexe Meditationen darstellen zur Selbstfindung durch Liebe (Die Schwalbe) und die Liebe zwischen Sohn und Mutter am Totenbett der Mutter zum Ausdruck gebracht: „Tanz, mein Mütterchen, tanz!“.

Stimmungswechsel brachten Erich Kästners desillusionierendes Gedicht „Sachliche Romanze“ und die intensiv-sensible Lyrik der erst 18-jährigen Selma Meerbaum-Eisinger, die 1941 kurz vor ihrem Fleckfiebertod im Zwangsarbeitslager über ihre „Träume“ schrieb. Dagegen waren die Gefühle eines Berliner Hausmädchens, von Mascha Kaleko berlinerisch gedichtet und Thomas Wunder mit Berliner Schnauze vorgetragen, sehr pragmatisch: „Eine Schwalbe macht noch keinen – wie bitte?... Eene Schwalbe macht eenen Sommer! Eene Rose macht eenen Mai!“ Ebenso im Berliner Dialekt rezitierte er Kurt Tucholskys real-philosophisches Gedicht „Danach“.

Eine vor vielen Jahren selbst geschriebene Kurzgeschichte, die das emotionsgeladene ambivalente Suchen und Finden, Streiten und Versöhnen eines jungen Paares beschreibt, betitelte Wunder treffend „Ein Dornbusch voller Blüten“.

Eine Zeitreise in das Jahr 1462 nach Paris zu Wunders Lieblingsdichter Francois Villon und dessen sensibler und selbstironischer Ballade von der süßen aber treulosen Cylaea bildete den Schlusspunkt des ersten Programmteils.



„Was ist die Welt und ihr berühmtes Glänzen? Was ist die Welt und ihre ganze Pracht?“ grübelte der schlesische Barockdichter Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau. Das „Infotainment“ war früher nicht anders als heute, daher appellierte Kurt Tucholsky an das Publikum: „O hochverehrtes Publikum, sag mal: Bist du wirklich so dumm, wie uns das an allen Tagen alle Unternehmer sagen? … Ja, dann verdienst du’s nicht besser!“

Die Schleswig-Holsteiner Autoren Friedrich Hebbel und Detlev Liliencron waren scharfe Beobachter der Zeitläufte und begnadete Aphoristiker, was in den rezitierten metaphorischen Gedichten deutlich wurde. Hermann Hesse fasste in seinen „Stufen“ das Leben als permanente Fortbildung auf: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der und hilft, zu leben…. Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Hesse, der mit Depressionen zu kämpfen hatte, neigte zu quälender Selbstanalyse, so fragte er sich, ob ein Klang eine Farbe haben kann. „Verlorener Klang“. Wunders Kommentar: „Schmalzig, aber ich liebe es!“

Erneuten Stimmungswechsel brachte ein von Andreas Ludwig verfasster Text über die Liebe und die Rolle der Weiblichkeit: „Oh, Maria, … Was haben sie aus dir gemacht?“ Das Nachdenken wurde fortgeführt mit Kurt Tucholskys Überlegungen zum déjà vu „Gefühle“.

Ein emotionales Auf und Ab brachten zwei gegensätzliche Weihnachtsgedichte in expressionistisch faszinierender Poesie von Georg Trakl. Ludwig intonierte dazu die Melodie „Stille Nacht…“ Nach Trakls Tragik brachten Berliner Musik und Ringelnatz Seemann Kuttel Daddeldu wieder eine heitere Note in die Lesung. Das Ende der poetischen Achterbahnfahrt bildete eine in einer Bolle-ähnliche Moritat von Fredy Sieg: „Zickenschulzes Hochzeit“, die untermalt wurde von einem Gitarrenduett der beiden Künstler.

Anhaltender Applaus motivierte Wunders Ansage: „Einen Nachtisch gibt’s noch: Ich will mich einmal ausziehen! – Eine Bettelballade für meinen armen toten Bruder Jean Cotard von Francois Villon“. Dazu passte der französische Rotwein im „forum 26“.
Das rasante Programm mit allen erdenklichen Emotionen - geboten von dem Künstlerpaar Thomas Wunder, Rezitator und Andreas Ludwig, Gitarrist – kreierte einen besonderen Erlebnisabend vor dem dritten Advent. Ein kulturelles Kleinod in Altenkirchen. (htv)


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