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Nachricht vom 04.11.2016    

Internetmedizin gegen den Ärztemangel?

Das AK-Land steuert auf eine Unterversorgung an Mediziniern zu. Kann der geplante Breitbandausbau hier ein Lösungsansatz sein? Dieser Frage widmeten sich nun Experten, die auch bereits gestartete Projekte vorstellten. Klar wurde: Neben Chancen hält der digitale Wandel Fallstricke bereit.

Professor Dr. Knut Kröger vom Helios Klinikum Krefeld warb neben weiteren Experten für die Chancen des digitalen Wandels für die medizinische Versorgung. Foto: Daniel Pirker

Altenkirchen. Wer krank ist, lässt sich von einem Arzt behandeln, in der Regel in einer Praxis oder im Krankenhaus. Doch wie lange wird es noch genügend Mediziner geben im ländlichen Raum, zu dem auch der Kreis Altenkirchen zählt? Wie ein Damoklesschwert schwebt diese Frage über Region. Die Politik hat das Problem längst erkannt. Es fanden diverse Veranstaltungen in der Vergangenheit statt, auch ein Expertenrat berät hierzu den Landrat. Einen neuen Aspekt fügte nun ein sogenanntes Gesundheitsgespräch im Kreishaus dem Thema hinzu, zu dem das Büro Rathausgespräche Mainz in Kooperation mit dem Landkreis Altenkirchen eingeladen hatte.

„Breitbandausbau als Chance“ lautete das Motto. Aber was hat der geplante Internetausbau mit der medizinischen Versorgung gemein? Antworten lieferten gleich mehrere Experten. Eine Erkenntnis: Durch neue Technik, möglich gemacht dank entsprechenden Breitbandraten, müsste der persönliche Arztkontakt nicht mehr zwingend sein. Die Stichworte lauten Telemedizin oder E-Health. Keine Utopie, wie in den Vorträgen deutlich wurde. Dr. Hans-Jürgen Beckmann vom Ärztenetz Bünde konnte von einem Projekt berichten, das in Ostwestfalen moderne Technik mit der Gesundheitsversorgung verbindet. Ausgangspunkt war eine ähnliche Problemlage wie im AK-Land: So sei es schwierig, gerade jüngere Ärzte in die Region zu locken. Eine Herausforderung, die auch später in den Diskussionen noch ausführlich behandelt wurde: zu wenig Ärzte und Medizinstudenten für zu viele Ältere oder ein Wandel der Work-Life-Balance unter den Mediziner, zu denen immer mehr Frauen zählen, die sich auch um die Familie kümmern. Hinzu kommt, dass gerade größere Städte weit attraktiver auf die heutige Medizinergeneration wirken – ein Umstand, der generell für Fachkräfte gilt. Aber zurück zu Ostwestfalen. Beckmann erzählte von einem Kollegen, der 20 Kilometer fahren musste, nur um ein Pflaster aufzukleben. Salopp erzählt, aber das Problem auf den Punkt bringend. Muss ein Arzt zwingend immer beim Patienten sein? Nicht unbedingt, laut Beckmann.

Das Zauberwort lautet elektronische Visite. Seit Juni 2016 läuft in dem Wirkungskreis des Ärztenetzes Bünde ein Projekt, das die Chancen der modernen Technik nutzt. Ein Mini-EKD, so groß wie ein Kartenspiel, wird auf die Brust des Patienten gelegt und überträgt die Daten. Acht Sekunden später werden dem Arzt, der nicht vor Ort ist, die Kennwerte angezeigt. Doch das ist nicht die einzige Möglichkeit, die Telemedizin bietet, wie Beckmann weiter ausführte. So könnten dank Videoübertragung auch Routineüberprüfungen durchgeführt werden, beispielsweise bei schlecht heilenden Wunden, die regelmäßig kontrolliert werden müssen. Arztbesuche, so der Mediziner, würden durch solche „E-Visiten“ drastisch reduziert. Technische Probleme seien bis jetzt überschaubar gewesen. Die Daten werden per LTE-Netz übertragen, was in manchen Bereichen nicht immer zufriedenstellend funktioniere. Perspektivisch könnten solche Herausforderungen allerdings ausgeräumt werden.

