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Nachricht vom 27.07.2016    

Digitale Dörfer: Ministerpräsidentin auf Stippvisite

Die Affäre rund um den Flughafen Hahn setzte auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer mächtig unter Druck. Erholung verspricht ihre Sommerreise, die sie jetzt nach Betzdorf führte. Eine Nachricht störte allerdings die harmonische Atmosphäre in der ökumenischen Stadtbücherei.

Von links: Projektleiter Steffen Hess erklärt Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Betzdorfs Bürgermeister Bernd Brato und Landesministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (alle SPD) das Projekt "Digitale Dörfer". Fotos: Daniel Pirker

Betzdorf. Von einem „"extremst anstrengenden Jahr“ sprach Malu Dreyer im Sommerinterview des SWR noch vor kaum zehn Tagen. Keine zwei Wochen sind vergangen seit sich die Ministerpräsidentin aufgrund des geplatzten Hahn-Deals einem Misstrauensvotum im Landtag stellen musste. Die Monate davor dürften kaum erholsamer gewesen sein für die Regierungschefin angesichts eines kräftezehrenden Wahlkampfs und der Flüchtlingskrise. Und nun hat sich Dreyer auf Sommerreise begeben. 14 Stationen in Rheinland-Pfalz steuert sie an. Wo die meisten also einen kühlen Cocktail am Strand einer Tour durch das Bundesland vorziehen würden, macht Dreyer genau das Gegenteil: Sie arbeitet. Wobei die Besucher ihrer jüngsten Station in Betzdorf dieser Beschreibung sicher nicht zustimmen würden.

Denn Dreyer ist in ihrem Element: Sie schüttelt herzlich die Hände, allen voran der Kommunalpolitiker, die der Ministerpräsidentin ihre Aufwartung machen; sie zeigt sich empathisch und verteilt Komplimente ohne selbst allzu konkret in eigenen Ausführungen zu werden; kurz: sie macht Urlaub von Oppositionschefin Julia Klöckner (CDU) und dem harten Regierungsalltag in Mainz. Und letztlich profitieren alle Beteiligten bei dieser Inszenierung in der Betzdorfer Stadtbücherei: Die Einrichtung selbst, deren Arbeit öffentliche Würdigung erfährt; die Beliebtheitswerte Dreyers; Betzdorfs Bürgermeister Bernd Brato, der im September wiedergewählt werden will; die Verantwortlichen des Projekts „Digitale Dörfer“.

Live führt Steffen Hess vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern vor, wie das Projekt bisher umgesetzt wurde. Innerhalb der Verbandsgemeinde Betzdorf wurden Teile des Einzelhandels-Angebot gebündelt und online verfügbar gemacht. Dies wird zentral über eine App gesteuert: Waren können bei teilnehmenden Einzelhändlern geordert werden. Durch ehrenamtliche Helfer werden die Bestellungen dann nach Hause oder an eine Paketstation geliefert. Im Falle der Vorführung erhielt Dreyer ein Paket, das vor Ort von einer „Kurierin“ der Verwaltung in einer Packstation abgegeben worden war.

Projektleiter Hess stellte „Digitale Dörfer“ prägnant vor und verwies darauf, dass bisherige Rückmeldungen ergeben hätten, dass die Beteiligten ihre Pakete lieber nachhause zugestellt bekommen. Eine weitere Erkenntnis der Testphase: Nicht wie ursprünglich geplant sind es die Nachbarn, die Päckchen aus den Läden ehrenamtlich abholen und zustellen, wenn sie dort eh vorbeifahren – sondern Freiwillige, die nicht zwingend zufällig unterwegs sind. Wie umfangreich die Beteiligten das Projekt „getestet“ haben, davon berichtete Bernd Brato. Manch einer hätte sich etwa für den Sonntagmorgen ganze Frühstückspakete anliefern lassen. Für den Bürgermeister steht neben den technischen Möglichkeiten auch die Förderung der Kommunikation unter den Bürgern im Vordergrund der Projektidee, kurz „das Zwischenmenschliche“, wie er in seiner Einführungsrede herausstellte.

