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Nachricht vom 18.11.2018 - 16:50 Uhr    

„Wenn ihr jungen Leute schlau seid, macht ihr ein Generationenbündnis“

1987 gründete der frühere Bremer Bürgermeister Dr. Henning Scherf eine Mehrgenerationenwohngemeinschaft, in der er selbst seither lebt: 31 Jahre später erzählte der Sozialdemokrat bei einer Informations- und Diskussionsveranstaltung im Barbarasaal in der Stadthalle Betzdorf passioniert und freudestrahlend davon – und seine Begeisterung für diese Wohnform als ein zusätzliches Angebot war dem 80-Jährigen durchgehend anzuspüren.

Dr. Hennig Scherf (links) war ein eloquenter und versierte Redner zum Thema „Wie wollen wir im Alter wohnen?“. Der Bremer Bürgermeister a. D. stellte sich mit Sabine Bätzing-Lichtenthäler, Jan Hellinghausen und Bernd Brato (von links) dem Fotografen. (Foto: tt)

Betzdorf. Nein, ein Mikrofon brauchte der Mann aus Bremen nicht, und er verschwand nicht hinter dem Rednerpult, sondern suchte die Nähe zum Publikum, als er sich dem Thema „Wie wollen wir im Alter wohnen?“ annahm, den demografischen Wandel beleuchtete und seine Gedanken und Erfahrungen näher brachte. „Es gibt immer mehr Alte, und es ist die Gruppe, die am stärksten wächst“: Das sagte der 80-Jährige, der ergänzte: „Ich fühle mich, als ob ich bei den Jusos mitmachen könnte.“ Er entdecke immer mehr Leute, die vital im Alter sind, sagte Scherf, der auf Einladung der SPD-Landtagsabgeordneten Sabine Bätzing-Lichtenthäler, des SGK-Regionalverbands Altenkirchen (Sozialdemokratische Gemeinschaft für Kommunalpolitik) und des örtlichen SPD-Ortsvereins in Betzdorf sprach. „Wenn ihr jungen Leute schlau seid, macht ihr ein Generationenbündnis“, sagte er auch in Richtung der Vertreter der Kreisjusos. Bätzing-Lichtenthäler begrüßte unter anderem Daaden-Herdorfs Bürgermeister Wolfgang Schneider als Vertreter der kommunalen Familie und SPD-Kreisvorsitzenden Andreas Hundhausen – und den „wunderbaren Referenten“, Buchautor und Bürgermeister a.D. Dr. Henning Scherf: „Ein Mensch mit ganz viel Herz.“

Leben mit der Wahlfamilie
„Einsam im Alter muss keiner sein“, sagte Bätzing-Lichtenthäler. Es sei ein Thema, das die Menschen bewegt. Hintergründe seien eine älter werdende Gesellschaft und andere Familienstrukturen. Wohnen sei etwas Höchstpersönliches und Intimes für einen Menschen. Sie erwähnte, dass Rheinland-Pfalz das einzige Bundesland mit einem Demografie-Ministerium sei, das sie in ihrer Funktion als Staatsministerin derzeit verantworte. Wohnen sei ein großer Schwerpunkt, sagte die Politikerin, die unter anderem auf Beratungsangebot in Rheinland-Pfalz hinwies. Man wolle keine Wohnform vorschreiben, sondern unterstützen, „wie jemand leben möchte“. Mehrgenerationenwohnen sei gefragt; und in Rheinland-Pfalz gebe es über 100 Wohnpflegegemeinschaften. Für einen persönlichen Erfahrungsbericht sei Scherf prädestiniert. 1987 sei er angetreten, um mit zehn Freunden die Wohngemeinschaft zu gründen, die er, so Bätzing-Lichtenthäler, seine „Wahlfamilie“ nennt. Das könne eine Chance für eine alternde Gesellschaft sein, meinte sie.

