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Nachricht vom 01.04.2020    

Asperger-Syndrom: „Fühle mich wie auf dem falschen Planeten“

Dieses Gefühl begleitet Judith M. schon ihr ganzes Leben lang. Angst vor zu viel Lärm. Angst davor, sich falsch zu verhalten. Oder auch Angst vor sich selbst. „Lange habe ich mich gefühlt, als lebe ich auf dem falschen Planeten“, berichtet die 56-Jährige. Judith M. ist vom Asperger-Syndrom betroffen.

(Symbolbild: Gerd Altmann/Pixabay)

Siegen. Angst. Gut 40 Jahre lang hat es gedauert, bis ihr die Diagnose gestellt wurde. Der Weg bis dahin war lang und steinig. Und darüber möchte sie sich mit anderen erwachsenen Asperger-Patienten austauschen. Die Gründung der Selbsthilfegruppe wird von der Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie in Südwestfalen begleitet.

Das Asperger-Syndrom ist eine Störung aus dem autistischen Formenkreis. Bei den betroffenen Patienten ist die Fähigkeit zur sozialen Interaktion erheblich beeinträchtigt. Beispielsweise ist es ihnen nicht möglich, ironische oder sarkastische Bemerkungen zu erkennen oder in den Gesichtern anderer Menschen zu „lesen“. Auf der Straße kann es passieren, dass Judith M. an Freunden und Bekannten einfach vorbeiläuft: „Ich erkenne einfach niemanden wieder.“ Und das ist nicht nur unangenehm, sondern hat manchmal unschöne Folgen. In der Ausbildung fühlte sich M.s Chef von ihr ignoriert, als sie ihm in der Stadt nicht grüßte: „Das Gespräch am nächsten Tag war alles andere als freundlich.“

Judith M. wusste schon immer, dass sie „irgendwie anders“ war. Im Kindergarten war es ihr immer zu laut, zu grell zu hektisch. „Zwar spielte ich mit, aber ich habe mir immer nur alles abgeguckt. Bei den anderen Kindern. Also das, was als normal galt.“ Auch Zuhause war Judith M. „angepasst“. Verhielt sich meist ruhig. Versteckte sich hinter Büchern. Doch tagtäglich enttäuschte sie ihre Mutter. „Ich war kein Schmusekind. Der Hautkontakt mit anderen Menschen war mir immer unangenehm, und ist es bis heute.“ Diese „Auffälligkeiten in der sozialen Interaktion“ sind typisch für Asperger-Patienten. Genauso, wie das Ausbilden von Spezialinteressen. „Bei mir war es die Musik, die mich gerettet hat“, sagt Judith M. Sie hat das Fach studiert, jahrelang als Klavierlehrerin gearbeitet.



Die Schulzeit, das Abitur, ihre erste Ausbildung in einem Büro: All das meisterte sie. Damals, als junge Frau, griff sie zum Alkohol, um das „Anderssein“ zu überstehen. Jahrelange Sitzungen bei Gesprächstherapeuten und Psychiatern folgten. „Jedes Mal bekam ich eine andere Diagnose“, erinnert sich die 56-Jährige. Magersucht, Burnout, Depression und Borderline, die Akte ist lang. Und irgendwann in der Studienzeit versuchte sich Judith M. dann das Leben zu nehmen. Doch sie überlebte: „Heute habe ich einen Platz gefunden.“

Auch, weil vor rund 15 Jahren endlich die richtige Diagnose gestellt wurde. „Autismus, so etwas wollte ich gar nicht hören. Das war ein Schock“, sagt sie. Es brauchte Zeit, die Diagnose zu verarbeiten. Dabei suchte sich Judith M. Hilfe. Bei Therapeuten, aber vor allem im Internet. Sie hat einen Blog gestartet. Auf diversen Foren tauscht sie sich zudem mit anderen Asperger-Betroffenen aus. „,Mir geht es auch so`: Diesen Satz möchte ich einfach von anderen Betroffenen hören“, sagt Judith M. Denn: Zeit ihres Lebens fühlte sie sich unverstanden. Freundschaften knüpfte sie „vielleicht ein oder zwei“. Und Zuhause, da sagte ihr die Mutter, wenn es ihr schlecht ging: „Jetzt stell dich nicht so an“. Das „Anderssein“ forderte Kraft. Doch einen Kindheitstraum konnten alle psychischen Belastungen nicht vertreiben: das Leben auf dem Land. Judith M. lebt heute in einem kleinen Weiler, drei Häuser stehen dort. „Jeder, der hier wohnt, ist ein Eigenbrötler, da falle ich nicht auf.“

Betroffene, die in einem geschützten Gesprächskreis frei über ihre Krankheitsgeschichte sprechen und sich austauschen möchten, können sich bei Gabriele Hermann unter Telefon 0271/500 3214 melden oder sich per E-Mail an Selbsthilfe@diakonie-sw.de wenden. (PM)




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