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Nachricht vom 11.05.2020    

St. Vinzenzhaus: „Dunkle Corona-Wolke“ noch einige Zeit als Begleiter

In Senioren- und Altenpflegeheimen finden Corona-Viren einen idealen Nährboden, sich auf engstem Raum bestens auszubreiten und sich gegen meistens geschwächte Menschen zu behaupten. Brennpunkte sind aus der gesamten Republik bekannt.

Das St. Vinzenzhaus in Gebhardshain: Große Trauer war in den zurückliegenden Wochen allgegenwärtig. (Foto: hak)

Gebhardshain. Zehn Menschen sind als Bewohner des Alten- und Pflegeheims St. Vinzenzhaus in Gebhardshain an und mit dem Corona-Virus gestorben. Greift die Infektion in solchen Einrichtungen erst einmal um sich, sind die Folgen verheerend, wie viele weitere Beispiele zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen zeigen. Denn noch so strenge Schutzmaßnahmen gebieten einer Covid-19-Ausbreitung in einem solchen Umfeld kaum Einhalt. Markus Hahmann, seit Jahresbeginn 2002 Leiter des 68 Plätze umfassenden Komplexes an der Hauptstraße, spricht im Interview mit dem AK-Kurier über die schwere Zeit, die hinter Bewohnern, Mitarbeitern und den Verantwortlichen liegt, freut sich, dass Infizierte inzwischen genesen sind, und hofft, dass alsbald wieder eine gewisse "Normalität" in den Alltag einzieht.

Was war Ihr erster Gedanke, als sie erfuhren, dass es in Ihrer Einrichtung positive Tests auf Covid-19 gibt?
Der erste Gedanke galt dem Wohl der Bewohner und unserer Mitarbeiter. Wir haben immer gehofft, dass es uns gelingt, dieses hochinfektiöse Virus von unserem Haus fernhalten zu können. Uns war jedoch bewusst, dass es trotz aller eingeleiteten Vorsichtsmaßnahmen geschehen kann, dass Bewohner in Pflegeheimen an Covid-19 erkranken können.

Welche Sicherheitsmaßnahmen bestanden bereits und welche wurden dann zusätzlich veranlasst?
Zu dem Zeitpunkt bestand bereits seit 16. März ein strenges Besuchsverbot. Außerdem setzten und setzen wir bestimmte Standards und Arbeitshilfen um, die sich an den Hygieneempfehlungen des RKI orientieren wie zum Beispiel das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Nachdem wir von den Infektionen erfahren haben, wurden die bereits bestehenden Isolier- und Schutzmaßnahmen in unserem Haus nochmals verstärkt. Wir stehen seit dieser Zeit in engem, täglichem Austausch mit dem Gesundheitsamt Altenkirchen sowie unserer Beratungs- und Prüfbehörde. Bereits innerhalb 24 Stunden nach Bekanntwerden der positiven Ergebnisse wurden durch das Gesundheitsamt Bewohner und Mitarbeiter getestet. In den darauffolgenden Tagen wurden dann bei allen Bewohnern – also auch bei den symptom- und beschwerdefreien – durch die Gebhardshainer Gemeinschaftspraxis Testungen durchgeführt. Aktuell erfolgen bei allen gesunden und negativ getesteten Mitarbeitern wöchentliche Kontrollabstriche. Erfreulicherweise konnten die ersten geheilten Mitarbeiter in Abstimmung bzw. durch Freigabe des Gesundheitsamtes ihren Dienst wieder aufnehmen.

Wie haben die Bewohner die neue Situation aufgefasst?
Wie überall in Alten- und Pflegeheimen kommt auch bei unseren Bewohnern zu der Sorge um die eigene Gesundheit und die Angst sich anzustecken noch ein wesentlicher und wichtiger Aspekt hinzu: Seit über einem Monat besteht ein striktes Kontakt- bzw. Besuchsverbot für die Angehörigen. Die soziale Distanzierung sowie die Isolierungsmaßnahmen stellen eine erhebliche emotionale und psychische Belastung für die Bewohner dar. Telefonate oder Videoanrufe können zwar zur Aufrechterhaltung der Kontakte beitragen und die Situation etwas abmildern; sie ersetzen aber letztlich keine menschliche Begegnung oder das in den Armnehmen eines nahen und geliebten Angehörigen wie Kinder oder Enkelkinder. Gerade auch für Menschen mit Demenz zeigt sich die Alltagssituation in den stationären Einrichtungen als neu und ungewohnt. Sie können die Schutzmaßnahmen nicht einordnen, und der Kontakt zu Mitarbeitern in vollständiger Schutzausrüstung mit FFP2-Masken, Schutzkitzel und Visieren ist für sie fremd und wird als große Distanz erlebt.

