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Nachricht vom 12.01.2020    

Buchtipp: „Der große Kunstraub“ von Ernst Künzl

Von Helmi Tischler-Venter

Der Titelzusatz „Orient, Griechenland, Rom, Byzanz zeigt, dass Kunstraub ein altbekanntes Delikt ist, das in diesen Regionen im ganz großen Stil verübt wurde. Doch die beschriebenen Kunsträuber hätten es weit von sich gewiesen, als Räuber bezeichnet zu werden, denn „weder die Könige Babylons noch die Imperatoren Roms sahen sich als Kriminelle“. Sie machten nicht private Beute, sondern handelten im Auftrag eines Staates. Die Plünderungen der Christenheit richteten sich später auf sakrale Objekte, vor allem Reliquien.

Buchtitel. Foto: Nünnerich-Asmus Verlag & Media

Dierdorf/Oppenheim. Nach Künzls Recherche geschah der Höhepunkt des Kunstraubes im Altertum mit dem Aufstieg Roms in der Republik des dritten bis ersten Jahrhunderts vor Christus. Zentraler Grund war die Selbstdarstellung des Kriegsruhms der Aristokraten in den Triumphzügen. Dabei ging es zunächst nicht um den künstlerischen Wert der Beute sondern um die schiere Menge. Geld kam dem Staatschatz zugute und die meisten Kunstwerke landeten in römischen Tempeln. „Roms Triumphzüge waren ein religiöser Ritus, die vielen Tempelweihungen der Triumphatoren waren religiöse Akte.“ Die Geschichte des Kunstraubs begann im Vorderen Orient mit den Staaten Elam, Assyrien, Babylon und Persien. Bei den Griechen wurden Gottheit und Bild oft gleichgestellt, daher wurde mit dem Standbild auch der Gott entführt.

Roms Haltung zur Beutekunst änderte sich im Laufe des dritten Jahrhunderts vor Christus. Kunstwerke wurden nun als Schmuck für Residenzen und Plätze abtransportiert. Claudius Marcellus erntete mit seiner Syrakusbeute 212 vor Christus Bewunderung. Der Begriff Trophäe leitet sich vom griechischen Tropaion ab und bezeichnet die Stelle, an der sich der Unterlegene zur Flucht wandte. Legendär sind die Triumphzüge Caesars, der 46 vor Christus 65.000 Talente und 2.822 Goldkränze von 20.414 Pfund Gewicht vorführte, allerdings hatte Caesar zuvor für den Bürgerkrieg gegen Pompeius der Staatskasse große Summen entnommen. „Auch Aemilius Paullus lieferte nach dem Sieg über König Perseus aus der Makedonienbeute 300 Millionen Sesterzen ab; von dieser Zeit an hörte das römische Volk auf, Steuern zu entrichten.“ (Plinius)

Rom wurde eine ewige Triumphstadt, deren Beutekunst öffentlich zugänglich war. Die aus dem Zusammenhang gerissenen Kunstwerke fremder Länder erfuhren in Rom eine neue Bedeutung. Auch manche Ehrenbögen, seit Augustus typische Bauwerke der Römer, die als „Triumphbögen“ bis in die Neuzeit imitiert wurden, wurden aus Kriegsbeute finanziert.

70 nach Christus beendeten die Römer einen Aufstand der Juden in Palästina. „Jerusalem wurde erobert, der Tempel zerstört, die Kultgeräte des Tempels nach Rom gebracht; die Gefangenen wurden getötet oder als Sklaven verkauft.“ Feldherr Titus wählte aus dem Tempelschatz geeignete Objekte für seinen Triumph aus. Das Relief am Titusbogen zeigte, was man unter dem Tempelschatz in Jerusalem zu verstehen hatte. Später hieß es, der Tempelschatz sei 410 nach Christus vom Westgotenkönig Alarich aus Rom mitgenommen worden. Nach der Niederlage der Westgoten gegen die Franken habe sich der Schatz in Carcassone befunden, von dort hätten ihn die Ostgoten nach Ravenna gebracht. Eine andere Quelle geht davon aus, dass er zu den Vandalen nach Nordafrika gelangte. Ein weiteres bekanntes Beispiel für durch Zeit (mehr als zweitausend Jahre) und Raum (antikes Griechenland, Konstantinopel, Venedig, Paris, Venedig) wandernde Kunstwerke sind die Pferde von San Marco.

Ab 324 nach Christus wurde Konstantinopel als neue Reichshauptstadt ausgestattet, Kaiser Constantin ließ dafür zahlreiche Statuen aus dem Ostteil seines Reiches nach Byzanz schaffen, er beraubte damit seine eigenen Untertanen. Seit Constantin wurde das Christentum bestimmende Religion im Römerreich. Constantin ließ nach Apostelreliquien suchen, sein Sohn setzte diese Suche fort mit dem Ziel, dadurch den Vorrang vor Rom zu erlangen. Der Hippodrom, der Circus Maximus Konstantinopels, war der Ort sehr vieler Kunstobjekte, meist Skulpturen, dazu Tempelchen und Obelisken. Apollo als Sonnengott war Constantins Hauptgott vor Christus gewesen, dieser wurde in des Kaisers Vorstellung immer mehr zu einem Sonnengott, folgerichtig wurde der 25. Dezember, der Geburtstag des römischen Sol Invictus zu Christi Geburtstag.

Die Katastrophe von Konstantinopel von 1204 bedeutete das Ende der gewaltigen Kunstmetropole. Papst Innozenz II. hatte 1198 zum Vierten Kreuzzug aufgerufen. Mit der vom Venezianischen Dogen Enrico Dandolo gestellten Flotte gelangten die Kreuzfahrer nach Konstantinopel, das sie 1204 einnahmen und seiner Schätze beraubten, vor allem unschätzbar wertvoller Kirchenschätze, Sakralgegenstände und Reliquien, die in westlichen Kirchen und Klöstern landeten.

Neben materieller Beute war die Suche nach Legitimation und Kraft durch die Gebeine von Herrschern und Heiligen eine wichtige Motivation für Grabplünderungen und Leichentransporte. So wurde der Prunkleichenwagen Alexanders von 64 Maultieren über fast 2.000 Kilometer von Babylon über Damaskus nach Memphis gezogen.

Der christliche Heiligenkult schrieb Heiligen und ihren Körperteilen übermenschliche Kraft zu. Man glaubte an das Weiterleben der geistigen Kraft in den Gebeinen eines Heiligen. Der Besitz mächtiger Reliquien war ein Politikum. Das galt auch für die Verlagerung der Drei Könige nach Köln, wo sie seit 1164 in einem prächtigen Schrein liegen.

Das gebundene Buch mit 168 Seiten und 109 Abbildungen ist bei Nünnerich-Asmus Verlag & Media erschienen, ISBN 978-3-96176-077-0. htv


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