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Nachricht vom 03.03.2010    

Interview: Notarztstandorte erhalten

Schon lange ist die notärztliche Versorgung der Bevölkerung im Landkreis Altenkirchen nur unzureichend gewährleistet. Im letzten Jahr kam es zur öffentlichen Diskussion und Information über diesen Missstand. Die Junge Union Wissen (JU) nahm sich engagiert des Themas an und startete eine Unterschriftenaktion. Der AK-Kurier sprach mit dem Vorsitzenden Christian Krämer aus Wissen.

Kreis Altenkirchen/Wissen. Zur Demonstration und zum Widerstand gegen die angedachte Schließung des Notarztstandortes in Wissen sind die Menschen der Region für Samstag, 6. März, ab 11 Uhr aufgerufen. Insbesondere die Junge Union engagiert sich seit Wochen für den Erhalt des Standortes, es gab Unterschriftenaktionen und die Fahrt nach Mainz zur Überreichung (der AK-Kurier berichtete).
Der AK-Kurier fragte den JU-Vorsitzenden Christian Krämer zu Hintergründen und Intentionen.

"Herr Krämer, warum kämpft die JU für den Erhalt des Notarzt-Standortes in Wissen?"
Antwort: "Es ist uns sehr wichtig, den Notarztstandort in Wissen zu behalten, wir denken da besonders an den Schulstandort in der Stadt, an die tägliche An- und Abfahrt von mehreren tausend Kindern und Jugendlichen. Wir denken an die vielen jungen Familien mit Babys und Kindern, die in unserer Region leben und womöglich für einen Säugling schnelle Hilfe brauchen. Auch die Altenheime und Senioreneinrichtungen in der Region sind uns wichtig. Mit der geplanten Reduzierung der Notarztstandorte verlängert sich die Einsatzzeit, bis ein Notarzt beim Patienten eintrifft. Das darf nicht sein. Nach Expertenmeinungen zählt gerade die schnelle Erstversorgung durch den Notarzt, nicht so sehr der Weg ins Krankenhaus oder zur Intensivstation bei vielen Krankheitsbildern.
Es kommt ja noch erschwerend hinzu, wenn die Innere und die Intensivstation in Wissen geschlossen werden, dann verlängern sich auch die Wege in die nächsten Krankenhäuser. Man erweitert nicht nur den Anfahrtsweg des Notarztes, sondern auch des Krankentransportes. Jetzt schaut man mal auf das Straßennetz, das zum Teil in einem desolaten Zustand ist, ich denke da an die L 278 in Richtung Waldbröl, oder in Richtung Gebhardshain. Das alles zusammengenommen verlangsamt die Prozesse, die zur Rettung und Erstversorgung von Menschen in Not unbedingt notwendig sind.
Ein weiterer Punkt ist uns sehr wichtig, und das ist das essenzielle Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung. Dieses Grundbedürfnis ist ein Stück Lebensqualität für die Familien in der Region und das hat Priorität."

Was meinen Sie damit genau?
Antwort: "Also, zur Lebensqualität gehört nicht nur ein renoviertes Bad, ein Regiobahnhof mit Anbindung an die großen Zentren, ein Kulturwerk mit einem tollen Angebot, Neubaugebiete oder ein attraktiver Schulstandort. Hier hat die Verbandsgemeinde Wissen in den letzten Jahren viel erreicht. Zur Lebensqualität zählt auch das Sicherheitsbedürfnis der Menschen, in Notlagen schnelle Hilfe zu erhalten. In diesem Bereich ging viel verloren, ich denke da an die Veränderungen bei der Polizei, die Schließung der Chirurgie am Krankenhaus und jetzt wird die Intensivstation und die Innere ja vermutlich ebenfalls wegfallen. Wenn jetzt die Notarztversorgung der VG Wissen mit Auswirkungen nach Hamm und Gebhardshain auch noch wegfällt, ja, wer will dann hier noch wohnen oder womöglich hinziehen. Wir als JU werden und wollen das nicht zulassen. Es darf nicht sein, das aus Kostengründen oder nicht nachvollziehbaren Planspielen die Menschen hier so vernachlässigt werden."

Was wollen Sie und ihre Mitstreiter dagegen tun?
Antwort: "In der Diskussion um die Schließung der Inneren ist Vieles gelaufen und wahrscheinlich längst entschieden. Das heißt aber nicht, dass auch der Notarztstandort geschlossen werden muss. Wir wissen, dass der Landrat in Montabaur die Entscheidung zur Reduzierung der Notarztstandorte fällen soll, im Streitfall ist aber die Landesregierung zuständig. Sie ist jetzt gefordert, denn die Zeit drängt. Unserer Meinung nach ist der Streitfall längst eingetreten, wenn der Landrat in Montabaur verlauten lässt, er sei gewillt, im Interesse des Landkreises Altenkirchen zu entscheiden, der DRK-Landesverband als Verband der Kostenträger aber offensichtlich die Reduzierung der Notarztstandorte will, ist es an der Zeit, offiziell festzustellen, dass eine Einigung nicht erreicht wird. In diesem Fall liegt die Entscheidungsgewalt laut Landes-Rettungsdienstgesetz beim zuständigen Ministerium. Wir fordern daher aus dem Innenministerium ein Machtwort, mit dem diese unsägliche Diskussion dergestalt beendet wird, dass alle Notarztstandorte im Kreis unverändert bestehen bleiben. Gefordert ist eine schnelle Entscheidung, denn das Thema darf nicht zum Landtagswahlkampf verkommen, dafür ist es für die gesamte Bevölkerung viel zu wichtig.
Wir rufen die Menschen auf, am Samstag zur Demo zu kommen, denn es geht um ihre eigene Sicherheit und Zukunft."
Das Gespräch führte Helga Wienand