„Das Thema brennt uns allen ein Stück weit unter den Nägeln“, sagte SGK-Vorsitzender Bernd Brato, Bürgermeister in Betzdorf. Aus seiner Sicht reichen steigende Geburtenzahlen nicht aus, wenn es um das Thema Alterung gehe. Dies werde immer stärker in die Gesellschaft eintreten. „Es gibt Investoren, die kommen auf uns zu und suchen Fläche für betreutes Wohnen.“ Daran lasse sich ablesen, dass es ein wachsender Markt sei. Man müsse gestalten, dass es ein Altern ist, „wie wir es uns vorstellen“.

Die Babyboomer gehen in Rente
Mit 40 Prozent habe man weitaus mehr über 60-Jährige als unter 30-Jährige, sagte Scherf, der eloquent und kurzweilig von seinen Gedanken, Erfahrungen und Erlebnissen erzählte. Wenn die „Babyboomer“ in Rente gehen, dann werde man ein „dramatisches Problem“ haben. Aus seiner Sicht „ist eine Riesengeschichte im Gang, die uns noch gewaltiges Kopfzerbrechen machen wird“. Scherf: „Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft, wie wir es noch nicht hatten.“ Für ihn steht auch fest, dass es eine Herausforderung ist, bei der man alle erreichen muss, „auch euch Junge“. Eine der wichtigsten Fragen sei das Wohnen. Dass über 50 Prozent allein im Haus wohnen, veranschaulichte er: Das Haus ist abgezahlt, die Kinder leben woanders, ein Partner stirbt und „einer bleibt allein übrig“. Auf dem Land sei das genauso dramatisch wie in der Stadt – aber: „Wie kommen die Leute mit diesem nicht mehr bedarfsgerechten Wohnen klar?“

Mindestens 35 Prozent der über 60-Jährigen könnten sich so ein Wohnprojekt vorstellen, sagte Scherf. Er skizzierte den Weg hin zu „seiner“ Wohngemeinschaft. Die drei Kinder seien schnell groß gewesen, und sie hätten nicht in Bremen bleiben wollen. Das könne es nicht gewesen sein, erinnerte sich Scherf, „wir haben noch ein Leben vor uns“. Freunde seien in ähnlicher Situation gewesen. In Saarbrücken habe ihn seinerzeit Oskar Lafontaine in die Kettenfarbrik gelotst. Die Industrie aus dem frühen 19. Jahrhundert hätten sieben Familien übernommen, bewohnt und ein Kulturzentrum geschaffen. Scherf war begeistert, und: Nun lebe er selbst 31 Jahre in einer lebendigen Wohngemeinschaft, und „ich will nicht raus“. Inzwischen soll es davon bundesweit über 30.000 geben, gab er weiter. „Es ist eine richtig große Bewegung.“ Wohnungsbaugesellschaften hätten dies auch zum Thema gemacht, es seien Profis und sie würden etwas von Wohnungswirtschaft verstehen. Es würden Anlagen angeboten, in denen die Menschen leben können, wo sie bisher waren, und zu Preisen, wie sie es vorher gewohnt waren.

Für die eigene Wohngemeinschaft war nach drei Jahren ein Ende der 1920er-Jahre gebautes Haus gefunden. Beim Stichwort Finanzierung stellte der Sozialdemokrat heraus: „Wir haben ein Ding gemacht, und darauf bin ich stolz, dass armen Freunden nicht Geld abgeknöpft wurde, das unseren Vermögenszuwachs begründet.“ Jeder sei nach den genutzten Quadratmetern an der Grundschuld beteiligt gewesen. Als es Anfang der 1980er-Jahre um das Vorhaben gegangen sei, habe man einen unglaublichen Zulauf an Interessierten gehabt. Mühselig und nach drei Jahren waren zehn Bewohner – mehr gebe das Haus nicht her - zusammen. Nun sei man seit drei Jahren wieder mit drei Generationen unter einem Dach: Eine alleinerziehende Mutter kam nach der Flucht aus Nigeria dazu – und die zwei älteren Kinder gehen inzwischen auf das Gymnasium. Er berichtete auch von einem Witwer, der in die Gemeinschaft kam und der selbst sage: „Ich habe eine Familie gefunden.“

