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Nachricht vom 09.03.2009    

Ungeschminkt: Gesichter der Armut

Armut im reichen Deutschland hat viele Gesichter. Die Ausstellung der Caritasstiftung des Erzbistums Köln zeigt 13 Schicksale, die von Armut und Ausgrenzung erzählen. Armut in der Nachbarschaft sehen und wahrnehmen, dazu will die Ausstellung aufrütteln und sensibilisieren.

Wissen. "Wenn nicht jetzt, wann dann" – dieses Lied von den "Höhnern" spielte ein junges Ensemble der Kreismusikschule zur Eröffnung der Ausstellung "Aus unserer Mitte – Armut in unserer Nachbarschaft". Besser hätte der Einstieg nicht sein können, denn das Thema Armut ist ein schwieriges Thema für eine Ausstellung. Die Caritasstiftung im Erzbistum Köln wagte es und schuf eine Wanderausstellung, die jetzt im St.-Antonius-Krankenhaus in Wissen zu sehen ist. Diese Ausstellung mit den Fotos realer Menschen aus Köln und Umgebung mit den Begleittexten dazu macht betroffen und fordert eindringlich zum Hinsehen auf. Sie ist angesichts hoher und wieder steigender Zahlen von Arbeitslosen und einer politisch gesetzten Grundsicherung von 351 Euro pro Monat wichtiger denn je.
Zur Ausstellungseröffnung begrüßte Christa Abts vom Caritasverband die Landtags-Abgeordneten Thorsten Wehner (SPD) und Dr. Peter Enders (CDU), Bürgermeister Michael Wagener, den 2. Beigeordneten des Kreises, Christopher Becher, und die Vertreter beider Kirchen.
Vom Diözesan Caritasverband war Dr. Helmut Loggen von Köln nach Wissen gekommen. Er warf zu Beginn einen Blick auf Köln und die Katastrophe, die in unmittelbarer Nachbarschaft des Caritasverbandes stattfand. "Es ist schrecklich, wir sind nur 100 Meter von der Einsturzstelle entfernt", berichtete Loggen.
"Armut ist immer noch unpopulär in Deutschland", sagte Loggen und nannte ein paar Zahlen. Danach leben etwa 13 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Die Zahlen aus dem Armutsbericht von 2005: 781 Euro für eine Einzelperson und 1460 Euro für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern liegen als monatliches Netto-Äquivalenzeinkommen dem Bericht zugrunde.
Neue Berechnungen ergaben, dass in Deutschland 2,5 Millionen Kinder Sozialhilfe erhalten. "In Köln ist das jedes vierte Kind", sagte Loggen. Was es heißt, in einem einkommensarmen Haushalt als zehnjähriges Kind aufzuwachsen, beschrieb Loggen. So erhält dieses Kind 211 Euro für Lebensmittel, Kleidung, Schuhe Gesundheitspflege, Bildung und Freizeit. Teilt man diese Summe nach den geltenden Regelsätzen, bleiben 2,59 Euro für alle Lebensmittel an einem Tag. Ein Mittagessen in der Schule kostet aber durchschnittlich 2,50 Euro , jedenfalls in Nordrhein-Westfalen. Eigentlich müssten einem Kind aber 3,90 Euro pro Tag für Ernährung zur Verfügung stehen. Dies hat die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ausgerechnet. Hinter diesen nackten Zahlen stehen Menschen und Schicksale.
Die Ausstellung gibt ihnen plötzlich ein Gesicht: Da spricht die neunjährige Ledita vom Wunsch, einmal ins Kino oder ins Schwimmbad zu gehen. Es ist ein Portraitfoto - das Kind schaut dem Betrachter in die Augen. Daneben ist das Bild des Mädchens im Boot auf dem Rhein - die Leere, die Traurigkeit und die Ausgrenzung werden fühlbar.
"Wir wollen keine Mitleidskampagne", stellte Loggen klar. Die Ausstellung will Sensibilität wecken und zum Hinschauen anregen, sie will über die Armut im reichen Deutschland berichten. Armut darf nicht länger totgeschwiegen werden. Jeder kann etwas tun, zumindestens hinschauen. "Es mag sein, dass in Deutschland eigentlich niemand verhungern muss, ganz klar aber ist, dass es hierzulande Menschen gibt, die in Armut leben und Not leiden. Diese Menschen sind ausgegrenzt und isoliert", führte Loggen aus. Der Staat sorge doch für alle und die Leute seien selbst an ihrem Elend schuld - auch dieser weitverbreiteten Meinung tritt die Ausstellung mit ihrem Katalog entgegen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall - und deshalb gibt es in Zusammenarbeit mit dem katholischen Bildungswerk Marienthal, dem Caritasverband, dem Krankenhaus und den Kirchen ein Begleitprogramm. Am Donnerstag, 12. März, um 15 Uhr, referiert Agnes Brück von der Beratungs- und Koordinierungsstelle (BeKo) Wissen/Hamm über Altersarmut. Am Samstag, 14. März, um 19 Uhr, gibt es einen Vortrag von Michaela Hofmann vom Diözesan-Caritasverband mit dem Titel "Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit". Am Montag, 16. März, um 20 Uhr, kommt Pfarrer Franz Meurer aus Köln-Vingst. Sein Thema: "Ohne Ort kein Glück". Am Donnerstag, 19. März, kommt Peter Pfeifer von der "Neuen Arbeit" Altenkirchen und gibt Energiespartipps. Am Freitag, 20. März, um 19 Uhr, spricht Pfarrer Marcus Tesch. Sein Thema: "Selig ihr Armen – wehe Euch, ihr Reichen!" Bis zum 29. März ist die Ausstellung in Wissen im St.-Antonius-Krankenhaus zu sehen.
Zur Ausstellungseröffnung gab es einen Vortrag von Sabine Ungeheuer vom Frauenhaus Limburg. Häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder, Gewalt in engen sozialen Beziehungen, sie wünschte sich deutlich mehr Medienpräsenz zu diesem Thema. Dies wird aber solange ein Wunsch bleiben, solange es keine Statistik der Polizeieinsätze zu diesem Thema gibt. Jede Unfallflucht auf einem Parkplatz taucht in den alljährlichen öffentlich zugänglichen Einsatzberichten auf, die Zahl der Einsätze zum Thema "Häusliche Gewalt" aber nicht.
Ungeheuer hatte die Arbeit des Frauenhauses vorgestellt, die Schutzfunktion, die Hilfe und Leistungen, die ins Konzept des Frauenhauses gehören. Dazu gab es auch Zahlen: So sind 25 Prozent aller leichten Körperverletzungen auf häusliche Gewalt zurückzuführen, 95 Prozent der Täter sind Männer. Nur ein Drittel aller Frauen rufen die Polizei zu Hilfe, deshalb gebe es in diesen Bereiche ein hohe Dunkelziffer. Fünf bis sieben Jahre verbringe ein Frau in einer Misshandlungssituation, bevor sie Hilfe suche. Häusliche Gewalt komme in allen sozialen Schichten vor, Arbeitslosigkeit sei nicht der Auslöser, aber sie verschärfe die Umbruchsituation in den Beziehungen. (Helga Wienand)
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Dr. Helmut Loggen vom Diözesan Caritasverband Köln, Christa Abts vom Caritasverband Altenkirchen und Sabine Ungeheuer vom Frauenhaus Limburg (von links) sprachen zur Ausstellungseröffnung. Fotos: Helga Wienand


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