Inwieweit wurden die Angehörigen informiert?
Nach dem Bekanntwerden der Infektion in unserer Einrichtung haben wir unmittelbar alle Angehörigen und Betreuer informiert. Die Sorge um die Gesundheit und das Wohlergehen ihrer Angehörigen ist verständlich und nachvollziehbar. In den zahlreichen Telefonaten der vergangenen Wochen haben Angehörige uns aber auch sehr häufig mitgeteilt, dass die Angst vor einer möglichen Ansteckung mit Covid-19 häufig genauso schwer wiegt, wie die psychische Belastung durch das seit Wochen andauernde Besuchsverbot. Angehörige und Bewohner leiden daher gleichermaßen unter dieser außergewöhnlichen Situation.



Sind Sie zufrieden mit der Unterstützung, die Ihnen von außen zuteil wurde?
Wir sind sehr dankbar, dass uns die Bevölkerung, der Förderverein und die Angehörigen sowie alle Menschen im Umfeld viel Verständnis für die Situation entgegenbringen und uns auf vielfältige Weise unterstützen. Mit dem Gesundheitsamt stehen und standen wir natürlich im engen Austausch. Wir sind froh über diese außerordentlich gute und konstruktive Zusammenarbeit in diesen nicht leichten Zeiten. Mein ganz besonderer Dank gilt unseren Mitarbeitern für ihren außerordentlichen Einsatz in den vergangenen Wochen sowie dem Gesundheitsamt Altenkirchen und der Gebhardshainer Gemeinschaftspraxis für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung in dieser schwierigen Zeit.

Bieten Sie neben dem Telefon zusätzliche Möglichkeiten der Kommunikation nach draußen?
Neben Telefon- und Videoanrufe haben wir seit Mitte letzter Woche für unsere Einrichtung - in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Altenkirchen - für Angehörige besondere Besuchs- bzw. Kontaktregelungen getroffen. Etwas verkürzt formuliert sieht diese so aus, dass für die Bewohner, die mit Covid-19 infiziert waren und als geheilt gelten, die Möglichkeit gegeben ist, dass deren Angehörige unter Einhaltung der Hygiene- und Schutzmaßnahmen mit ihnen ab der Haustür im angrenzenden Park spazieren gehen können, jedoch nicht ins Haus kommen dürfen. Für die nicht Covid-19 infizierten Bewohner haben wir eine sogenannte „Besucherbox“ in unserem angrenzenden Günter-Schneider-Saal eingerichtet, sodass ein größerer Raum für Normalität und Freiheit in der Begegnung ermöglicht wird.

Der Tod ist ständiges Thema in Ihrer Einrichtung: Wie betroffen waren Ihre Mitarbeiter und Sie von der Dimension der Folgen der Infektionen?
Die Corona-Pandemie hat jetzt schon tiefe Spuren hinterlassen, und natürlich sind wir tief betroffen. Die „dunkle Corona-Wolke“ wird uns wohl noch einige Zeit begleiten. Selbstverständlich versucht unser Team wie gewohnt, das Beste zu geben und mit hoher Professionalität und Engagement mit der Situation angemessen umzugehen. Eine derartige Ausnahmesituation hat es bislang noch nicht gegeben. Nach der Corona-Pandemie wird für uns alle, sowohl im St. Vinzenzhaus als auch bundesweit, nichts mehr so sein wie zuvor.

Konnte den Menschen, die gestorben sind, in ihren letzten Lebensstunden ein wenig Beistand zuteil werden?
Die Bedürfnisse und Wünsche unserer Bewohner in der letzten Lebensphase waren und sind schon immer ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Auch in dieser schwierigen Zeit konnten wir die uns anvertrauten Bewohner unter Einbindung der Angehörigen in den letzten Lebensstunden begleiten.

Verfügt Ihre Einrichtung über genügend medizinische Ausrüstung?
Wir haben das große Glück, mit einem Logistikzentrum sowie weiteren Lieferanten zusammenzuarbeiten, bei denen wir in ausreichenden Mengen unsere Bestellungen aufgeben können. Direkt nach Ausbruch der Corona-Pandemie wurden wir bevorzugt beliefert.

Haben Sie Wünsche, die zu einer Verbesserung der Situation rund um Ihre Einrichtung und deren Bewohner führen können?
Bislang wissen die Experten selbst noch nicht viel über das hochinfektiöse Virus. Darum wird mit Hochdruck auf der ganzen Welt daran gearbeitet, möglichst viel an dem Virus zu forschen, um rasch einen Impfstoff bereitstellen zu können. Wir hoffen, dass dies bald gelingt, um künftig viele Menschenleben retten zu können. Darüber hinaus wünschen wir uns, dass in unserem Haus bald wieder ein Stück „Normalität“ einkehrt. Wir könnten uns gut vorstellen, mit unseren Erfahrungen einen Beitrag zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Corona-Pandemie zu leisten. (hak)


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