Den grundsätzlichen Vorteilen und Fallstricken der Internetmedizin widmete sich Frank Stratmann vom Bundesverband Internetmedizin Hamburg. Sein Appell: Es sei ein unverkrampfter Umgang mit datenbasierter Medizin nötig – bei gleichzeitiger Berücksichtigung des Datenschutzes. Der Experte ging unter anderem auf selbstlernende kybernetische Systeme ein. Das medizinische Wissen werde nicht mehr alleine beim Arzt liegen, sein Verhältnis zum Patienten übermorgen ein anderes sein. Und generell sei die Branche einem stetigen Wandel unterworfen. Eine Veränderung, die sich bereits heute zeigt. So berichtete Stratmann von einer Audiotherapie, die Tinnitus mittels Smartphone behandelt.

Für eine positive Grundstimmung gegenüber den medizinischen Chancen des Internets wollte Professor Dr. Knut Kröger vom Helios Klinikum Krefeld in seinem knackigem Beitrag sorgen. Er, wie die anderen Experten, stießen bei den politischen Vertretern auf fruchtbaren Boden. Der Landtagsabgeordnete Dr. Peter Enders (CDU), selbst Arzt, begrüßte beispielsweise die Lösungsansätze. Das Geschilderte sei nötig und möglich. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Erwin Rüddel äußerte sich ähnlich und berief sich auf die Möglichkeiten des neuen E-Health-Gesetzes. Google und Co. seien heute schon wichtige Anlaufstelle für viele ratsuchende Patienten. Doch das Gesundheitssystem sei es, das hier die Lufthoheit gewinnen müsse. Und: Durch die digitale Vernetzung könnten Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Kreistag, Andreas Hundhausen, erinnerte daran, dass der Breitbandausbau nach jüngsten Entwicklungen noch länger auf sich warten lässt. Diese Wartezeit solle genutzt werden, um im AK-Land vorzuarbeiten. So wünscht sich der Sozialdemokrat, dass auf Ebene der Kreisverwaltung ein entsprechendes Pilotprojekt angesiedelt werde.
Die ehemalige Grünen-Landtagsabgeordnete und Kreistagsmitglied Anna Neuhof forderte einen Runden Tisch zum Thema. Der Kreisbeigordnete Günther Knautz, der den erkrankten Landrat Michael Lieber vertrat, erinnerte an das bereits bestehende Expertengremium. Dieses müsste um die Fortentwicklung der Internetmedizin ergänzt werden. Einig waren sich alle, dass die Sicherheit und der Schutz von Daten zwingend sei. Jedoch gab es auch kritische Töne auf der Veranstaltung. Ein Aspekt, dem niemand widersprach: Erst mit nachfolgenden Patientengenerationen, die weniger Vorbehalte gegenüber neuen Techniken haben, könnten sich die Chancen der Internetmedizin voll entfalten.

Der ärztliche Direktor des DRK-Krankenhauses Altenkirchen-Hachenburg, Dr. Peter Henn, stand den neuen technischen Möglichkeiten auch nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, erinnerte allerdings an die Kosten, die ein solcher Wandel mit sich bringe und wie schwierig es heute noch sei, die Datensysteme verschiedener Einrichtungen miteinander zu verbinden. Der Obmann der Kreisärzteschaft Dr. Michael Theis stellte sich ebenfalls nicht gegen die Möglichkeiten des digitalen Wandels. Zumindest grundsätzlich. So sei für ihn die E-Visite ein Traum, während in der Realität gehetzte Altenpflegerinnen in den Einrichtungen arbeiteten, die keine Zeit hätten, die Grundlagen der Telemedizin vor Ort zu schaffen. Zudem sei der persönliche Kontakt wichtig. Und generell: „Wir dürfen uns nicht blenden lassen.“

Daneben sieht Theis ein großes Risiko darin, viel Geld in Start-Ups zu „pumpen“, während eigentlich mehr Ärzte ausgebildet werden müssten. Referent Dr. Beckmann erwiderte, dass es nichts bringe, die Ausbildungszahlen hochzufahren: „Sie werden die Medizinstudenten in der Masse nicht finden.“ Und sich selbst als Arzt abschaffen, das wolle er ebenso nicht. Die neuen digitalen Möglichkeiten stellten aber sehr wohl eine Ergänzung dar.

Dr. Andreas Reingen, Vorsitzender des Vorstands der Sparkasse Westerwald-Sieg, übertrug in diesem Zusammenhang die Erfahrungen seiner Bank auf den digitalen Wandel, der sich in der Medizin abzeichnet: Die Bankkunden forderten beispielsweise sowohl Onlinebanking als auch persönliche Beratung ein. Auf eine Frage zur Zukunft der Internetmedizin im AK-Land konnte die Veranstaltung keine Antwort geben. Frank Stratmann vom Bundesverband Internetmedizin warf sie auf: „Wie viel Geld will der Kreis Altenkirchen in die Hand nehmen?“ (ddp)




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