Auch das Auto wird geteilt
„Ich bin ein Typ, der alles positiv sieht und sich motiviert“, sagte Scherf auf eine Zwischenfrage, und räumte ein: „Natürlich haben wir auch Streit gehabt“. Hier hätten sich die Männer die Mediationskompetenz der Frauen erarbeitet, schmunzelte Scherf: „Es ist viel klüger genau hinzuschauen, den anderen zu verstehen und nach Lösungen zu suchen, die der andere akzeptiert.“ Von ursprünglich sieben Fahrzeugen hat man sich nur noch auf ein Auto konzentriert, wobei er einräumte: „Das ist im Westerwald schwieriger als in einer Stadt.“

„Unsere Kinder haben uns für postpubertäre Romantiker gehalten, die nicht erwachsen geworden sind“, blickte Scherf zurück – aber: Längst seien die Kinder begeistert und würden sich entlastet und entspannt fühlen, weil sie wüssten, „die verlassen sich nicht auf mich“, weil Strukturen aufgebaut wurden. Den Kindern haben man es vorgelebt, und die Enkelkinder seien reingewachsen, denn: „Die kennen uns nicht anders“, sagte der 80-Jährige freudestrahlend. Für ihn steht fest: „Durch dieses Haus haben wir eine richtige Erweiterung lebendig zu sein.“ Das liege daran, dass nicht nur Ältere zusammen wohnen, „sondern es eine gemischte Belegschaft ist“.

Aspekt der Dorferneuerung
Das Hauptproblem für die Umsetzung einer solche Wohngemeinschaft sieht er nicht in der Finanzierung, sondern, ob man Menschen findet, die bereit seien, das eingehen und Verantwortung zu übernehmen zu wollen: „Entscheidend ist es, ob ich es mir zutraue, Menschen näher an mich heranzulassen.“ Scherf: „Wenn ich dieses Vorurteil überwunden habe, löst sich vieles leichter.“ Zum Beispiel in leerstehenden Gaststätten sei so ein Projekt denkbar, und wenn man einen Bürgermeister habe, der Leerstände abbauen und den Ort lebendig halten möchte, habe man sofort einen Verbündeten: „Ich bilde mir ein, dass es ein Dorfentwicklungskonzept sein kann.“ Er führte Beispiele an, wie im kleinen Rahmen etwas geschaffen und zugleich ein Schandfleck beseitigt wurde, aber auch im größeren Stil über eine Stiftung etwas bewegt wurde. Man könne mit solchen Projekten Dorferneuerung schaffen, und wenn es zu große sei, dann suche man sich einen Investor.

Auch als er Pflegewohngemeinschaften aufgriff, spürte man, dass er weiß, wovon er spricht: Drei Wochen habe er in einer solchen Gemeinschaft gewohnt, berichtete er und schilderte, was er erlebt hat. „Eines von vielen zusätzlichen Angeboten, die man in dieser altersveränderten Gesellschaft im Kopf haben muss“, sagte Scherf: „Das kann man intelligent und schön machen, denn es ist die Zukunft.“ Skandinavische Länder und die Niederlande seinen bereits weit voraus. „Wir müssen uns etwas einfallen lassen“, plädierte Scherf: „Für die ganze Gemeinde ist es wichtig, eine Struktur zu entfalten, bei der die Jungen, die woanders leben, wissen, den Alten geht es gut.“ Für Scherf ist es auch eine große und spannende Herausforderung für die Kommunalpolitik. Wichtig sei eine breite Zustimmung zu dieser Veränderung, und es gehe auch um Inklusion, „damit wir unsere Alten in unserer Mitte halten“.

Nach dem „lebendigen Vortrag“, so Ortsvereinsvorsitzender Jan Hellinghausen, überreichte er eine Friedentasche des Weltladens an Scherf. (tt)



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