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Nachricht vom 02.04.2020    

IHK im Kreis Altenkirchen: „Viele Betriebe, die im Regen stehen“

Die Corona-Pandemie beutelt auch die Wirtschaft. Die Regionalgeschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Altenkirchen ist in dieser schweren Zeit Anlaufstelle für viele Unternehmer aus dem AK-Land, die dringend Hilfe benötigen, sei es lediglich mit der Beantwortung von Fragen, die eigentlich niemand jemals hätte stellen wollen.

Die Corona-Krise hat auch die Wirtschaft fest im Würgegriff: Die IHK ist in diesen Tagen vielfach gesuchter Ansprechpartner für Unternehmen, die Rat und Hilfe benötigen. (Foto: IHK)

Altenkirchen. Das Telefon steht nicht still: Immer und immer wieder wird die Regionalgeschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Altenkirchen mit Fragen und Anliegen konfrontiert. Die Corona-Krise bietet Aspekte, an die niemand jemals auch nur einen Gedanken verschwendet hat. Thomas Bellersheim, IHK-Vizepräsident und Geschäftsführender Gesellschafter der Bellersheim GmbH aus Neitersen, und IHK-Regionalgeschäftsführer Oliver Rohrbach sprechen in einem Doppel-Interview über die aktuelle Situation.

Wie stark ist die Industrie- und Handelskammer in diesen Corona-Zeiten auch vor dem Hintergrund der Sofortprogramme von Bund und Land gefordert?
Rohrbach: In ganz Rheinland-Pfalz erfassten die jeweils zuständigen IHK um die 10.000 Anrufe auf die speziell geschalteten Hotline-Telefonnummern.

Zunächst waren Unternehmer unsicher, wie die Landesverordnungen im Detail umzusetzen sind, das heißt zum Beispiel welche Unternehmen geöffnet haben durften bzw. welche Alternativmaßnahmen (wie zum Beispiel Liefer- oder Abholdienste) umgesetzt werden konnten. Hier galt es schnell Klarheiten zu schaffen und Kontakte zu den zuständigen Ordnungsbehörden aufzunehmen. Betriebe meldeten auch Schwierigkeiten in ihren Produktionsabläufen, da Zulieferbetriebe keine Waren mehr anliefern können, bzw. die Weiterverarbeitung der eigenen Produkte nicht mehr gewährleistet ist. Hier sind die Lieferketten auch über Ländergrenzen stark eingeschränkt.

Weitere Fragen von Unternehmern zielen auf die "Kurzarbeit" und "Kurzarbeitergeld" und die dazugehörenden Rahmenbedingungen. Hier können wir beratend und unterstützend tätig werden. Im nächsten Schritt rückten die Sofortmaßnahmen von Bund und Rheinland-Pfalz in den Blickpunkt. Der Bund zahlt als Sofortmaßnahme einen Zuschuss für Solo-Selbstständige als auch für Kleinstbetriebe mit bis zu fünf bzw. zehn Mitarbeitern. Auch hier galt es in vielen Gesprächen Klarheiten zu schaffen und Unternehmen zu beraten.

Zum 1. April 2020 hat die ISB das Landesprogramm Corona Soforthilfe Kredit RLP aus dem Zukunftsfonds Starke Wirtschaft Rheinland-Pfalz eingeführt. Je nach Beschäftigtenzahl können Unternehmen ein Sofortdarlehen zwischen 10.000 und 30.000 Euro beantragen. Das Sofortdarlehen hat eine Laufzeit von sechs Jahren und ist bis zum 31. März 2022 tilgungsfrei. Enthalten ist ebenfalls eine Haftungsfreistellung der Hausbank in Höhe von 90 Prozent der Darlehenssumme.

Bellersheim: Neben den Bundeshilfen, die natürlich bundesweit gelten, entscheidet jedes Land bei den eigenen Maßnahmen für sich. Da gibt es einen ziemlichen Flickenteppich. Das ist nicht so gut gemacht, wenn die Länder separat entscheiden, wie den einzelnen Betrieben geholfen wird. Im Moment sieht es so aus, dass es für Betriebe über 30 Mitarbeiter gar keine Programme mehr gibt. Aber diese Betriebe haben genauso Schwierigkeiten wie kleinere Unternehmen in der jetzigen Situation.

