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Nachricht vom 03.11.2009 - 16:52 Uhr    

Musical Sarafina: Aufstand in Soweto auf der Bühne

Den Aufstand der Schüler in Soweto bei Johannesburg aus dem Jahre 1976 im Jahre 2009 in Herchen in Szene gesetzt: Mit dem Musical "Sarafina" - erstmals aufgeführt im Jahr 1986 - wurde ein Blick geworfen auf die Zeit der Apartheid in Südafrika. Deren Spuren dort und anderswo auch heute noch gegenwärtig sind. Bei den drei Aufführunge in der Aula des Bodelschwingh-Gymnasiums quoll die Aula regelrecht über.

Herchen. Soweto 1976 und Herchen 2009. Hat das überhaupt irgend etwas miteinander zu tun? Oder wird uns die Musik und das Thema so fremdartig bleiben wie der "unaussprechliche" Name des Komponisten? Es war klar: Es bedarf großen schauspielerischen Könnens und hoher Fokussierung auf die jeweilige Rolle, wenn man an einem ruhigen Herbstabend des Jahres 2009 Hunderte von Zuschauern für die Probleme (und die Musik) schwarzer Ghettoschüler im südafrikanischen Soweto (South Western Townships) des Jahres 1976 interessieren will. Erschwerend kommt hinzu, dass der Aufstand dieser afrikanischen Jugendlichen gegen Apartheid und Notstandsgesetze nicht nur geschauspielert wird, sondern oft sozusagen halbdokumentarisch und dramatisierend, die grausigen Ereignisse nur erzählend, berichtet werden.
Dies passiert zu einer geradezu "konterkarierenden" Hintergrundmusik, die gospelartig schön und friedlich klingt und vom hervorragend intonierenden Chor wie ein Klangteppich dargeboten wird. Diese afrikanischen, eigentlich auf europäischen vierstimmigen Chorälen basierenden wunderschönen Chorsätze waren eine wahre Wohltat für Ohren und Augen und eine der vielen Höhepunkte des Abends, für dessen musikalische Einstudierung Holger Knöbel verantwortlich zeichnete.
Ein "Dream-Team", bestehend aus der Choreographin Meret Heimann (Kl. 13), Holger Knöbel und dem Urgestein der Musicalarbeit am BGH, Matthias Ludewig, hatte sich zusammengefunden, um mit etwa 60 Mitwirkenden in monatelanger Vorarbeit ein Musical auf professionellem Niveau einzustudieren. Das Bühnenbild war von einem Kunst/Musik Kurs der Klasse 10 unter der Leitung von Ralf Dierenfeldt entworfen worden. Unterstützt wurden die Akteure auf der Bühne von einer druckvollen, ungemein präzisen Band hauptsächlich aus Schülern und ehemaligen Schülern des BGH, deren Sound durch zwei hervorragende Trompeter, Saxofone, E-Gitarren, E-Bass, Keyboards und Percussion bestimmt wurde; alles wahre Meister ihres Faches, weit jenseits davon, was man früher als "Schulorchesterniveau" bezeichnet hätte.
Die sowohl von den Musikern und Schauspielern ständig geforderte gefährliche Gratwanderung zwischen dargestelltem Grauen und ausgelassenem Feiern, zwischen Schulalltag und plötzlichem Einbruch der Gewalt durch die Staatsmacht, wurde im Verlaufe des Abends zunehmend überzeugender vermittelt; vor allem die quasi auf der Schulbühne des Bodelschwingh-Gymnasiums groß gewordenen Schülerinnen konnten ihre jahrelange Routine ausspielen: Anna Marzinzik als empathische Erzählerin, Jonna-Lotte Kessing als verrückter "Teaspoon", Ina Phillips und Anna Marzinzik (in einem wunderbaren Duett), ebenso wie Christiane Lusanso mit Ina Phillips, sowie Franzi Unterberger als überzeugende Lehrerin mit idiosynkratischem "It´s a pity"; Mona Heesen, Joschi Dusil, Martin Pütz, Benjamin Hess, Moritz Wargalla und Martin Bender.
Eigentlich gibt es in diesem Musical mit dem Titel "Sarafina" keine tragenden Rollen, keine Stars, sondern der Ensemblegedanke steht im Vordergrund und genau deshalb wurde die Rolle der Sarafina, gespielt von Christiane Lusanso, sozusagen von allen mitgetragen. Sie überzeugte durch große Bühnenpräsenz und souveräne Gesten. Ohne viel sagen zu müssen, nahm man ihr jederzeit ihre Rolle als "Mama" und Leitfigur der aufständischen Schüler ab. Dass es hier keine Stars gibt, hängt zusammen mit dem Motto des Stücks: "An Injury to One Is An Injury to All", sozusagen eine afrikanische Umformung des Kantschen Imperativs. Getreu dieser Devise machten die Schauspieler auf der Bühne deutlich, was "ihre" Verletzungen aus dem Jahre 1976 mit heute zu tun haben.
Das Stück wird im Januar in Kamerun an der Partnerschule des BGH in Besongabang aufgeführt, zeitgleich ist die Arbeitsgruppe des Kamerunprojekts, an dem Schüler und Lehrer aus Herchen und Cuijk (NL) beteiligt sind, vor Ort im Einsatz. Das Ensemble wird sich also zum Teil nach Kamerun aufmachen und dort mit Kamerunern und Deutschen das Musical einstudieren und aufführen.
Wilhelm Neef, als Leiter dieses langjährigen Austausches, hatte die Idee zu diesem Projekt vor vielen Jahren während einer Aufführung in Siegen und wer ihn kennt, weiß, dass er und sein Team, wenn nötig, sehr langfristig denken können: über Jahrzehnte hinweg; sozusagen wie die Jahrzehnte, die das Musical überbrückt. Dass die politische Botschaft dieses Jahrzehnte alten Musicals in Kamerun aber gerade heute sehr brisant ist, das werden die Akteure in vollem Umfang erst in Afrika merken; das Stück wird dort noch einmal an emotionaler Kraft und Bedeutung gewinnen. Nach der wundervollen Premiere kann man allen Beteiligten aus Europa und Afrika nur viel Erfolg bei diesem einmaligen Experiment wünschen. (Klaus Zöllner)
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Foto: Überzeugende Darsteller des Musicals Sarafina in Herchen.



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