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Nachricht vom 06.05.2020    

„Es wird nicht immer alles getan, um jedes Leben zu retten“

Corona setzt neue Maßstäbe. Ökonomie, Bildung, soziales Miteinander – die Politik ordnet alles einer Vorgabe unter: dem bestmöglichen Schutz des Lebens. Für Prof. Dr. Claus Wendt, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen, ein Prinzip, das nicht immer Gültigkeit hat.

Claus Wendt ist Professor für Soziologie der Gesundheit und des Gesundheitssystems an der Universität Siegen. (Foto: Uni Siegen)

Siegen. Organspende, Impfpflicht, Zigarettenverbot, Lebensmittelampel? Wieso tut sich die Politik bei diesen Entscheidungen so schwer, der Gesundheit die höchste Priorität einzuräumen? Wendt stellt klar: „Es kann nicht immer alles getan werden, um jedes Leben optimal zu schützen. Auch nicht in der Corona-Zeit. Aber es ist sehr viel mehr möglich, um sich diesem Ideal anzunähern und die Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern."

Es entspreche den Werten und Einstellungen der Menschen, dass dem Schutz des Lebens die allerhöchste Bedeutung zugemessen wird. Bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung würden die meisten jeden Preis zahlen, um wieder gesund zu werden. Deshalb seien Gesundheitssysteme auch immer in Form einer Solidargemeinschaft organisiert. „Abgesehen von den Superreichen ist niemand in der Lage, sich eigenständig gegen das Risiko der Krankheit abzusichern", betont Wendt. „Der Schutz der Bevölkerung im Krankheitsfall erfordert ein öffentliches Gesundheitssystem, das über Steuern oder Sozialversicherungsbeiträge solidarisch finanziert wird."

Die Gesundheitspolitik müsse sicherstellen, dass Ärztinnen, Ärzte und weiteres Gesundheitspersonal ihre Aufgabe so gut wie möglich erfüllen können, Leben zu retten und Menschen zu heilen. Wendt: „Hier nähern wir uns jedoch der Grenze der politischen Verantwortung für den Schutz jedes einzelnen Lebens. Es könnten sämtliche Mittel einer Volkswirtschaft für die Gesundheitsversorgung ausgegeben werden, und es wäre immer noch möglich, mit noch mehr Geld weitere Verbesserungen für die Gesundheit zu erzielen. Das Ausmaß an Ressourcen für die Gesundheitsversorgung ist immer eine politische, keine ärztliche Entscheidung."

Aktuell wird in Deutschland und Ländern mit einer ähnlich starken Wirtschaft etwa jeder zehnte Euro für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Auch in der Vergangenheit hätten mit höheren Gesundheitsausgaben Patientinnen und Patienten besser versorgt werden können. Dabei gehe es aber auch nicht alleine um die Höhe der Ressourcen, so Wendt. In den USA fließe etwa jeder sechste US-Dollar in das weitgehend privat organisierte Gesundheitssystem, jedoch ohne dass die Amerikanerinnen und Amerikaner dadurch gesünder seien oder in der Corona-Krise besser geschützt würden. „An der Begrenzung der für die Gesundheitsversorgung vorgesehenen Ressourcen ist zu erkennen, dass nicht immer alles Menschenmögliche getan wird, um jedes Leben zu retten", sagt der Soziologe.

Täglich fallen im Gesundheitssystem Entscheidungen für oder gegen lebensrettende Maßnahmen. Wendt nennt das Beispiel Organtransplantation. Ein Vergleich mit anderen Ländern zeige, dass die geringe Anzahl an Organspenden in Deutschland nicht mit der geringen Spendenbereitschaft, sondern mit der gesetzlichen Grundlage zusammenhänge. „Mit einer Widerspruchslösung würden in Deutschland Organspenden steigen und Leben gerettet."

In der aktuellen Corona-Krise finde Deutschlands Vorgehen international Anerkennung. Diesen Erfolg möchte Wendt auch auf keinen Fall in Frage stellen. „Aber gleichzeitig lässt sich an möglichen Public-Health-Maßnahmen das Potenzial einer Politik abschätzen, die die Gesundheit jedes Einzelnen immer in den Mittelpunkt stellt und nicht nur in Krisenzeiten. Für viele Verbesserungen sind nicht einmal finanzielle Mittel erforderlich. Nur gesetzliche Regelungen."

Die Frage des Tempolimits sei ein gutes Beispiel. „Einige der Politiker, die aktuell drastische Einschränkungen vornehmen, haben noch vor wenigen Monaten ein generelles Tempolimit auf deutschen Autobahnen verhindert. Ein Tempolimit schützt das Leben vieler Menschen, und die Verminderung der Luftverschmutzung beugt Atemwegserkrankungen vor."

Oder das Rauchen. „Die Anzahl derjenigen, die an Lungenkrebs versterben, liegt Jahr für Jahr ein Vielfaches über der Zahl der Corona-Toten. Ein Werbeverbot und Einschränkungen beim Zugang zu Zigaretten würden sowohl die Raucherzahlen als auch die Lungenkrebstoten deutlich senken."

Auch beim Thema gesunde Ernährung könne die Politik Leben retten, indem mit einfachen Strategien wie einer Lebensmittelampel der Verkauf ungesunder Lebensmittel eingeschränkt wird, mahnt der Gesundheitsexperte. In Kindergärten und Schulen könne durch gesunde Ernährung und täglichen Sport die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachhaltig gestärkt werden. Wendt: „Hierfür wären zusätzliche Gelder erforderlich. Sie stehen aber in keinem Verhältnis zu den staatlichen Mitteln, die aktuell für den Gesundheitsschutz aufgewendet werden." (PM)



Kommentare zu: „Es wird nicht immer alles getan, um jedes Leben zu retten“

1 Kommentar
Mit Interesse und Zustimmung habe ich Ihren Artikel gelesen. Ich würde noch einen aktuellen und wichtigen Punkt hinzufügen: genauso ernsthaft wie sich die Bundesregierung derzeit dem gesundheitlichen Vorsorgeprinzip der Bevölkerung in der Coronakrise widmet, braucht es eine gesamtstrategische Vorsorgepolitik, die den hunderten von wissenschaftlichen Studien zu den Risiken der nichtthermischen biologischen Effekte elektromagnetischer Strahlung auf Mensch und Umwelt Rechnung trägt. Hierzu bietet die industrieunabhängige wissenschaftliche Verbraucherplattform DIAGNOSE FUNK sowie die KOMPETENZINITIATIVE hervorragendes Informationsmaterial. Nach deren Lektüre versteht man die zunehmenden weltweiten Forderungen nach einem Ausbaustopp von Mobilfunk/5G, der schon in einigen Regionen wie z.B. Brüssel, Florenz, Genf Wirklichkeit geworden ist.
#1 von Stephanie Daun-Brater, am 07.05.2020 um 15:31 Uhr

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