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Nachricht vom 21.01.2020    

Überlastungsanzeigen: Probleme an Schulen spitzen sich zu

Vor Weihnachten Mülheim-Kärlich, nun Betzdorf: Welches Lehrerkollegium tritt als nächstes auf den Plan, um mit einer Überlastungsanzeige an Landesbildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) auf dramatische Zustände an seiner Realschule plus aufmerksam zu machen? Der Reigen der Kritikpunkte ist breit gefächert: Extrem niedriger Bildungsstand der Kinder nach der Grundschule, Gewalt, keine oder kaum vorhandene Deutschkenntnisse oder das Fehlen von Förderlehrern werden angeprangert.

Die Bertha-von-Suttner-Realschule plus in Betzdorf rückte in den zurückliegenden Tagen in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. (Foto: Schule)

Kreis Altenkirchen. Der Aufschrei des Lehrerkollegiums der Bertha-von Suttner-Realschule plus in Betzdorf, das sich mit einer Überlastungsanzeige an die rheinland-pfälzische Bildungsministerien Stefanie Hubig (SPD) gewandt hat, macht deutlich. Es ist wahrlich kein Gold mehr, das an den Bildungseinrichtungen dieser Couleur, dem seinerzeit viel gepriesenen Zusammenschluss von Haupt- und Realschulen, glänzt. Die Verpackung ist neu, aber der Inhalt sehr oft identisch mit dem Vorgängermodell. Sprich: Die strikte Trennung zwischen Schülern, die die Sekundarstufe I abschließen wollen und denen, die auf dem Weg hin zur Berufsreife sind, hat nach wie vor Bestand.

Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis Bediensteten einer weiteren Realschule plus (RS+) der Kragen platzt und sie die Öffentlichkeit ob ihrer vielen negativen Erfahrungen suchen, die vor allen Dingen in der ungenügenden Erziehung vieler Schüler in deren Elternhäuser begründet sind und aus der sich sowohl schulspezifisches und als auch nicht schulspezifisches Fehlverhalten mit großer Dynamik entwickelt. Ein Doppelinterview mit Erwin Lenz, dem Sprecher des Regionalelternbeirates Koblenz und Mitglied im Vorstand des Landeselternbeirates (LEB), und Heribert Blume, dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im Kreis Altenkirchen, beleuchtet die Situation, die ebenfalls CDU-MdL Michael Wäschenbach aus seiner Sicht bewertet. Zunächst das Doppelinterview:

Sind die beiden Fälle aus Sicht des LEB nur die Spitze eines Eisbergs oder handelt es sich um Ausnahmen?

Lenz: Grundsätzlich muss man jede RS+ gesondert betrachten und schauen, ob und welche Problemsituationen dort vorherrschen können. Eine Pauschalisierung wäre hier insofern nicht richtig. Bei der Berta-von-Suttner-RS+ in Betzdorf scheint der hohe Migrationsanteil eine der Ursachen für eine Vielzahl der dort genannten Probleme zu sein. Aber wenn man die Überlastungsanzeige dieser Schule aufmerksam liest, dann stellt man ganz schnell fest, dass die Ursachen für die genannten Probleme nicht alleine in der Bertha-von-Suttner-RS+ Betzdorf zu suchen sind. Das Thema Migration und Inklusion ist aus unserer Sicht in den Schulen überhaupt nicht zufriedenstellend gelöst. Es ist nicht auszuschließen, dass auch an anderen Brennpunktschulen vergleichbare Probleme, wie in Betzdorf oder zuletzt in Mülheim-Kärlich aufgezeigt, vorliegen. Zurückschauend betrachtet hat es im laufenden Schuljahr auch schon Überlastungsanzeigen von einer Grundschule und auch von einer IGS aus dem Schulbezirk Neustadt gegeben. Es kann also grundsätzlich jede Schulart betroffen sein.

Blume: Ich kenne zu wenig RS+, um die Situation ausreichend beurteilen zu können.

Trägt das Land eine Mitschuld, weil es an allen Ecken und Enden spart (Zahl der Lehrer, Zustand der Infrastruktur)?

Lenz: Wir haben durch unsere Studie zum Unterrichtsausfall deutlich gemacht, dass uns an allen Schulen des Landes zusammen betrachtet mehrere Tausend Vertretungslehrkräfte fehlen. Es fehlen darüber hinaus viele Förderschullehrkräfte an Schwerpunktschulen, die gerade an Schulen wie der Bertha-von-Suttner RS+ dringend erforderlich sind. Selbstverständlich bedarf es auch mehr Schulsozialarbeiter, um solchen Situationen, wie hier aufgezeigt, gerecht zu werden. Mit einer vorausschauenden Politik hätte man die heutigen Fehlbedarfe an Lehrerkapazitäten erkennen können. Aber sowohl der mangelnde Wille des Bildungsministeriums, die Zahl der Lehrkräfte in den verschiedenen Bereichen deutlich zu erhöhen, wie auch haushaltspolitische Begrenzungen stehen einer zufriedenstellenden Lösung solcher Problemstellungen an den Schulen des Landes entgegen.

Blume: Ich weiß, dass die momentane Unterrichtsversorgung nicht ausreicht, um temporären Unterrichtsausfall zufriedenstellend ausgleichen zu können. Dazu ist, entsprechend den Forderungen der GEW, mindestens eine 110-prozentige Versorgung notwendig. Ich weiß auch, dass die Versorgung mit Förderschullehrkräften im Norden von Rheinland-Pfalz extrem schwierig ist. Allerdings besteht dieses Problem schon seit Beginn der 2000er-Jahre.