Hieran knüpfte die Ministerpräsidentin im Anschluss an. Sie betonte den demografischen Aspekts der Digitalisierung für das ländlich geprägte Rheinland-Pfalz. Einerseits gehe ihr es darum, „gutes Leben im Alter zu ermöglichen“, andererseits sieht sie im digitalen Wandel die Chance, Regionen für Jüngere attraktiv zu halten. So sei es beispielsweise dank Homeoffice nicht zwingend für einen Mitarbeiter der Finanzbranche erforderlich, in Frankfurt zu wohnen. Auch Betzdorf biete sich an – dank schneller Internetverbindung natürlich. Hier sei die die Verbandsgemeinde an der Sieg gut aufgestellt. So sei der Glasfaser-Ausbaustand mit am höchsten im ganzen Bundesland. Ein Zustand, den die Landesregierung für ganz Rheinland-Pfalz anstrebe.

Lob hatte Dreyer auch für das Konzept hinter der ökumenischen Stadtbücherei übrig. Deren Leiterin Angelika Klostermann revanchierte sich später mit Dank an der Landesregierung für eine Finanzspritze, die den Umzug und die Zusammenlegung der damals noch katholischen und evangelischen Büchereien half zu ermöglichen. Über 19.000 Medien verleihe das rund 30köpfige ehrenamtliche Team um sie jährlich, 60.000 Ausleihen verzeichne man – davon 20 Prozent über die „Onleihe“, die digitale Medien wie Ebooks zur Verfügung stellt. Die Einrichtung beteiligt sich ebenfalls an den „Digitalen Dörfer“. Ein großer Gewinn für die Bücherei, sagte Leiterin Klostermann. Sie rückte in dem Zusammenhang die dritte Phase des Projekts in den Vordergrund. Anfang Oktober geht es los. Dann werde auch die Größe des Händlerangebots entscheidend sein, erklärte Brato. Angedacht ist daneben eine Tausch-App, die Nachbarschaftshilfe fördern soll (Stichwort „digitale Dorfgemeinschaft“) sowie laut Projektleiter Hess ein Anreizsystem in Form von digitalen Talern.

Die harmonische Stippvisite der Ministerpräsidentin wurde nur durch eine Nachricht vom Kreisbeigeordneten Konrad Schwan (CDU) und den Einwurf eines Bürgers getrübt. Bekanntlich soll der Glasfaserausbau im Kreis Altenkirchen in den nächsten Jahren vorangetrieben werden, vor allem dank Fördermittel des Bundes und des Landes. Aber, so Schwan: „Jetzt klemmt es wegen den Bürokraten. Es muss irgendwo ganz gewaltig haken.“ Die „Bürokraten“ macht Schwan bei der Telekom und Bundesbehörden aus. Klärung erhofft sich der Beigeordnete von einem Besuch des Landeswirtschaftsministers nächste Woche. Und ein Gast aus den Sitzreihen konfrontierte die Ministerpräsidentin mit seiner langsamen Internetverbindung. Bürgermeister Brato erklärte das Problem schnell zum Sonderfall. Der Bürger wohnt nämlich in der Betzdorfer Glückaufstraße. Und die ist quasi abgeschnitten vom schnellen Netz, da sich „ein berühmter böser Nachbar“ (Brato), auf dessen Grundstück sich ein relevanter Verteilerkasten befindet, querstellt. Hier, so Brato, stoße auch die Macht eines Bürgermeisters an seine Grenzen. (ddp)


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Kommentare zu: Digitale Dörfer: Ministerpräsidentin auf Stippvisite

2 Kommentare
Die Idee der digitalen Dörfer ist ja nichts Neues. Herr Werner S. dürfte sich informiert haben. Ja, die Projekte scheitern in der Regel, weil sie nicht bis ins Detail und schon gar nicht innovativ durchgedacht sind. Es wird viel zu sehr auf das Ehrenamt vertraut. Doch das ist regelmäßig der Knackpunkt. Ich halte aus eigener Erfahrung nichts von der für wahr kostspieligen Idee.
#2 von Sigrid Peifer, am 31.07.2016 um 07:46 Uhr
Ich bin der Meinung, dass das aus Steuergeldern finanzierte Projekt Digitale Dörfer eine Fehlinvestition ist. Zudem halte ich es für unverschämt, dass Herr Brato einen einzigen Grundstückseigentümer als "bösen Nachbarn" verunglimpft und verschweigt, dass es schlicht und ergreifend nicht im Interesse der Telekom liegen dürfte, hier die Konkurrenz an deren Schaltkasten zu lassen. Von wegen "böser Nachbar"! Etwas mehr Zurückhaltung täte Herrn Brato gut.
#1 von Werner S., am 29.07.2016 um 07:10 Uhr

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