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Nachricht vom 22.07.2019    

Wegnahme von Kindern könnte häufiger verhindert werden

So viele Kinder wie noch nie leben in Deutschland derzeit in Pflegefamilien oder im Heim. Das hat eine politische Debatte ausgelöst. Prof. Klaus Wolf von der Universität Siegen fordert eine intensivere Betreuung von Familien in Not und mehr Pflegefamilien. Der Erziehungswissenschaftler forscht seit vielen Jahren zum Leben in hoch belasteten Familien, zu Pflegekindern und Heimerziehung.

Prof. Klaus Wolf (Foto: Uni Siegen)

Siegen. In Deutschland leben mehr Kinder als jemals zuvor in Pflegefamilien. Nach Angaben der Bundesregierung ist die Zahl seit 2008 von etwa 60.000 Kindern auf mehr als 81.000 unter 18-Jährigen im Jahr 2017 angestiegen. Dazu kommen etwa 100.000 Kinder, die in Heimen leben. Auch hier sind die Zahlen deutlich gestiegen. Doch was bedeutet das überhaupt? Norbert Müller von der Linksfraktion im Bundestag zum Beispiel wirft die Frage auf, ob Kinder aus armen Familien eher fremd untergebracht werden, als ein Kind aus einer Akademikerfamilie, wo es einen vergleichbaren Fall gebe. Die Bundesregierung sagt nein, die Gesellschaft sei nach Fällen von Kindesmissbrauch in den vergangenen Jahren sensibler geworden, die Jugendämter würden gute Arbeit leisten. Längst ist eine politische Diskussion um dieses sensible Thema entbrannt. Prof. Klaus Wolf fordert in diesem Zusammenhang vor allem eine differenziertere Betrachtung. Der Erziehungswissenschaftler forscht an der Universität Siegen seit vielen Jahren zum Leben in hoch belasteten Familien, zu Pflegekindern und Heimerziehung.

„Manche Behauptungen sind grober Unfug. Wir können aus Sicht der Wissenschaft Fakten liefern“, sagt Wolf. Dass die Zahl der Kinder in Heimen und Pflegefamilien insgesamt gestiegen sei, hänge vor allem mit zwei Entwicklungen zusammen: Einerseits spielten in den letzten Jahren jugendliche Flüchtlinge eine wichtige Rolle, andererseits – ähnlich wie es die Bundesregierung erklärte – würden Jugendämter bei Notsignalen mittlerweile genauer hinschauen, das Thema habe eine größere Bedeutung gewonnen. Für Wolf geht es nicht darum, die Unterstützung von Familien und die Betreuung in Pflegefamilien oder Heimen gegeneinander auszuspielen, das Problem sei ein anderes: „Ist die ambulante Betreuung von Familien in Notsituationen ausreichend?“ Aus seiner Sicht müssten die Betreuung in Umfang und Intensität ausgebaut, mehr Fachkräfte eingestellt werden. „Dann könnte die Herausnahme eines Kindes aus der Familie häufiger verhindert werden.“ Dazu zählt auch der Umgang mit Familien mit Migrationshintergrund. „Oft gilt das Jugendamt als ‚böse‘ Behörde. Hier wäre es Aufgabe der sozialen Dienste, Vorurteile abzubauen und Fachkräfte mit Migrationsgeschichte zu gewinnen.“

Häufig hört der erfahrene Forscher zudem, dass Kinder vermehrt in Pflegefamilien untergebracht würden, weil dies günstiger sei, als die Heimerziehung. Die Kosten für die Heimerziehung sind tatsächlich höher, „aber das Argument ist nicht stichhaltig“, so Wolf. „Es gibt viele Kinder, für die eine Pflegefamilie genau die richtige Lösung ist, für andere ist eine Erziehung im Heim besser. Das kann nicht pauschal beantwortet werden.“ Es sei ein Fortschritt, dass inzwischen auch in Deutschland mehr geeignete Pflegefamilien gewonnen werden. „Sie sind eine zivilgesellschaftliche Ressource und wir sollten sie wertschätzen.“

Trotz der Diskussionen stimmt ihn die Entwicklung im Bereich der Pflegefamilien in den vergangenen Jahren positiv. „Früher gab es kaum Tagungen dazu, jetzt sind die Veröffentlichungen explodiert, viele Jugendämter arbeiten intensiv an dem Thema.“ Und auch in der Politik sei das Thema angekommen. So ist Prof. Wolf zum Beispiel Mitglied einer Arbeitsgruppe im Familienministerium. „Die Politik weiß, dass sie etwas tun muss, nachdem dort jahrzehntelang nicht viel passiert ist.“

Hintergrund
Durch die gestiegenen Zahlen von Kindern in Pflegefamilien und Heimen ergeben sich eine Vielzahl an Fragen und Herausforderungen. Diesen soll bei der Tagung „Interventionen – Hilfeverläufe – Biografien. Zum Zusammenspiel von aufsuchender Familienarbeit (SPFH), Pflegekinderhilfe und Heimerziehung“ nachgegangen werden. Mehr als 200 WissenschaftlerInnen und Fachkräfte aus dem deutschsprachigen Raum kommen am 25. und 26. September dazu an der Universität Siegen zusammen. Welche Hürden gibt es für Pflegefamilien und sind diese vielleicht zu hoch? Wie kann eine Rückkehr der Kinder in die Familie gelingen? Welche Rolle spielen Mutter-Kind-Häuser? Das Themengebiet ist vielfältig, gute Antworten werden benötigt. (PM)



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