Die Hürden, die Rheinland-Pfalz aufbaut, um an Geld zu kommen, scheinen sehr hoch zu sein...
Bellersheim: Das würden wir auch so interpretieren. Da wird sehr dezidiert verlangt, dass Nachweise geführt werden. Viele Unternehmer, mit denen man spricht, überlegen sich dreimal, ob sie das Formular überhaupt unterschreiben, weil sie Angst haben, dass man ihnen im Nachhinein einen Subventionsbetrug nachweisen würde. Das ist schon eine sehr kritische Geschichte. Das Problem ist einfach, dass andere Bundesländer das komplett anders handhaben. Gerade in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg bekommen auch Unternehmen bis 30 Mitarbeiter einen Zuschuss, der natürlich auch nicht ohne Hürden gewährt wird, der aber nicht rückzahlbar ist. Die Situation in Rheinland-Pfalz prangern wir ein Stück weit an. Wir fragen, warum es bundesweit so unterschiedliche Regelungen gibt.

Wie viele Firmen sind im Kreis Altenkirchen in einer Schieflage?
Rohrbach: Das lässt sich im Moment noch nicht abschätzen. Ein kleiner Hinweis sind die eingegangenen Anträge der Bundesmittel für kleine Betriebe und Soloselbständige bei der Investitions- und Strukturbank RLP. Bis Montagmittag, 30. März (12 Uhr) waren bereits 3.000 Anträge für ganz Rheinland-Pfalz eingegangen.

Ein weiteres Indiz sind die Ergebnisse einer Blitzumfrage der IHK Koblenz. Hieraus ging hervor, dass sich 90 Prozent der Unternehmen einen Zuschuss wünschen. Das hört sich dramatisch an und wir haben viele ratlose Unternehmer vernommen, die mit starken Schwierigkeiten rechnen. Hier ist es jetzt sehr wichtig, dass die Zuschussanträge des Bundes und die Anträge für Sofortdarlehen jetzt schnell bearbeitet und bewilligt werden. Bis heute kenne ich aber leider kein Unternehmen, bei dem der Antrag bereits bewilligt wurde, beziehungsweise der Zuschuss bereits überwiesen wurde. Und inzwischen haben wir bereits den 2. April 2020. Eigentlich hätte die Soforthilfe bereits zum Monatsende greifen sollen, denn dann sind in der Regel Gehälter, Mieten, Pachten, Leasingkosten fällig. Das bisherige Verfahren widerspricht einer Soforthilfe. Ich hoffe, dass für etwaige Folgeprogramme Maßnahmen einer vereinfachten, vielleicht digitalisierten Antragsmodalität mit einer verständnisvollen Ansprache an die Antragsteller in Betracht gezogen werden.



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Sprechen Sie nur die Landesunterstützung an?
Rohrbach: Im Prinzip beide. Die Bundesmittel werden von der ISB-Bank bearbeitet. Das Formular stand erst am Sonntagabend zum Download bereit. In Nordrhein-Westfalen wurden bereits ab Freitag und über das ganze Wochenende Anträge bearbeitet, und inzwischen wurden schon viele Anträge bewilligt und auch Zuschussbeträge ausgezahlt.

Bellersheim: Meines Wissen ist in anderen Bundesländern schneller gearbeitet worden.

Steht die IHK in Verbindung mit der Landesregierung, um eine Änderung zu erreichen?
Bellersheim: Wir waren als IHK im Land in engen Gesprächen mit der Landesregierung. Wir haben versucht, diesen Flickenteppich zu vermeiden und versucht, eine bundeseinheitliche Lösung zu schaffen. Das aber wird von der Landesregierung anders gesehen. Es scheint so, dass keine Verbesserung von Seiten der Landesregierung geplant ist. Wir haben als IHK des Landes versucht, eine bessere Situation für die Unternehmen im Land zu erreichen. Es ist uns nicht gelungen.

Rohrbach: Ich hoffe, die Landesregierung weiß, wie es um die Unternehmen in der Region steht, und ich hoffe, dass wir in Mainz Gehör finden.

