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Kultur | - keine Angabe -


Nachricht vom 21.01.2018    

Lesetipp: Ritterturniere im Mittelalter

Der Untertitel besagt, worum es genau geht: Lanzenstechen, Prunkgewänder, Festgelage. Sofort hat man die zahlreichen, teilweise noch gut erhaltenen Burgen der Region wie die Marksburg und Reichsburg Cochem vor Augen. Und begeht damit den ersten gedanklichen Fehler, denn wie der Autor Werner Meyer belegt, können „Ritter“ und „Burgherren“ nicht gleichgesetzt werden.

Titel des Buchs. Foto: Verlag Nünnerich-Asmus

Region. Festliche Turniere mit prunkvollen Aufmärschen und Kampfspielen fanden in den Städten mit ihrer vielseitigen Infrastruktur statt. Auf weitläufigen Burgen wurde höchstens geübt. Das Alltagsleben auf der Burg war der Ausübung herrschaftlicher Rechte und Pflichten gewidmet. Das Turnieren bildete bereits um 1200 eine standesgemäße Kurzweil, die durch ethisch-religiöse Pflichten wie die Teilnahme an einem Kreuzzug ergänzt wurde. Turnierberichte offenbaren, dass es beim Turnieren nicht nur um Ehre und Ruhm, sondern auch um materiellen Gewinn – Land, Geld oder Tiere – oder um Brautwerbung ging. Helmzier, Waffenrock und Wappenschild waren wichtige Utensilien. Anschaulich werden Turnierkämpfe beschrieben. Die Gewaltbereitschaft „Blutruns und lange Messer“ war im Mittelalter hoch, dagegen standen Rittergelübde und Ritterschlag.

Die Mittelaltervorstellung ist fest mit dem legendären König Artus und seinem Wunderschwert Excalibur verknüpft, die geschichtlich jedoch nicht nachweisbar sind. Der runde Tisch, die tabula rotunda, besteht gemäß den Quellen aus zwei Teilen: aus einem Gelage am runden Tisch und aus Kampfspielen. Tjostierende Ritter nehmen bis ins Spätmittelalter die Namen der Artushelden an. Fanden anfänglich die traditionellen Artusfeste in Zelten statt, so finden vom 13./14. Jahrhundert an die Gelage in Sälen oder Gebäuden statt, die als Artushöfe bezeichnet werden.

Werner Meyer, der ordentlicher Professor für Geschichte und Archäologie des Mittelalters an der Universität Basel ist, belegt mit Quellentexten und Abbildungen aus dem Mittelalter die bedeutende Rolle, die Frauen beim Turnier zukam. Frauen bestritten keine Kampfspiele, aber sie waren begehrte Zuschauerinnen, denen männliche Tapferkeit und Stärke demonstriert wurde, denn in der höfischen Dichtung verkörpert die Frau, vor allem die unverheiratete, die wehrlose und bedrohte Unschuld, die der Ritter verteidigen und retten muss. Die Frau war nicht nur Zuschauerin, sondern sie überreichte dem Ritter, der sich ihrem Dienst verschrieben hatte, beim Aufritt einen Kranz oder ein Schmuckstück und half beim An- und Ausziehen der Rüstung. Große Turnierfeste fungierten auch als Heiratsmärkte oder fanden aus Anlass einer Vermählung statt. Am abendlichen Tanzbankett wurden auch die Turnierpreise vergeben. Die Damen beurteilten mit, wer einen Preis verdient hatte und waren für die Vergabe zuständig, die auch schon einmal mit dem „Empfang von achtzig Küssen“ für den Sieger verbunden war.

An den großen Turnierfesten des Spätmittelalters rivalisierten die Damen und Herren um die kostbarste Aufmachung. Das Kleid der Witwe von Hewdorf soll ein ganzes Dorf wert gewesen sein. Zudem wurden Frauen in die Rituale der Helmschau und der Preisvergabe eingebunden. Die Ritterausrüstung hatte Maskencharakter, die Waffen spielten zudem im Bestattungsbrauchtum des Adels eine Rolle. Helme und Waffen unterlagen technischen Veränderungen im Verlauf des Mittelalters. Die Beschaffung einer ritterlichen Kriegs- und Turnierausrüstung war von Anfang an eine kostspielige Angelegenheit, sie hatte den ungefähren Wert eines Bauernhofs.

Unter dem Begriff „turnei“ versteht man seit dem 14. Jahrhundert einen Massenkampf mit einer nach oben offenen Zahl von Teilnehmern. Der Kampfspielplatz war dabei abgegrenzt. Dieser Massenkampf war offenbar der Haupt-Act der festlichen Zusammenkünfte neben dem Tjost, Hastiludium, Stechen und Rennen. Buhurt, Quintanareiten und Ringstechen sind ebenfalls Fachbegriffe aus dem Turnierwesen. Daneben tauchten Sonderformen auf, wie das Forestspiel oder Gralsturnier.

Meyer beschreibt ausführlich Bedeutung und Entwicklung des Turniers als Fest, das vielen Menschen nicht nur Unterhaltung, sondern auch Arbeit und Lohn brachte. Ohne zahlreiche Helfer, Diener und Begleiter, Musikanten, Ärzte, Prostituierte und Händler fand kein Turnier statt.

Im Spätmittelalter traten Turniergesellschaften auf, ritterliche Vereinigungen, die regional unterschiedliche Aktivitäten pflegten. „Mit der Gründung - oder Duldung - von Ritterbünden sicherten sich die Landesfürsten die militärische Hilfe des Ritterstandes im Kriegsfall und die Wahrung des Landfriedens, dessen Bedrohung wegen Ausschreitungen an Turnieren um 1400 noch längst nicht beseitigt ist. Aber die eigentlichen Turniergesellschaften, wie sie uns im 15. Jahrhundert entgegentreten, sind eher als Antwort des autonomen Adels auf die von den Landesherren gestifteten und kontrollierten Ritterbünde des 14. Jahrhunderts und die von Fürsten veranstalteten Turniere zu deuten.“ (S.172)

Das Schlusskapitel befasst sich mit „Ausklang und Weiterentwicklung“ und stellt fest, dass am Ausgang des Mittelalters das Turnier ein höchst komplexes Phänomen bildete mit ritterlichen Kampf- und Reiterspielen, gesellschaftlichen Ritualen, festlichem Brauchtum und fürstlichem Prunkgehabe sowie aus verschwenderischem Handel und Gewerbe. Das Turnier unterlag stetem Wandel, die Elemente verschwanden oder veränderten sich, der Kampfcharakter wich einem Stilisieren, der Massenkampf wurde durch aufwändige Umzüge, Schaustellungen und Aufführungen ersetzt. In Nachmittelalterlicher Zeit gab es die eigentlichen Ritter nicht mehr, wohl aber den Rittertitel, der an Höflinge aus altadligen Familien, hohe Beamte und verdiente Offiziere verliehen wurde. In der Sprache haben sich Begriffe des Turnierwesens bis heute erhalten. Man denke nur an „jemanden in die Schranken weisen“ oder „mit offenem Visier kämpfen“.

Werner Meyers spannendes und leicht verständliches Fachbuch ist mit zahlreichen Fotos und bunten Abbildungen versehen. Es ist im Verlag Nünnerich-Asmus erschienen, ISBN 978-3-961760-08-4. htv



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