Sehen Sie Lösungsansätze, um den schlechten Ruf der RS+ deutlich abzumildern?

Lenz: Die Lehrkräfte an der RS+ Betzdorf waren mutig und haben aus meiner Sicht richtig gehandelt, in dem sie diese Überlastungsanzeige geschrieben haben. Bestimmt haben Sie lange gehadert, diesen Weg überhaupt zu gehen. Aber sie haben es getan, um für ihre Schule und die Schülerinnen und Schüler, für die sie ein hohes Verantwortungsbewusstsein und einen hohen Einsatz zeigen, Verbesserungen zu erzielen. Das Bildungsministerium wird nun gut beraten sein, sich dieser Schule anzunehmen und schnellstmöglich Lösungen anzubieten, damit sofort und insbesondere mit Blick zum Schuljahr 2020/21 spürbare Verbesserungen eintreten. Wie ich gehört habe, hat es dazu schon positive Gespräche gegeben. Den Mut der Betzdorfer oder auch der Mülheim-Kärlicher Lehrkräfte würde ich mir auch bei anderen Schulen wünschen, wo ähnliche Probleme vorliegen. Dieser Mut zahlt sich am Ende aus. Das Thema Inklusion und Migration an Schulen muss grundlegend neu bewertet werden. Wir brauchen mehr Lehrkräfte. Die Lehrkräfte müssen auf diese komplexen Situationen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden, vorbereitet und geschult werden.

Blume: Ich würde nicht alle RS+ in einen Topf werfen wollen. Die RS+ Betzdorf hat zumindest erreicht, dass man sich um ihre Probleme kümmert. Insgesamt sehe ich die ADD als Schulaufsicht in der Verantwortung, wenn es um die Suche nach möglichst schneller Entlastung geht. Dabei müssen auch die unterschiedlichen Abteilungen (RS+, Förderschule) zusammenarbeiten. Gefragt sind ebenso regionale Schulberater, die beim Umgang mit "schwierigen" Schülern und Schülerinnen helfen können. Nicht zuletzt halte ich Kooperation/Austausch mit anderen Schulen für hilfreich, um Erfahrungen auszutauschen.

Oder ist das Land gar mit seiner Bildungspolitik gescheitert (Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen)?

Lenz: Durch die Zusammenlegung der ehemaligen Hauptschulen mit den Realschulen zur RS+ sind Problemfelder entstanden, die noch nicht gelöst sind. Hier sehen wir Nachschärfungsbedarf. Aber auch hierbei kann man sagen, dass der Fokus zur Lösung durch das Bildungsministerium zu stark kostenorientiert ist und wir uns diesen viel stärker hin zur Bildungsorientierung wünschen.

Blume: Ich halte nichts von einem Zurück zum dreigliedrigen, höchst selektiven
Schulsystem. Langfristig hielte ich es für gut, wenn sich Realschulen plus zu Integrierten Gesamtschulen weiterentwickeln. Das wäre eine andere Ausgangssituation bei der Zusammensetzung der Schülerschaft.

Lehrer können nicht ausgleichen, was die Regierung versäumt
Auch der heimische CDU-MdL Michael Wäschenbach setzt sich mit der Situation an der "Bertha" auseinander: "Die Realschule plus in meinem Wahlkreis in Betzdorf besuche ich häufiger. Sie ist ein Musterbeispiel für eine Regierungspolitik, die immer nur auf Kante näht. Ab einem gewissen Punkt können selbst engagierteste Lehrkräfte nicht mehr das ausgleichen, was die Landesregierung versäumt. Gerade Schulen, die einen hohen Anteil von Schülern mit einem aus den unterschiedlichsten Gründen besonderen Förderbedarf aufweisen, müssen adäquat ausgestattet sein. Frau Hubig lässt die Schulen mit ihren Problemen alleine." Die Schilderung des Lehrerkollegiums sei an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Notwendig sei insbesondere mehr Schulsozialarbeit, bessere Sprachförderung in Deutsch als Grundvoraussetzung für eine Beschulung und eine ausreichende Anzahl an Förderschullehrern für Kinder und Jugendliche mit besonderem individuellem Förderbedarf gerade an dieser Schwerpunktschule. Wäschenbach ergänzte: "Ich habe auch mit dem Schulsozialarbeiter gesprochen, der gute Arbeit leistet, aber alleine auch nicht alles auffangen kann. Eigentlich müsste in jeder Klasse eine personelle Unterstützung der Lehrkraft erfolgen. Mir scheint es so, dass auch die Schulleitung von der Regierung und den vorgesetzten Stellen allein gelassen wurde."

An der Realschule plus Betzdorf zeige sich auch, so Wäschenbach und Anke Beilstein, stellvertretende Vorsitzende und bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, dass es in Rheinland-Pfalz keine Sprachförderung gibt, die sich nach dem tatsächlichen Förderbedarf der Kinder richtet. Das habe bereits eine Große Anfrage der CDU-Landtagsfraktion herausgearbeitet: „Es ist überhaupt kein System erkennbar, inwieweit die von der Schule beantragten Förderstunden mit den von der Aufsichts-und Dienstleistungsdirektion zu-gewiesenen Förderstunden korrelieren. Genau genommen scheint hier wie in Betzdorf der Faktor Zufall Regie zu führen.“ (hak)


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