Wie steht es denn um die Unternehmen der Region?
Bellersheim: Eine echte Bestandsaufnahme kann noch nicht erfolgen, weil der ,Shut down' in Rheinland-Pfalz gerade einmal zwei Wochen andauert. Es sind einige Unternehmen, die ihre Produktion stoppen, den Betrieb schließen, teilweise auch, weil die Lieferketten nicht mehr funktionieren. Es gibt allerdings auch viele Unternehmen, die sehr innovativ auf diese Krise reagieren und auf die Herstellung anderer Produkte setzen, auf Produkte, die in der Krise besonders benötigt werden. Das zeigt wiederum, dass der Mittelstand in Rheinland-Pfalz sehr stark ist. Rheinland-Pfalz lebt sehr stark von mittelständisch geprägter Wirtschaftsstruktur. Es gibt viele Unternehmen, die sich Gedanken machen: Können wir unsere Produktgruppen verändern oder verbessern? Ich gehe schon davon aus, dass die Zahl der Insolvenzen, nicht in den nächsten sechs Monaten wegen Aussetzung des Insolvenzschutzgesetzes, natürlich wegen Corona steigen wird. Wie viele es sein werden, wird natürlich massiv davon abhängen, wie lange letztendlich diese Krise uns alle beschäftigen wird.

Rohrbach: Nach einer Umfrage der IHK Koblenz sind 92 Prozent von der Krise betroffen oder werden es sein. Wie viele Betriebe es letztlich nicht schaffen werden, können wir derzeit nicht beziffern. Wir hoffen, dass die Krise schnell vorübergehen wird. Und dann benötigt die Wirtschaft und wir alle Vertrauen und Rückhalt, damit wir auch für etwaige weitere Wellen gewappnet sind.

Gibt es eine Formel, mit der ausgerechnet werden kann, wie lange Firmen überhaupt überleben können?
Bellersheim: Das Problem ist, dass wir nicht wissen, welche Kapitaldecke ein Unternehmen hat. Wir wissen nur über die Gewerbesteuer, wie viel die Unternehmen ungefähr verdienen. Wie viel Rücklagen, wie viel Reserven ein Unternehmen hat, kann daraus nicht abgeleitet werden. Es wird davon abhängen, wie gut und stark die Reserven der Unternehmen sind. Das wird sehr, sehr unterschiedlich sein. Es gibt Unternehmen, die sehr schnell in die Bredouille kommen, und es wird Unternehmen geben, die die Krise länger aushalten . Es gibt keine Statistik. Wir als IHK beziehen unseren Beitrag im Prinzip über die Gewerbesteuer. Und das ist ja immer nur eine Momentaufnahme und sagt nichts darüber aus, wie viel das Unternehmen letztendlich im Jahr erwirtschaftet hat und sagt auch nichts darüber aus, welche Reserven das Unternehmen hat.

Wie lange wird uns diese Krise noch beschäftigen?
Bellersheim: In den Nachwirkungen werden wir sehen, welches Wirtschaftswachstum und welcher Wirtschaftsabschwung uns bevorstehen. Dann wird uns diese Krise aus meiner Sicht, so tippe ich, zwei Jahre beschäftigen. Man kann ja nur sagen, dass uns die wirtschaftlichen Folgen beschäftigen werden. Es wird ganz entscheidend davon abhängen, wie schnell man eine Lösung gegen dieses Virus findet.

Rohrbach: Das ist wie ein Blick in die Kristallkugel. Das wird ganz schwierig. Ich hoffe, es wird sehr schnell ein Impfstoff gefunden.

Herr Bellersheim, wie ist die Lage in Ihrem Unternehmen?
Bellersheim: Wir sind unterschiedlich betroffen. Wir haben Bereiche, die noch sehr stark nachgefragt sind wie die Logistik zum Beispiel. Ich möchte noch eine Lanze brechen für die Berufskraftfahrer, die zurzeit wirklich einen schwierigen Job machen. Dann gibt es Bereiche wie die Tankstellen, die massiv betroffen sind, weil die Menschen nicht mehr Auto fahren. Da gibt es große Einbrüche. Die Pächter haben teilweise schon die Öffnungszeiten angepasst, um Personalkosten reduzieren zu können. Wir sind ganz unterschiedlich betroffen: von stark bis wenig stark. (hak)


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