Hintergrund
Der AK-Kurier wollte Zahlen zum Schulstandort und fragte die Schulen im Stadtgebiet nach den Schülerzahlen. Die Franziskus-Grundschule besuchen 394 Kinder, die Konrad-Adenauer-Hauptschule besuchen 243 Schüler, die Marion-Dönhoff-Realschule unterrichtet 360 Jugendliche. Am Kopernikus-Gymnasium in Wissen sind es aktuell 1058 Kinder und Jugendliche, die hier jeden Tag unterrichtet werden, die BBS Wissen hat im Durchschnitt rund 1800 Schüler pro Tag. Die Schule am Alserberg hat 87 Kinder und Jugendliche in ihrer Obhut und die Wilhelm-Busch-Schule fördert und unterrichtet zurzeit 102 Kinder und Jugendliche.
Entsprechend diesen Angaben gehen täglich 4044 Kinder und Jugendliche im Stadtgebiet Wissen in die genannten Schulen. In diese Zahl sind nicht die Schulkinder eingerechnet, die tagtäglich ins Schwimmbad oder in die Sporteinrichtungen von auswärts einpendeln. Auch sind nicht die Kindergärten und die Schulen und Bildungseinrichtungen außerhalb des Stadtgebietes erfasst. Der Notarztstandort Wissen versorgt noch die VG Wissen, Teile der VG Gebhardshain und Hamm.
Ein Notarztstandort Bruchertseifen wäre für den Bereich der VG Wissen, der VG Hamm, Teile der VG Altenkirchen und Flammersfeld zuständig. Noch ist es so, dass die Krankenhäuser den Notarzt stellen und die Dienstpläne erstellen. Aber es fehlen Notärzte an allen Ecken und Kanten im gesamten Bereich des Westerwaldes. Externe Notärzte gibt es, aber die Bezahlung ist ein Streitthema - schon seit langem. Im Landkreis Altenkirchen bekommt ein Notarzt zwischen 15 und 18 Euro brutto pro Stunde, im benachbarten NRW sind es rund 30 Euro brutto pro Stunde. Mit ein Grund, dass externe Notärzte lieber in Eitorf oder Waldbröl Dienste annehmen, als in Wissen oder Altenkirchen.
Die Notarztversorgung im Landkreis Altenkirchen ist seit geraumer Zeit nicht mehr rund um die Uhr gesichert (der AK-Kurier berichtete). Die Entscheidung, wie es weitergeht, liegt in den Verhandlungsergebnissen des Landrates in Montabaur mit dem DRK-Landesverband und den Kostenträgern. Die steht noch aus. Das Innenministerium in Mainz hat die Entscheidungshoheit im Streitfall. Bei Recherchen zum Thema Notärztliche Versorgung im nördlichen Rheinland-Pfalz gab es immer wieder ein Argument zu hören: In anderen ländlichen Regionen des Landes sähe es noch viel schlechter aus. (Helga Wienand)
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Rettungswache und Notarztstandorte sollen in Wissen, Altenkirchen und Kirchen bleiben - dafür sollen die Menschen am Samstag auf die Straße gehen. Foto: Helga Wienand



Kommentare zu: Interview: Notarztstandorte erhalten

2 Kommentare
Toll, Frau Reifenrath Sie scheinen ja völlig an der Realität vorbei zu leben. Man kann sich alles wünschen und glauben Sie mir ich hätte ebenfalls gerne alles am Ort wie vor 30 Jahren.
Aber es gibt immer Veränderungen die sich auch erklären lassen, wenn die Menschen nicht einfach auf "Stur" schalten. Es nützt nichts alles miteinander zu vermischen. Woher wollen Sie denn die Gelder
für Ihr "kleines" Krankenhaus nehmen, wenn der Träger sagt er will nicht, weil es sich nicht rechnet. Und bei der Notarzt-Versorgung bleibt ja zunächst alles wie es ist, und wenn das DRK als Träger der
Notarzt-Versorgung ebenfalls auf die Kosten schaut und kein zusätzliches Geld in die Hand nehmen will, was schlagen Sie dann vor, liebe Frau Reifenrath?
Vielleicht können Sie persönlich die fehlenden Gelder beschaffen, die Kommunalpolitiker der Region würden sich sehr darüber freuen.
#2 von Jürgen Linke, am 09.03.2010 um 20:10 Uhr
Asterix und Obelix würden jetzt sagen: "Die spinnen doch, die Römer".
Dass es woanders noch trüber mit der ärztlichen Versorgung aussieht, ja sicher. Aber das kann doch kein Argument sein, in Wissen und Umgebung den Kahlschlag zu praktizieren. Wie ich in einem anderen Kommentar schon schrieb, nimmt man offensichtlich billigend in Kauf, dass Notfall-Patienten "zum Sterben verurteilt" sind, da sie nicht rechtzeitig und unzureichend versorgt werden. Ein eigenes kleines Notfall-Krankenhaus mit einer Intensivstation in Wissen würde diesen Mangel ausgleichen.
Diese ganze Debatte ist einfach nicht zu fassen.
#1 von Margit Reifenrath, Köln-Wahn, am 05.03.2010 um 19:43 Uhr

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